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    Children of Men
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Children of Men
    Von Björn Helbig
    Ausgehungerte Science-Fiction-Fans und Freunde von düsteren Zukunftsvisionen lechzen vermutlich danach, endlich mal wieder einen guten Film ihres Genres zu Gesicht zu bekommen. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen an „Children Of Men“, den neuen Film des Regisseurs Alfonso Cuarón. Cuarón („Große Erwartungen“, „Y tu mamá también - Lust for Life!“) hatte zuletzt mit Harry Potter und der Gefangene von Askaban gezeigt, dass er auch düstere Geschichten visuell beeindruckend erzählen kann. Leider bleibt die auf einen Roman von P.D. James beruhende Zukunftsvision um eine fortpflanzungsunfähige Menschheit weit hinter allen Erwartungen zurück.

    Im Jahr 2027 steht die Welt am Abgrund. 19 Jahre sind vergangen, seitdem das letzte Kind geboren wurde. Die Menschheit scheint keine Zukunft zu haben. Die Folge ist Anarchie. Man schließt sich in kleinen, terroristischen Gruppen zusammen und kämpft für – was auch immer. Großbritannien hat sich in der Konsequenz in einen Polizeistaat verwandelt, der mit erbitterter Härte versucht die Kontrolle zu erhalten. Verbrecher, Ausländer, Flüchtlinge werden eingesperrt und in die ghettohaften Vororte deportiert. Auch Theo (Clive Owen) hat einmal für eine bessere Welt gekämpft. Nun versteckt er sich vor dem Chaos um ihn herum, indem er einem stupiden Schreibtischjob nachgeht. Sein einziger Freund ist der Althippie Jasper (Michael Caine), der mit seiner Frau abgeschieden im Wald lebt. Theos monotones Leben ändert sich aber schlagartig, als seine ehemalige Geliebte Julian (Julianne Moore) auftaucht und ihn um einen Gefallen bittet: Er soll seine politischen Beziehungen spielen lassen, um Transitpapiere für die junge Kee (Clare-Hope Ashitey) zu besorgen, die dringend das Land verlassen muss. Denn Kee ist schwanger und viele Gruppierungen sind daran interessiert, die Situation für ihre Zwecke auszunutzen.

    Alles beginnt recht viel versprechend. Als sich Theo am Anfang in einer Bar einen Kaffee holt und diese kurz nach seinem Verlassen in die Luft fliegt, geht er schlafwandlerisch trotzdem erstmal ins Büro. Der Zuschauer fragt sich – was für ein Mensch dieser Theo eigentlich ist und in was für einer Welt lebt er da? Leider ist Cuarón beflissen bemüht es dem Zuschauer gleich unter die Nase zu reiben, denn überall stehen Fernseher, die einen über das Szenario der Kinderlosigkeit belehren. Dabei wird aber weder ein wirklich plausibler Zusammenhang zwischen den Rahmenbedingungen und den konkreten Ereignissen hergestellt, noch wird diese Zukunftsvision irgendwie als Folge der realen Welt entwickelt. Das Szenario ist also einfach als gegeben hinzunehmen. Vieles kommt einem zusätzlich noch sehr bekannt vor. So lässt z.B. John Carpenters „Die Klapperschlange“ in großen Teilen des Films heftig grüßen. Und auch den schuhlosen Helden hat man schon in McTiernans Stirb langsam gesehen. Das alles ist natürlich nicht weiter schlimm, wenn die Geschichte wenigstens ansonsten ansprechend erzählt wird.

    Und das wird sie. Zunächst jedenfalls. Seine Neigung zu plakativ zu werden, hat Alfonso Cuarón anfangs noch gut genug unter Kontrolle, und so dürfte bei den meisten Zuschauern das Interesse für die Welt, die sie zu sehen bekommen, sowie für den Plot überwiegen. „Children Of Men“ beginnt recht langsam, aber den Bildern von Kameramann Emmanuel Lubezki (Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse, The New World) folgt man gern, so dass man sich auch bei den ruhigeren Passagen nicht langweilt. Die Locations wirken unverbraucht. Und auch wenn die Umstände Theo dazu zwingen, zusammen mit der schwangeren Kee zu fliehen, bleibt das Ganze spannend. Dafür sorgen einige originelle Einfälle und die zuerst spärlichen, aber dafür umso druckvolleren Actionsequenzen.

    Auf der Haben-Seite finden sich neben der Inszenierung auch die Schauspieler. Mit Clive Owen (Hautnah, Entgleist, Sin City) hat man einen Star an Bord, der mit Sicherheit derzeit zu den interessantesten Darstellern gehört. Owen macht auch in weniger guten Filmen stets eine gute Figur. Nicht minder interessant natürlich Julianne Moore (Schiffsmeldungen, The Hours, Freedomland), die wie Owen nicht immer Glück mit ihren Rollen hatte. Auch ihr Auftritt in „Children Of Men“ wird nicht zu ihren ruhmreichsten gehören – dazu ist ihre Figur zu uninteressant und darüber hinaus wird sie auch schon im ersten Filmviertel wieder aus dem Rennen genommen. Anders sieht es mit der Nebenrolle des über jeden Zweifel erhabenen Michael Caine aus (Batman Begins, Gottes Werk und Teufels Beitrag), der es als Althippie schafft, Akzente zu setzen.

    Das war’s aber auch schon an Lob. Die durchaus vorhandenen Stärken des Films können „Children Of Men“ leider nicht über das Mittelmaß retten. Zu zahlreich sind die Unstimmigkeiten, zu aufdringlich die naiven Messages mit denen Cuarón in zunehmendem Maße sein Publikum bombardiert. Die deprimierende Atmosphäre des Films, der einige harte Gewaltmomente enthält, wird gelegentlich von beinnahe parodistisch anmutenden Sequenzen durchbrochen, was das Ganze inhomogen wirken lässt. Ebenso erscheinen viele Motive – filmische, tagesaktuelle wie geschichtlich-mythische – unpassend bis aufgesetzt. Richtig schlimm verscherzt es sich die Regie aber erst mit dem Zuschauer, als sie entscheidet, die letzte halbe Stunde des Films mit dem Geschrei eines Säuglings unterlegen zu lassen. Das ist auf Dauer nur schwer auszuhalten.

    Insgesamt enttäuscht „Children Of Men“, wenn auch nicht auf der ganzen Line. Ist die erste Hälfte noch ganz annehmbar, geht es dann leider mit großen Schritten bergab. Der Verdacht, dass der Film keine Substanz hat, wird immer stärker. Das dystopische „Material“ wirkt unverbunden und plakativ und scheint nur dazu zu dienen, dem Ganzen den Schein von Aktualität zu geben. Die Kinderlosigkeit, die staatliche Gewalt, die Radikalisierung der Bevölkerung, die Ghettorisierung, der Umgang mit Flüchtlingen – das alles ist lediglich die Kulisse, vor der es der Regisseur zum Schluss richtig krachen lässt. So ballert sich der Film schließlich selbst ins sinnentleerte Nirwana.

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