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    Black Book
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Black Book
    Von Nicole Kühn

    Als das Dritte Reich bereits unaufhaltsam seinem Niedergang zustrebt, geht es für die jüdische Sängerin Rachel Stein (Carice van Houten) in den besetzten Niederlanden um Leben und Tod. Immer in Gefahr, entdeckt zu werden, schlägt sich die attraktive junge Frau auf die Seite der Widerstandskämpfer. Als Ellis de Vries bandelt sie mit dem deutschen Offizier Müntze (Sebastian Koch) an, um Mitstreiter vor dem Todesurteil zu bewahren. Obwohl der Plan aufzugehen scheint, endet der Befreiungsversuch in einem Blutbad. Nun wird es brenzlig für Rachel, denn sowohl ihre Kampfkameraden als auch die Deutschen glauben, sie als Verräterin enttarnt zu haben. Was sich liest wie ein weiteres der zurzeit sehr in Konjunktur stehenden menschlichen Dramen aus der dunklen Nazizeit kommt in „Black Book“ unter Paul Verhoevens Regie als packender Thriller daher, bei dem keine der 142 Minuten langweilig wird.

    Die spannungsreiche Story um Bespitzelung, Vertrauen und Verrat konzentriert die wahren Erlebnisse verschiedener Menschen in wenigen markanten Persönlichkeiten. So gibt die fiktionale Story weniger eine historische Begebenheit in ihrem Ablauf wider, vielmehr analysiert sie durch die Bündelung der Ereignisse die verwirrenden Strukturen, die in den letzten Kriegmonaten in den besetzten Gebieten jeden Schritt gefährlich werden ließen und die Entscheidung über Leben und Tod zu einem Akt der Willkür und des Glücks machten. Als Rachels gesamte Familie vor ihren Augen erschossen wird, wagt sie den Wechsel von der Flucht zum Angriff. Auch wenn sie sich dabei immer noch verstecken muss: Sie nimmt die Waffen der Frau, ihren klaren Verstand und ihren untrügerischen Instinkt, um sich in die Höhle des Löwen zu wagen. Carice van Houten gelingt es, die zugleich kaltblütig-berechnende und sehr verletzliche Gemütslage einer Frau zu vermitteln, die nichts mehr zu verlieren hat. Ihre offensichtlich bald schon nicht mehr nur gespielte Zuneigung zum deutschen Offizier Müntze sorgt für ersten Missmut bei Hans Akkerman (Thom Hoffmann), einem Wortführer der Résistance. Auch innerhalb der deutschen Besatzungsmacht tun sich derweil Gräben auf: Müntze, der durch einen Bombenangriff am eigenen Leib erfahren hat, was es heißt, geliebte Menschen zu verlieren, bemüht sich möglichst unauffällig darum, unnötiges Blutvergießen zu vermeiden und verhandelt mit Notar Smaal (Dolf de Vries) über eine Art Friedensabkommen – eben jenem Notar, der Rachel und vielen anderen Juden mit Geld zur Flucht verholfen hat, die durch Verrat zur Todesfalle wurde. Die Lage wird rasant unübersichtlicher, kurz vor der Befreiung ist jeder jedem verdächtig und Vertrauen wie Unachtsamkeit tödlich. Doch mit dem Ende des Krieges ist die Suche nach Schuldigen längst nicht vorüber.

    Verhoeven und Co-Autor Gerard Soeteman haben jahrelang an der Story recherchiert und gefeilt, bis sie letztlich mit der Entscheidung für eine weibliche Hauptfigur den entscheidenden Faktor gefunden hatten, der die Elemente der Geschichte logisch zusammenbringt und sie dem Zuschauer emotional vermittelt. Die tragischen Ereignisse als spannenden Thriller zu erzählen, funktioniert erstaunlich gut und nimmt den Opfern in keiner Weise ihre Würde. Vielmehr gewinnen die Figuren aller Parteien an Glaubwürdigkeit, weil der Film auf die einfache Aufteilung der Welt in Gut und Böse verzichtet. Stattdessen nimmt er sich die Zeit, auch bei moralisch fragwürdigen Personen hinter die Fassaden zu schauen und andererseits den einen oder anderen Helden als Opportunisten zu entlarven. Damit wird auch jeder Einzelne letztlich für sein Handeln verantwortlich, denn so festgelegt die Rollenverteilung angesichts der Umstände zu sein scheint: Geprägt durch die individuellen Eigenschaften und Erlebnisse stößt jeder auf andere Versuchungen und Unwägbarkeiten und muss Entscheidungen treffen – nach bestem Wissen und Gewissen. Eindringlich ohne aufdringlich zu werden schält Verhoeven mit einem starken Ensemble den Kern unter der Vielschichtigkeit der Charaktere heraus: Der menschliche Anstand ist es, der über die Seite entscheidet, auf die man sich stellt. Mit der naiv-opportunistischen Ronnie stellt Verhoeven den Drahtziehern der Ereignisse eine Figur zur Seite, die gerade deswegen so spannend ist, weil sie ihre Handlungen mit scheinbar ahnungslosem Frohmut den Verhältnissen anpasst und damit die breite Masse verkörpert. Erst ihre aufrichtige Freundschaft zu Rachel bzw. Ellis lässt sie Stellung beziehen, ohne jedoch zu einem wirklichen Umdenken zu führen.

    Eine sehr empfehlenswerte und unterhaltsame Lektion in Geschichte, mehr noch aber in Sachen Anstand, Moral und Brüchigkeit vorschneller Verurteilungen liefert uns Verhoeven mit seinem Comeback nach Europa, wo er nach 20 Jahren erstmals wieder einen Film realisierte.

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