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Creep
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Creep
Von Deike Stagge
Mal ehrlich, wer hat während einer U-Bahnfahrt noch keine Freaks getroffen? Irgendwelche Leute, die ohne Grund hysterisch loslachen oder am Bahnsteig laut schreiend und fluchend vorbeiziehen. In jeder Großstadt ist das Alltag. Niemand weiß genau, woran das liegt. Der Brite Christopher Smith setzt seinem Debütkinofilm „Creep“ zum ersten Erklärungsversuch an.

Kate (Franka Potente) arbeitet als deutsche Modelagentin in London. Von der Agenturparty, auf der sie die plumpen Anbaggerversuche von Guy (Jeremy Sheffield) schlagfertig abwehrt, will sie per U-Bahn zu einem anderen High-Society-Stelldichein tingeln. Der Konsum des Wodkafläschchens am Bahnsteig lässt ihre Augen nur kurz zufallen. Als sie aufwacht, sind die Ausgänge der Station verriegelt, alle Rolltreppen abgeschaltet. Ein letzter menschenleerer Zug fährt ein, doch der stoppt mit Kate im Innern nach wenigen hundert Metern im Tunnel. Während sie sich auf den Weg zum Fahrerabteil macht, taucht Koksnase Guy, der sie verfolgt hat, im Abteil auf und versucht, sie zu vergewaltigen. Plötzlich öffnet sich die Tür und der Triebtäter wird unter wilden Schmerzschreien in die Dunkelheit gezogen. Kate tut das einzig richtige: sie rennt, so schnell sie die Stiletto-Pumps tragen.

Auf ihrer Flucht begegnet sie dem Obdachlosenpärchen Jimmy (Paul Rattray) und Mandy (Kellie Scott). Sie kann Jimmy mit einer 50 Pfundnote überreden, sie zum Stationsaufseher zu begleiten, um die Vorfälle zu melden. Auf dem Weg stoßen sie auf eine ansehnliche Blutlache, die sich in einer Spur in den Tunnel verläuft, und kommen zu dem Schluss, dass Mandy von der gleichen Person entführt wurde, die auch Guy angegriffen hat. Es beginnt eine Hetzjagd durch halbdunkle U-Bahn Tunnel und leergefegte Stationen, doch der mysteriöse Killer scheint Kate immer einen Schritt voraus zu sein. In die Enge getrieben muss die deutsche Version der Büro-Barbie zeigen, dass sie nicht nur mit Worten und Models, sondern auch mit improvisierten Waffen und blutrünstigen Monstern umgehen kann.

„Bridget Jones trifft Alien“, so möchte Drehbuchautor und Regisseur Christopher Smith sein Endprodukt verstanden wissen. Die berechnende Kate hat allerdings mit der tollpatschigen Single-Ikone ungefähr soviel gemeinsam wie David Hasselhoff mit Queen Mom (vielleicht das Alkoholproblem?). Die Modelagentin ist perfekt blondiert, beliebt, hat ihren schlanken Körper im Designerkleid geparkt und stürzt so ziemlich jeden, den sie in dieser verhängnisvollen Nacht trifft, ins Verderben. Vor allem letzteres wäre dem Lieblingssingle des Empires wohl nicht passiert. Man glaubt auch keine Sekunde, dass Kates Bücherschrank mit Ratgebern wie „Was Männer wollen“ oder „Endlich Wunschgewicht“ gespickt ist. Einzige Gemeinsamkeit der Damen ist wohl der Galgenhumor in Krisensituationen. Der ist bei Bridget eher in den verbal inkontinenten Genen angelegt, bei Kate das Produkt eiskalter Berechnung. Kate hat ihre Sternstunde, als sie – im Zug mit Guys bestem Stück konfrontiert – nach einem prüfenden Blick diagnostiziert: „Sieht aus wie ein Penis, nur kleiner“. Ja, da kann Mann sich auf was gefasst machen. Mit Franka Potente hat sich auch die richtige Schauspielerin für die Rolle gefunden; sie bringt sowohl Kates zynische Überheblichkeit als auch die Ängste und Zerbrechlichkeit, die in Ausnahmesituation und Lebensgefahr zutage treten, gut zur Geltung. Denn am Ende reagiert die erfolgsverwöhnte Modelagentin wie jeder normale Mensch auch: mit Weglaufen und Kurzschlusshandlungen. Aber da sie - nicht auf den Kopf gefallen – ihre pragmatische Seite entdeckt, kann sie sich auch dem Endkampf mit dem wahnsinnigen Creep stellen.

„Creep“ folgt in seinem Konzept allen gängigen Regeln des Horrorgenres, bietet daher aber auch keine neuen oder originellen Ideen. Viele Nahaufnahmen der Protagonistin, undeutliche Kameraschwenks durch schwach beleuchtete Tunnel, düstere Musik und vom Monster ist bis kurz vor dem Showdown nur andeutungsweise etwas zu sehen. Dafür hört man seine Schreie, die wie eine Mischung von Krähengeschrei und Schnalzlauten klingen. Mit menschlichen Lauten will der „Creep“ schon mal gar nichts zu tun haben.

Wie in vielen neueren Horrorfilmen sind in den Sterbeszenen zurückhaltende Andeutungen der Todesart expliziten, meist in blutrot gehaltenen Bildern von Schlachtorgien gewichen. Von Taktgefühl fehlt jegliche Spur, da der Reiz hier im Zwang Hinsehen zu müssen liegen soll. Dadurch wird der Zuschauer in einen immer angespannteren Zustand versetzt. Hin und wieder wird noch ausgeblendet, um ein „Was-kommt-jetzt“-Gefühl zu erzeugen und damit eine Figur später noch einmal auftauchen kann.

Über die Nebenrollen gibt es sowieso nur wenig zu sagen: die meisten tauchen auf, sprechen drei Sätze und landen dann unter dem rostigen x-large Messer des Creeps. Das Publikum erlebt die Geschichte vollständig aus der Sicht von Kate. Stattdessen spielt das Timing eine wichtige Rolle im Film. „Creep“ spielt fast in Realzeit und bietet auch lange Sequenzen, in denen die Darsteller ausschließlich in den Tunneln herumlaufen, bloß um dann wieder eine gezielte Schrecksekunde zu präsentieren. Wer auf der Suche nach einer schnellen Horrorfahrt mit bewährten Schockeffekten ist, befindet sich mit „Creep“ schon im richtigen U-Bahntunnel.
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