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    Der weiße Planet
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Der weiße Planet
    Von Christoph Petersen
    In Zeiten, in denen die alltägliche Realität noch unglaublicher als Hollywoods Phantasiewelten erscheint, setzt der Dokumentarfilm seinen Siegeszug in den Kinos unbeirrt fort – selbst Multiplexe werden von den amerikanischen Satiredokus eines Michael Moore (Bowling For Columbine, Fahrenheit 911) oder Fußballreportagen (Deutschland. Ein Sommermärchen) überrollt. Dabei drängt sich vor allem ein Subgenre – zumindest was die bloße Anzahl in Deutschland startender Produktionen angeht – immer deutlicher in den Vordergrund: aufwändige Naturdokus. Und die mit Abstand meisten dieser Filme stammen merkwürdigerweise aus Frankreich – mit „Mikrokosmos“, Nomaden der Lüfte und Die Reise der Pinguine stammen die erfolgreichsten Vertreter der letzten Jahre allesamt von unseren westlichen Nachbarn. Auch die mit beeindruckenden Tieraufnahmen und unbeschreiblichen Eispanoramen aufwartende Arktis-Doku „Der weiße Planet“ hat mit den Regisseuren Stéphane Milliére und Thierry Piantanida zwei Franzosen am Ruder.

    Die Macher von „Der weiße Planet“ haben bei der Dramaturgie ihrer eisigen Erzählung immer an der Vorstellung von einer „Oper der Wildnis“ festgehalten. So bekommen – vergleichbar mit den Akten einer Oper – alle Bewohner der Arktis in kurzen, aber eindringlichen Episoden vom Lemming bis zum Moschusochsen und vom Killerwal bis zum Beluga ihren ganz eigenen, ganz speziellen Auftritt. Insgesamt wird so, immer wieder von kolossal-schönen Panoramen unterbrochen und von den stetig wiederkehrenden Eisbären zusammengehalten, die Geschichte eines ganzen arktischen Jahres erzählt. Dabei sind die Kameras so nah an den faulenzenden, spielenden oder gar um ihr Leben kämpfenden Protagonisten dran, wie man es zuvor nur selten gesehen hat – egal ob an Land, an steilen, kantigen Klippen oder sogar unter Wasser, immer zeugen die Aufnahmen nicht nur von einer einmaligen Schönheit, sondern auch von einer ungewohnten Vertrautheit. Und wie die beiden Regisseure mit Infrarotkameras an eine im Schnee eingebuddelte Eisbärenmutter mit ihrem Jungen herangekommen sind, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.

    Von der naiven Vermenschlichung in Die Reise der Pinguine über die arrogante Pseudophilosophie in Die Erde von oben bis hin zu Der letzte Trapper, dessen Synchronisation auf Drängen der deutschen Filmkritik sogar noch einmal komplett neu überarbeitet wurde – die Kommentare von Kino-Naturdokus schwankten – so unvergesslich die Bilder an sich auch gewesen sein mögen – in den letzten Jahren zwischen dämlich und nahezu unerträglich. Und auch zu Beginn von „Der weiße Planet“ sammelt der Kommentar, in der deutschen Fassung von Wollmützenbarde Ben gesprochen, mit seiner geheimnisvollen, bedeutungsschwangeren Metaphorik den einen oder anderen Minuspunkt. Allerdings werden die Erklärungen im Verlauf des Films erfrischend schnell auf ein Minimum zurückgefahren, leisten meist nur noch eine reduzierte Einführung und lassen den Zuschauer dann mit den Bildern, die überwiegend sowieso für sich selbst sprechen, allein.

    Nicht ganz soviel Zurückhaltung beweist die musikalische Untermalung, die eher gemischte Gefühle hinterlässt. Ganz im Sinne der „Oper der Wildnis“ nimmt der Score an vielen Stellen übertrieben pompöse Ausmaße an. Dafür überzeugt Komponist Bruno Coulais, der 2004 für seine Arbeit an „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ eine Oscarnominierung erhielt, aber immer dann, wenn er sich der Musik etwas verspielter nähert: Fast wie bei einem alten Stummfilmen vertont er die Bewegungen der Tiere mit einer ganz eigenen klanglichen Dramaturgie. Auch wenn dies ein wenig wie Disney-Style anmutet, verleiht es vielen Szenen doch noch einen zusätzlichen Pep.

    So bleibt die einzige echte Schwäche des Films, dass auch „Der weiße Planet“ nicht davor gefeit ist, ab und an einen zu vermenschlichten Blick auf die arktische Tierwelt zu werfen. Da wird der Polarfuchs, der ein Ei „stiehlt“, genauso thrillerähnlich überhöht in Szene gesetzt wie der Eisbär, der aufgrund der schmelzenden Packeisschicht keinen Halt mehr findet. Nur ist das eine ein einfacher Akt des Überlebens – ganz natürlich und ohne jede Grausamkeit. Hier ist jede künstliche Dramatisierung absolut überflüssig, im Endeffekt sogar lächerlich naiv. Beim Eisbär hingegen, dessen wegbrechender Lebensraum mindestens zum Teil durch den von Menschenhand beeinflussten Klimawandel (hier sei noch einmal auf Al Gores informative Dokumentation Eine unbequeme Wahrheit hingewiesen) mitverschuldet ist, ist jedes düstere Grollen als eindrückliche Warnung nicht nur angebracht, sondern gar bitter nötig. Aber obwohl er seine Kritikpunkte nicht immer treffsicher platziert, bleibt „Der weiße Planet“ Dank der ungewöhnlichen Nähe zu seinen tierischen Protagonisten und dem zurückhaltenden Kommentar auch als X-te–Naturdoku 2006 dennoch sehenswert.
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