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Harsh Times - Leben am Limit
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Harsh Times - Leben am Limit
Von Johannes Pietsch
Christian Bale gehört fraglos zu den talentiertesten Charaktermimen, die das zeitgenössische Hollywood zu bieten hat. Seine Darstellung des Psychopathen Patrick Bateman in der Bret-Easton-Ellis-Verfilmung American Psycho blieb ebenso eindringlich in Erinnerung wie der ausgemergelte Trevor Reznik aus Brad Andersons The Machinist. „Shaft“, Die Herrschaft des Feuers und vor allem seine wirklich großartige Verkörperung des dunklen Fledermaus-Helden aus Christopher Nolans Batman Begins bewiesen, dass sich Bale ebenso auf Blockbuster-Kino versteht wie auf schräge, abnorme Charakterrollen. Sein Kriegsveteranen-Drama „Harsh Times“ kann indes die Erwartungen trotz des unzweifelhaft hohen darstellerischen Levels Bales nicht erfüllen, zu flach, banal und klischeehaft nehmen sich Handlung und übrige Figuren des Films aus.

„Harsh Times“, das Regiedebüt des bislang vor allem als Drehbuchautor in Erscheinung getretenen David Ayer, feierte Weltpremiere beim Toronto International Filmfestival 2005. In Deutschland erscheint der Streifen ohne Kinostart als Direct-To-DVD-Premiere.

Christian Bale mimt darin den psychisch schwer deformierten Afghanistan-Veteranen Jim Davis, der nach sechs Jahren Kriegseinsatz bei den United States Army Rangers, besser bekannt als „Green Berets“, im Polizeidienst Fuß zu fassen versucht. Doch sein impulsiver Charakter und vor allem sein Drogen-Konsum machten bislang alle seine Bewerbungen zunichte. An seiner Seite mimt Freddy Rodriguez den liebenswerten, sanftmütigen Latino-Sidekick Mike Alonzo, der nach einem beruflichen Scheitern als Webdesigner ebenfalls auf der Suche nach einem Job ist und so lange von seiner ebenso attraktiven wie resoluten Ehefrau Sylvia („Desperate Housewife“ Eva Longoria) durchgeschleppt wird.

Jim strebt eine Laufbahn im Police Departement von Los Angeles an und möchte seine mexikanische Freundin heiraten, lässt sich jedoch gemeinsam mit Mike immer wieder zu Drogen-Eskapaden oder kleinkriminellen Spontanaktionen hinreißen. Bei mehreren Konfrontationen, unter anderem mit dem Lebensgefährten seiner Ex-Freundin, entgeht er jedes Mal nur knapp einem Fiasko. Als beide eine große Ladung Haschisch aus Mexiko über die Grenze schmuggeln, nimmt das Unheil endgültig seinen Lauf.

Es ist die klassisches Geschichte eines Untergangs, eines Individuums, das sich nach traumatischen Kriegserlebnissen in seiner gewohnten Umgebung nicht mehr zurecht findet und auf Grund der im Krieg erworbenen Verhaltensmuster an den Gesetzmäßigkeiten der Zivilisation scheitern muss. Wie ein Franz Biberkopf aus Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ will dieser Jim Davis eigentlich Arbeit und Wohnung finden, um ein neuer Mensch zu werden, und wird doch Opfer spontaner Triebe, Verlockungen und impulsiver Gefühl- und Wutausbrüche.

Dem hohen Anspruch eines Kriegsveteranen-Dramas wird Regisseur und Drehbuchautor David Ayer jedoch kaum gerecht. Viel zu flach, viel zu ideen- und belanglos und viel zu klischeeüberfrachtet verschießt die Verlierer-Geschichte schon zu Beginn ihr Pulver. Schon in den ersten Minuten des Films bekommt der Zuschauer die seelischen Deformationen der Hauptfigur löffeldick aufgetragen: Kriegsheimkehrer Jim hat Schlafstörungen, ist beziehungs- und liebesunfähig, impulsiv, triebgesteuert und auf Grund der erlittenen Traumatisierungen nicht nur selbst nicht resozialisierbar, sondern reißt zudem seinen unbescholtenen und gutherzigen Freund Mike mit ins Verderben. Ausgerechnet von einem David Ayer, der als Drehbuchautor in Antoine Fuqas hervorragendem Training Day Oscar-Gewinner Denzel Washington als hinterhältig-bösen und durch und durch korrupten Cop auf die expressionistische Reise durch die mitternächtliche Großstadt schickte, hätte man bei einem solchen Stoff wesentlich mehr Fingerspitzengefühl zugetraut.

Auch gelingt es Ayer nicht, seinem Film einen wirklichen Spannungsbogen zu verleihen. Als platte Nummern-Revue vor Ghetto-Kulisse werden Jims und Mikes Hahnenkämpfchen mit Latino-Gangs, Drogendealern, Ehefrauen und Ex-Freundinnen in Szene gesetzt. Und obwohl man den finsteren Ausgang der Geschichte schon bald erahnt, fehlt es völlig an zwingender, innerer Spannung, die darauf zusteuert, zumal der Zuschauer zu keinem Zeitpunkt für einen der beiden Hauptfiguren sonderlich Mitgefühl oder gar Sympathie entwickeln kann. Damit bleibt „Harsh Times“ trotz mehrfacher, überdeutlicher Anleihen meilenweit hinter Ayers Meisterstück „Training Day“ zurück, sondern verharrt vielmehr auf dem Level seiner übrigen, reichlich einfältigen Skripte wie U-571, The Fast And The Furious oder S.W.A.T..

Darstellerisch hebt sich der trotz fader Handlung großartige Christian Bale überdeutlich von der restlichen Darstellerriege ab. Die kann zwar zum Teil mit bekannten Namen (Freddy Rodriguez, Eva Longoria), jedoch kaum bemerkenswerten schauspielerischen Leistungen aufwarten. Einen hübschen, kleinen Gastauftritt liefert Spider-Man-Star J.K. Simmons als FBI-Ausbilder. Wenig zu kritteln gibt es an der Kameraarbeit: Elegant und schnittig wurde das Ghetto-Milieu von Steve Mason ins Szene gesetzt.

Fazit: Schade, schade. Aus Chance zu großem, vielschichtigem Drama trotz erstklassigen Hauptdarstellers wenig gemacht. Ein anderer Regisseur und Drehbuchautor hätte dies wesentlich stimmiger, eindringlicher und mitreißender inszenieren können.
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