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Enter The Void
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Enter The Void
Von Jan Hamm
Acht Jahre Erholung hat Gaspar Noé seinem Publikum zugestanden - mit „Enter The Void" ist die Schonzeit abgelaufen. Ob die vom US-Magazin Newsweek 2002 als most walked-out-of movie of the year titulierte filmische Monstrosität „Irreversibel" überhaupt endgültig verarbeitet und ad acta gelegt werden kann, sei dahingestellt. Die formellen Aspekte des Films - von der invertierten Chronologie der Erzählung bis zur visionären Kameraarbeit von Benoît Debie („Vinyan") - beeindrucken zwar nach wie vor, aber vor allem eine betäubende Plansequenz hat sich ins cineastische Gedächtnis eingebrannt: die Vergewaltigung von Monica Bellucci. In den Augen seiner Verächter ist Noé ein Aggressor, der die Leinwand als Waffe missbraucht. Seine Verehrer derweil nehmen ihn als herausfordernden Avantgardisten wahr. „Enter The Void" wird diese Spaltung nicht beheben, ganz im Gegenteil: Er wird sie ausbauen. Der dritte Langfilmstreich des Franzosen ist ein existenzialistischer Trip durch physische und spirituelle Abgründe, der besonders durch die radikal konzipierte Erzählperspektive über weite Passagen eine ungeheure Sogwirkung entfaltet. Dass der überlange Film im letzten Drittel ermüdend redundant ausfällt, kann nicht davon ablenken, dass Noé einmal mehr polarisierende und mit sämtlichen Kino-Konventionen brechende Kunst geschaffen hat.

Nach dem Unfalltod ihrer Eltern haben Oscar (Nathaniel Brown) und Linda (Paz de la Huerta) sich geschworen, immer und ewig zusammen zu bleiben. Jahre später schlägt Oscar sich in Tokio als Drogendealer durch und spart, um für die Nachreise seiner Schwester aus den Staaten aufkommen zu können. Dass diese - endlich in Tokio angekommen - in einem Striplokal jobbt und mit ihrem Boss schläft, lässt erste Risse durch das innige Verhältnis laufen. Einmal noch stehen die Geschwister auf dem Balkon von Oscars düster-chaotischem Apartement und blicken gemeinsam ins Neon-Zwielicht Tokios. Dann begibt sich der junge Mann auf einen Trip, der ihn jenseits aller leiblichen Grenzen führen wird und der in seinem Bett beginnt. Dort halluziniert er sich auf Dimethyltryptamin (kurz: DMT) durch die Nacht, bis sein Kumpel Alex (Cyril Roy) auftaucht und ihn zum Treffpunkt eines Deals navigiert. Gerade eben noch kann der zugedröhnte Oscar den hastigen Schritten seines Freundes und dessen Ausführungen zum tibetanischen Buch der Toten folgen - dann kommt es zur Katastrophe. Die Spelunke „The Void" erweist sich als Falle und kurz darauf sinkt Oscar von Polizeikugeln durchbohrt zu Boden. Während sein Körper zurückbleibt, erhebt sich seine Seele zur transzendentalen Odyssee...

Und so beginnt Oscars Reise durch die Leere, die nach wenigen Augenblicken greifbarer Handlung und der Aufstellung spiritueller Topoi in einer assoziativen Bilderspirale mündet. Eine Flucht vor Noés visuellem Artilleriebeschuss scheint bereits nach wenigen Filmsekunden aussichtslos. Von harten Elektrobeats vorwärts gepeitscht, zucken die eröffnenden Credits als nahezu unleserliche, hysterische Collage aus Farben und Schrifttypen über die Leinwand. Noés anspannender Disclaimer ist unmissverständlich: Hier folgt pure, psychedelische Erfahrung, die den sicheren Abstand zum Kinobild gefährlich verkürzt. Die Erzählung entfaltet sich fortan aus Oscars Perspektive. Und das ist wörtlich zu nehmen. Nur im Spiegel wird er überhaupt sichtbar, denn die Kamera blickt durch seine Augen - inklusive blinzelnder Lider, die mit Hypercuts imitiert werden. Mit Ausnahme der minutenlangen DMT-Ekstase, einem pulsierenden Fraktalgebilde, inszeniert Noé den ersten Akt konsequent schnittfrei.

Dann fallen die Schüsse - und „Enter The Void" spielt erstmals seine ganze invasive Gewalt aus. Über die Ego-Perspektive ergibt sich eine den Kinosaal einbeziehende Räumlichkeit. Wenn der von hinten getroffene Oscar auf seine blutige Brust herabblickt, verortet Noé die unsichtbaren Polizeischützen unmittelbar hinter seinem Publikum und demonstriert eine ungewohnt-unheimliche Potenz des filmischen Mediums. Dann löst sich die Kamera vom Kadaver und gleitet schwerelos in die Nacht, durchdringt Materie und folgt den Hinterbliebenen. Noé lässt die spirituelle Essenz des nunmehr verstummten Oscar über alle Grenzen preschen. Über die der Zeit, wenn seine Seele sprunghaft durch die zurückliegende Biographie - durch den traumatischen Verlust der Eltern und die inzestuöse Beziehung zur Schwester - taumelt. Und über die der Wirklichkeit, wenn er sich zurück ins fleischliche Dasein projeziert und harsch mit der Unmöglichkeit der surrealen Szenerie konfrontiert wird.

Die atemberaubende Stilistik, das ständige Ausloten der Darstellbarkeit einer körper- und schrankenlosen Reise, erfährt immer neue Wendungen - bis Noé und Kameramann Debie sich schließlich auf ein Stilmittel konzentrieren und der letzte Akt zum riskanten Ausdauerspiel gerät. Schlüssig ist das jederzeit, denn mit den zahlreichen Referenzen zum tibetanischen Buch der Toten ist längst etabliert, wie „Enter The Void" funktioniert - als bewusst ermüdende Irrfahrt zwischen Tod und Wiedergeburt, bis endlich ein Wiedereinstiegspunkt gefunden ist. So tastet Debie gefühlt zahllose Male nach Lichtquellen, lässt die nach Reinkarnation strebende körperlose Entität darin eintauchen und spuckt sie wieder aus. Solange, bis sie den Nexus des Lebens findet - einen grotesken Tempel der Sexualität. Dort bringt Noé das Motiv der Penetration zur Vollendung.

Den Kinosaal als weiblichen Unterkörper zu begreifen und ihn mit einem leinwandfüllenden Phallus zu bearbeiten - das immerhin ist um Welten verträglicher als Monica Beluccis Entwürdigung in „Irreversibel". Nach rund zweieinhalb Stunden Dunkelheit ist das Bild erlösend komisch: Noés Absicht, in sein Publikum einzudringen, erfährt hier ihre ultimative Visualisierung. Das ist unverhohlen größenwahnsinnig und nicht wenige werden sich am prätentiösen Inszeniergestus des Franzosen stören. Doch das gleichermaßen anstrengende und mesmerisierende Wagnis „Enter The Void" erzwingt Respekt, ob bereit- oder widerwillig. Der Kubrick-Verehrer Noé hat eine Antithese zu „2001" verfasst. Oscar ist nicht David Bowman. Er wird nicht als Sternenkind wiedergeboren, sondern nach seiner temporären Transzendenz wieder in materielle Sphären zurückgerissen. War all das etwa nur ein grandioser Drogentrip? Ist die Frage nach der Beschaffenheit spiritueller Erfahrung überhaupt relevant? Der Goa-Musiker Raja Ram übersetzte DMT freigeistig mit Divine Moments Of Truth. Noé hat mit „Enter The Void" ein filmisches Pendant zum Halluzinogen geschaffen.
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