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    Pans Labyrinth
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Pans Labyrinth
    Von Deike Stagge
    Märchen und Kindergeschichten sind manchmal schon ziemlich grausam. Die Lektionen von Max und Moritz oder dem Struwwelpeter zeigen deutlich, dass aus Fantasieprodukten nicht immer nur Freude und romantisches Happy End mit Prinz und Prinzessin hervorgehen. Ein Märchen für Erwachsene habe er machen wollen, sagt Regisseur Guillermo Del Toro (Blade 2, Hellboy, „The Devil’s Backbone“) über seinen Fantasy-Horror „Pans Labyrinth“. Wie grandios ihm das gelungen ist, zeigt allein die Bewertung auf metacritic.com: Dort schaffte der Film unglaubliche 98 Prozent und errang damit sofort Platz vier des All-Time-Highscores. Und das nicht ohne Grund.

    Zwei Jahre nach dem offiziellen Ende des Bürgerkriegs in Spanien setzt Del Toro sein schaurig-brillantes Horrormärchen an und spielt dann ganz geschickt mit den Genreregeln, um seinen eigenen, markanten Stil in die Geschichte einfließen zu lassen. „Pans Labyrinth“ ist ganz sicher ein Märchen. Es gibt Prinzessinnen, gute Feen, Fabelwesen, zu bestehende Prüfungen und ein verlorenes Königreich. Aber diese Welt ist nicht ganz so, wie sie scheint, und kollidiert dann auch noch mit einer von Grausamkeit und Guerilla-Krieg gezeichneten Realität, in der das kleine Mädchen mit dem klangvollen Namen Ofelia (Ivana Baquero) lebt.

    Zusammen mit ihrer schwangeren Mutter Carmen (Adriana Gil) ist sie auf dem Weg zu dem neuen Mann ihrer Mutter, dem erbarmungslosen Capitan Vidal (Sergi Lopez), der in den Bergen einer Freischärlereinheit auf der Spur ist. Der Capitan besteht darauf, dass sein Sohn in seiner Gegenwart geboren wird. Auf dem Weg zum Lager der faschistischen Truppen begegnet Ofelia ein Wesen, das sich als Fee entpuppt und Ofelia zum Pan (Doug Jones) bringt, dem Wächter zu einem unterirdischen Königreich. Der Pan erkennt in ihr die verlorene Prinzessin wieder, erlegt ihr aber drei Prüfungen auf, bevor sie in ihr Königreich heimkehren darf. Während sich das Mädchen an die Erledigung dieser schwierigen Aufgaben macht, in denen sie mit Monstern und ekligen Tieren in Berührung kommt, gibt es Komplikationen in der Schwangerschaft ihrer Mutter. Hausmädchen Mercedes (Maribel Verdú), die den Rebellen in den Bergen heimlich Essen bringt, versucht, sich um das kleine Mädchen zu kümmern. Doch Ofelia riskiert alles, um ihre Prüfungen zu bestehen.

    Eine Parabel über das Erwachsenwerden und die Perversion der Unschuld liefert Autor und Regisseur Guillermo Del Toro mit „Pans Labyrinth“ ab. Ein Film so voller Symbole und Metaphern, dass man ihn sich gut und gern zwei Mal anschauen kann. Diese Mystik und Magie der Phantasiewelt kombiniert der Regisseur mit so abscheulich detaillierten wie präzise grausamen Bildern und macht dem Label Horrormärchen damit alle Ehre. Del Toro erspart seinem Publikum aber auch gar nichts. So hält die Kamera voll drauf, wenn Capitan Vidal einem jungen Bauern mit einer Glasflasche den Kopf buchstäblich zertrümmert. Es gibt Folter, Verstümmelung, ein blutige Geburt und massenhaft Psychoterror. Trotz des Ekels dieser Szenen muss man aber hinsehen anstatt das Gesicht abzuwenden. Denn Del Toro geht es nicht um den plumpen Schockeffekt oder die Lust am Voyeurismus, er stellt die beiden Welten, in denen Ofelia lebt, einander in ihrer Grausamkeit direkt gegenüber. Die morbiden Szenarien und die wie aus Albträumen entstiegenen Monster gibt es zweifelsfrei in beiden.

    Die Charakterzeichnung macht einen weiteren Pluspunkt des Films aus. Den eiskalten Capitan beobachtet man bei seinem morgendlichen Rasier-Ritual oder beim mechanischen Feintuning seiner Taschenuhr. Alles an ihm ist so präzise, dass man schaudert, selbst seine Wutausbrüche scheinen noch kontrolliert und seine Foltermethoden klinisch einwandfrei und effektiv. In Vidal treffen alle Attribute der präzisen politischen Tötungsmaschine des Faschismus aufeinander. Ihm gegenüber steht in der Welt des Labyrinth der schauerliche Pale Man, der nicht nur Kinder verspeist, sondern seine Augen wie Stigmata in den Handflächen trägt und pfauengleich die Hände vor dem Gesicht auffächert, um sehen zu können. Beide sind auf ihre Weise absolut Angst einflößend - für Kinder und für Erwachsene.

    Die brillante Ausstattung und die großartig stimmige Atmosphäre dominieren den Film, der mit einer ebenso ergreifenden wie düsteren Idee daherkommt. Vor allem der professionelle Pantomine Doug Jones, der Pan und auch den Pale Man spielt, kann auf hervorragender Maske und grandiosen Kostümen aufbauen und bringt eine sehr überzeugende und gruselige Leistung. Der stehen die anderen Schauspieler aber nur minimal nach. Die elfjährige Ivana Baquero hat einiges beim Dreh gelernt und überzeugt als naive, aber engagierte und gutherzige Ofelia. Auch die erwachsenen Rollen sind mit spanischen Charakterdarstellern hervorragend besetzt. Der gesamte Cast findet sich sehr gut in der düsteren Fabelwelt Del Toros zurecht, der die Kamera von Guillermo Navarro (Hellboy, Zathura) mit vielen langsamen Fahrten eine märchenhafte Eleganz verleitet, die wunderbar im Kontrast zum Inhalt der Bilder steht.

    Die perfekt gelungene Gratwanderung zwischen Alptraum und Coming-Of-Age in der Welt des spanischen Bürgerkriegs machen „Pans Labyrinth“ zu einem Must-See-Erlebnis jenseits jeglichen Klischees des Popcornkinos. Wer sich den Ängsten seiner Kindheit noch mal stellen möchte, sollte sich den Film unbedingt ansehen.
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