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    Gnomeo und Julia
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Gnomeo und Julia
    Von Florian Koch
    Ein Filmjahr ohne William Shakespeare? Kaum vorstellbar. Und auch 2011 steht ganz im Zeichen des legendären britischen Dramatikers. Julie Taymors stark modernisierte Version von „The Tempest" konnte mit Helen Mirren, Alfred Molina und Russell Brand zwar ein beeindruckendes Schauspielerensemble aufbieten, fiel in den USA aber bei Kritikern und Zuschauern durch und hat noch keinen deutschen Starttermin. Ralph Fiennes' Regiedebüt „Coriolanus" feiert auf der Berlinale seine Weltpremiere und auch Roland Emmerich arbeitet sich an dem Schöpfer solcher Meisterwerke wie „Hamlet" und „Othello" filmisch ab. Sein „Anonymous" geht der wahren Identität von Shakespeare auf den Grund. Aber das war noch nicht alles. Wesentlich weniger bedeutungsschwanger ist der Ansatz von Kelly Asbury („Shrek 2") in „Gnomeo und Julia". Wie es schon der Titel andeutet, versteht sich der 3D-Animationsfilm als eine Art Verballhornung der größten Liebesgeschichte aller Zeiten – angesiedelt im Gartenzwergmilieu.

    Ausgerechnet in Shakespeares angeblichem Geburtsort Stratford-upon-Avon steht ein Reihenhaus, in dem ein tiefer Nachbarschaftsstreit zwischen Mr. Capulet (Originalstimme: Richard Wilson ) und Miss Montague (Julie Walters) ausgebrochen ist. Was die beiden Streithähne nicht wissen: Die Gartenzwerge ihrer grotesk verkitschten Grünanlagen führen ein Eigenleben. Und auch hier liegen sich die Bewohner in den Haaren. Die Rotmützenträger werden angeführt von dem übervorsichtigen Lord Redbrick (Michael Caine), der besonders um seine lebenslustige Tochter Julia (Emily Blunt) besorgt ist. Ihnen gegenüber stehen die Blaumützen unter der mütterlich-strengen Obhut von Lady Bluebury (Maggie Smith). Ihr Aushängeschild ist Gnomeo (James McAvoy), der mit dem ewigen rotblauen Gezanke wenig anfangen kann. Nur bei den spektakulären Rasenmäherduellen, die er sich mit dem brutalen roten Schläger Tybalt (Jason Statham) liefert, blüht Gnomeo auf. Die ganze Streit-Situation verändert sich grundlegend, als Gnomeo zufällig Julia dabei erwischt, wie sie aus dem Garten der Blauen eine herrliche Orchidee entwenden will. Nach einem kurzen Disput verlieben sich die beiden unsterblich ineinander. Doch die selbstzerstörerischen Wettkämpfe der verfeindeten Familien bedrohen das junge Glück...

    So schwer es den beiden Verliebten in „Gnomeo und Julia" fällt, sich von ihrer familiären Herkunft zu lösen, so kompliziert verlief auch die Produktion des Animationsfilms. Die Idee zu „Gnomeo und Julia" stammt ursprünglich von Rob Sprackling und John R. Smith - und es verwundert nicht, warum Walt Disney Feature Animation den Stoff ursprünglich realisieren wollte. Der Kampf der Capulets gegen die Montagues hat schließlich etwas Kleinbürgerlich-Spießiges an sich. Und deswegen scheint es auch nur konsequent, die völlig überflüssigen Streitereien in einen Vorgarten-Krieg zwischen Gartenzwergen zu zwingen. Allerdings soll John Lasseter von dieser Idee weniger begeistert gewesen sein. „Gnomeo und Julia" wanderte daraufhin durch viele Produzentenhände und ganze sieben Drehbuchautoren machten sich an die Bearbeitung der Vorlage. Am Ende sollte Touchstone zugreifen und mit „Gnomeo und Julia" 18 Jahre nach dem Stop-Motion-Spaß „The Nightmare Before Christmas" wieder einen Animationsfilm in die Kinos bringen. Diesen langen Produktionsprozess, bei dem auch die eigentlichen Originalsprecher Kate Winslet und Ewan McGregor ersetzt werden mussten, merkt man „Gnomeo und Julia" am Ende durchaus an.

    So famos die Idee von „Gnomeo und Julia" eigentlich erscheint, so enttäuschend ist am Ende die Umsetzung. Viele Storyfäden wirken wie nicht ganz zu Ende gedacht, bleiben Stückwerk. Ganz im Gegensatz zum meisterhaften „Toy Story 3", an den Kelly Asburys Film streckenweise erinnert. Auch hier wird die Erwachsenenwelt scharf von der Spielzeugwelt getrennt - eine Interaktion findet nicht statt. Wie Woody und Co „versteinern" auch die Gartenzwerge urplötzlich, wenn sie ihren „Schöpfern" begegnen. Dem Problem, Menschengesichter glaubwürdig zu animieren, geht „Gnomeo und Julia" geschickt aus dem Weg, indem Mr. Capulet und Miss Montague nie vollständig zu sehen sind. Leider entwickeln die Zwerge auch nie vollständig menschliche Charaktereigenschaften, die auch ältere Kinozuschauer anrühren könnten. Gnomeo ist der vorsichtige Held wider Willen und Julia die typisch-moderne Powerfrau. So weit, so klischeehaft. Beide haben ihre Sidekicks, von denen Julias liebestolle Froschkammerzofe noch den lustigeren Part abbekommt. Vom Zauber der ersten feurigen Liebe ist zwischen Gnomeo und Julia aber nie etwas zu spüren. Da helfen auch die omnipräsenten Songs von Elton John nichts, die ansonsten inhaltlich sehr genau zu den Szenen ausgesucht wurden.

    Zwei Sequenzen illustrieren den Mangel an Emotionalität und dramaturgischer Sorgfalt besonders gut. Zum einen erinnert sich ein pinker Plastikflamingo an seine tragische Vergangenheit, als er seine Partnerin im Nachbarschaftsstreit verloren hat. Natürlich soll die Szene illustrieren, wie überflüssig und gefährlich diese Kämpfe der Gartenzwerge sind. Da der Flamingo aber als komischer Chaos-Kauz eingeführt wurde, verpufft die Traurigkeit der Szene vollends – ganz im Gegensatz zum Rückblick des melancholischen Clowns in „Toy Story 3". Ein andermal trifft Gnomeo bei seinem einzigen Ausflug außerhalb des Kleingartens auf die Originalstatue von William Shakespeare (Patrick Stewart). In einem kurzen Gespräch mit der Ikone wird der tragische Ausgang des „Romeo und Julia"-Originals angesprochen. Aber nur, damit Gnomeo die Legitimation erhält, die Liebesgeschichte positiv umzuschreiben und Shakespeare-Puritaner nicht vergrätzt werden. Eine verpasste Chance, die dem Film im Schlussdrittel fast völlig die Spannung nimmt.

    Für die „Gnomeo und Julia"-Animationen wurde die kanadische Firma Starz („#9") engagiert, die ihre Sache ordentlich macht. Hervorragend umgesetzt wurden die Figuren, hier legte man großen Wert auf Details. Selbst die abbröckelnde Farbe der Keramikoberflächen der Gartenzwerge lässt sich erkennen. Nicht ganz so brillant ist die knallbunte Natur-Umgebung gelungen, hier fehlt es etwas an der Genauigkeit, mit der an den Charakteren gearbeitet wurde. Und wie so oft sind auch die 3D-Effekte nur ein zusätzliches Gimmick, auf das man problemlos verzichten könnte. Nicht verzichtet wurde glücklicherweise auf einige Shakespeare-Anspielungen. Bis auf einen genialen Bühnenprolog und das eine oder andere Namensspiel hätte aber gerade der „Romeo und Julia"-Kosmos noch mehr in die Handlung miteinbezogen werden können. Auch hier wurden Möglichkeiten verschenkt.

    „Gnomeo und Julia" funktioniert als kurzweilige Nummernrevue für jüngere Zuschauer. Witzige Kabinettstückchen wie der von Hulk Hogan eingesprochene Werbeclip für den Brutalo-Rasenmäher Terrafirminator bleiben aber die Ausnahme. Ein modernerer und frecherer Umgang mit der Shakespeare-Vorlage, wie ihn etwa Baz Luhrmann in der Realverfilmung mit Leonardo DiCaprio vorgemacht hat, wäre wünschenswert gewesen. Diese Chance wird ebenso wenig genutzt wie das Wortwitz-Potenzial der exzellenten britischen Sprecher.
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