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Eine Frage der Ehre
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Eine Frage der Ehre
Von René Malgo
Am Broadway avancierte Aaron Sorkins Theaterstück „A Few Good Men“ zu einem von Publikum und Kritikern gleichermaßen gefeierten Bühnenerfolg. Kein Wunder also, dass alsbald Hollywood an seiner Tür klopfte. Das Klopfen war nicht vergeblich, Sorkin schrieb das Drehbuch gleich selbst. Die Verfilmung von Rob Reiner mit u. a. Tom Cruise, Jack Nicholson und Demi Moore prominent besetzt, wurde ein großer Erfolg (z.B. nominiert für vier Oscars, inklusive „Bester Film“) und spielte in den USA 141 Mio Dollar ein (weltweit: 237 Mio Dollar).

US-Militärstützpunkt, Guantanamo Bay, Kuba. Lance Cpl. Harold W. Dawson (Wolfgang Bodison) und Pfc. Louden Downey (James Marshall) suchen Pfc. William T. Santiago (Michael DeLorenzo) in dessen Zimmer auf, fesseln Hand- und Fußgelenke mit starkem Klebeband und stopfen dem Wehrlosen ein Stück Tuch in den Mund. Sie wollen ihm eine Abreibung verpassen. Doch plötzlich beginnt Santiago aus dem Mund zu bluten und verstirbt. Die beiden Täter werden angeklagt und der unmotivierte Navy-Offizier und Militäranwalt Lt. Daniel Kaffee (Tom Cruise) als Verteidiger beigeordnet. Er hält den aktuellen Rekord in Sachen außergerichtlichen Deals und hat noch keinen Gerichtssaal von innen gesehen. Die unerfahrene, aber engagierte Lt. Cdr. JoAnne Galloway (Demi Moore) vermutet hinter der Tat jedoch einen so genannten Code Red. Das ist eine von Offizieren angeordnete Strafaktion - bei den alten Hasen immer noch beliebt, aber mittlerweile verboten. Sie wollte den Fall, bekam ihn nicht, lässt sich aber von Pfc. Louden Downeys Tante als dessen Verteidigerin einsetzen. Nach einem Treffen mit dem diensthabenden Kommandanten in Guantanamo, Col. Nathan Jessep (Jack Nicholson), beginnt auch Kaffee, an einen Code Red und somit seinen Mandanten zu glauben. Beharrt er aber auf diesem Punkt, muss er sich mit dem hoch dekorierten Colonel Jessep anlegen und seine eigene Karriere gefährden…

Eines vorweg: „Eine Frage der Ehre“ ist ein typisches Produkt der Traumfabrik, ein hollywoodscher Vorzeigefilm par excellence. Das Ende ist genauso abzusehen, wie das Werk einen auf Hochglanz polierten Justiz-Militär-Reißer darstellt. Nichtsdestotrotz, ja gerade deshalb funktioniert das Gerichtsdrama tadellos und gehört zum Besten, was Hollywood in diesem Subgenre hervor gebracht hat.

Über die Schauwerte und inszenatorischen Qualitäten braucht nicht diskutiert zu werden. Regisseur Rob Reiner (Harry und Sally, Hallo, Mr. President) macht als Verantwortlicher so ziemlich alles richtig, ohne wenn und aber. Gleiches gilt für seine überaus fähige Crew hinter den Kulissen. Nicht umsonst war Cutter Robert Leighton für den besten Schnitt nominiert. Kameramann Robert Richardson steht in diesem Zusammenhang auch eine lobende Erwähnung zu. Michael Taylors detailverliebte Ausstattung, das anschauliche Setting und Gloria Greshams authentische, stattliche Kostümgestaltung lassen die richtige Atmosphäre aufkommen. Die sichere Inszenierung, der schöne Stil, sie hätte auch so manchem poetischen Liebesdrama gut zu Gesicht gestanden.

Aaron Sorkin, verantwortlich sowohl für das erfolgreiche Theaterstück, als auch Autor des Drehbuchs, nahm einige kleinere, aber sinnige Änderungen vor. Unter anderem wurde das Geschehen auf mehrere Locations ausgeweitet. Nichtsdestotrotz findet der Kern der Handlung im Gerichtssaal statt. In jenen Szenen ist dem Film deutlich und positiv seine Theaterherkunft anzumerken. Die intelligenten Dialoge zeugen von Tiefe und bringen auch Humor in den vordergründig trockenen Stoff. Maßgeblich mit dafür verantwortlich war Komödienveteran Rob Reiner, der sich an den komischen Elementen in der Vorlage beteiligt hat. Obgleich ein Drama, kann der Betrachter einige Male herzlichst Lachen, dem dramatischen Stoff oder der anspruchsvollen Aussage tut dies keinen Abbruch. Die vielen amüsanten Einschübe, oftmals zynischer Art, lockern das Geschehen nicht nur auf, sondern kommentieren manche Begebenheit auch mit einer dem Film ganz eigenen, durchaus sympathischen Süffisanz.

Diese zeigt sich vor allem in der Person des Daniel Kaffee, dargestellt von Tom Cruise. Jener profitiert zwar vom Starbonus, macht seine Sache aber gut. Ohne Mühe kauft ihm der Zuschauer den arroganten Sonnyboy ab, ein Freund mit jedermann, etwas oberflächlich und für Ironie immer zu haben. Ein bisschen zynisch ist auch sein beratender Mitarbeiter Lt. Sam Weinberg (Kevin Pollak). Der hat desgleichen ein paar Sprüche auf Lager, allerdings solche von der subtileren Sorte. Er ist auch der Erfahrenere und Skeptischere von beiden. Kevin Pollak im Übrigen ist nicht nur ein sehr guter Darsteller, sondern auch ein begnadeter Komiker. Erstaunlich überzeugend macht Demi Moore ihre Sache als etwas naive, aber sehr leidenschaftliche Militäranwältin. Schauspielerisches Highlight des Films ist aber ohne Zweifel der in dieser Rolle auch für den Oscar als bester Nebendarsteller nominierte Jack Nicholson. Wenn er auftritt, beherrscht der unvergleichliche Grinsekater Hollywoods die Szenerie. Es ist unter anderem auch ihm zu verdanken, dass das gewagt herausgearbeitete Finale überzeugt. Zwar hat Drehbuchautor Sorkin ganze Arbeit geleistet, aber mit dem falschen Darsteller in der entscheidenden Rolle hätte die Wendung zum mehr oder weniger Guten für den Betrachter schnell zur Farce werden können. So aber ergänzt sich die Crew hervorragend.

Die gewählten Schauspieler überzeugen, ziehen ihren Nutzen aber auch aus wohlüberlegten Charakterisierungen. In weiteren Rollen sind noch mehr Stars zu sehen: U.a. der mittlerweile verstorbene Charaktermime J.T. Walsh, das schauspielerische Allroundtalent Kevin Bacon oder die Herren Kiefer Sutherland - köstlich als arrogantes Ekelpaket - und der damals unbekannte Cuba Gooding Jr. in einer ganz kleinen Rolle.

Die ausgefeilte Dramaturgie und einige effektvolle, passend eingesetzte, typische Thrillerszenen bescheren die nötige Spannung. Mit dafür Sorge tragen aber auch die vom Starensemble vorgetragenen, fesselnden Dialoge. Unterhaltungswert und Suspense stimmen, vom Anspruch kann selbiges behauptet werden. Denn über die in bester Hollywoodmanier zelebrierten, oberflächlichen Reize hinaus, hat „Eine Frage der Ehre“ sehr wohl auch Tiefgang und Inhalt zu bieten. Kritisch geht der Film mit Praktiken des US-Militärs um, verschweigt auch nicht die Eine-Hand-wäscht-die-andere-Mentalität und hinterfragt einige eingefahrene (Militär-)Gerichtspraktiken. Effektiv prangert der Film an, eben weil er auch tadellos unterhält und auf Schwarz-Weiß-Malerei verzichtet. Der Zuschauer kann die Beweggründe der beiden Marines, die angeklagt sind, verstehen, begreift sogar Colonel Jesseps Standpunkt und kauft ihm zu Recht ab, dass er sich keiner Schuld bewusst ist. Auf der anderen Seite ist das Opfer, William Santiago (Michael DeLorenzo) schon einer, der nicht unbedingt die volle Sympathie jedes Zuschauers genießen muss. Die verschiedenen Standpunkte werden insbesondere unter dem Verteidigertrio ausgetragen, wo die eher konservative und doch aufklärerisch bestrebte Galloway (Demi Moore) dem liberalen Weinberg (Kevin Pollak) gegenüber steht. Dazwischen steht Identifikationsfigur und Star Tom Cruise als Daniel Kaffee, der zeitweise ein bisschen die Rolle des Zuschauers übernimmt, bzw. mit dem Zuschauer den Zugang in die „Materie“ erleichtert.

„Eine Frage der Ehre“ regt zum Nachdenken an, das Ende fällt zwar gut aus, aber nicht „happy“. Auch wenn sich das Drama vorbildlich differenziert gibt, bezieht es am Ende doch eindeutig moralisch Stellung. Dies fasst der angeklagte Lance Cpl. Harold W. Dawson (Wolfgang Bodison), der im Laufe des Filmes auch eine persönliche Wandlung durchmacht, am Ende klar zusammen. Der mit ihm angeklagte Pfc. Louden Downey (James Marshall) fragt, was sie denn falsch gemacht hätten, Dawson erklärt es ihm und damit den Standpunkt des Films.

Pfc. Louden Downey: What did we do wrong? We did nothing wrong.

Lance Cpl. Harold W. Dawson: Yeah, we did. We were supposed to fight for the people who couldn't fight for themselves. We were supposed to fight for Willie.

„Eine Frage der Ehre“ ist ein perfekt inszeniertes und erzähltes Ensemblestück und beeindruckendes Drama, noch immer mit moralischer und politischer Relevanz, schon weil Guantanomo dieser Tage aus oberflächlich ganz anderen, in der Konsequenz aber ähnlichen (moralischen) Gründen, in aller Munde ist.
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