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Die Gräfin
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Die Gräfin
Von Daniela Leistikow
Fakt und Fiktion vermischen sich in den meisten Historienfilmen in mehr oder weniger zuträglichem Maße. In Julie Delpys fünfter Regiearbeit „Die Gräfin“, die auf der 59. Berlinale gezeigt wurde, wird das Mixen von Geschichte und Legende selbst zu einem der Hauptthemen. Die Französin, die persönlich die Titelrolle übernahm, zeichnet das vielschichtige Porträt einer intelligenten, schönen, verrückten, reichen und mächtigen Frau. In der Erzählung von Jugendwahn und unerfüllter Liebe liegen Gut und Böse, Überliefertes und Erdachtes nah beieinander und werden geschickt verwoben, unter Hinweis darauf, dass Geschichte von den Siegern geschrieben werde und diese wenig mit der Wahrheit am Hut hätten. Diese reizvolle Herangehensweise kann jedoch genauso wenig über die Längen des Films hinwegtäuschen wie die hervorragenden Schauspieler.

Ungarn im 16. Jahrhundert. Die Gräfin Erzebet Bathory (Julie Delpy, Before Sunrise, 2 Tage Paris) gilt als mächtigste Frau des Landes. Nach dem Tod ihres Ehemanns verwaltet sie allein die Familien-Reichtümer, die sogar die des ungarischen Königs übertreffen. Graf Thruzo (William Hurt, 8 Blickwinkel, A History Of Violence) macht der verwitweten Adligen bald einen Heiratsantrag, doch sie betrachtet die Herkunft des Werbenden als unter ihrer Würde. Als Erzebet sich dann aber in Thurzos Sohn Istvan (Daniel Brühl, Die fetten Jahre sind vorbei, Good Bye, Lenin!) verliebt und der weitaus jüngere Mann ihre Gefühle erwidert, sinnt der Graf auf Rache. Gewaltsam bringt er Istvan nach Dänemark und verheiratet ihn mit einer anderen Frau. In Ungarn streut Thurzo zugleich Gerüchte darüber, dass Istvan Erzebet nicht mehr liebe. Diese glaubt, den jungen Geliebten wegen des hohen Altersunterschieds verloren zu haben und wird von Enttäuschung und Sehnsucht zerfressen. Eines Tages erliegt sie der bizarren Wahnvorstellung, das Blut jungfräulicher Mädchen könnte sie verjüngen und für Istvan wieder attraktiv machen...

Die blutrünstige Legende über die hochadelige Hauptfigur kam erst mehr als 100 Jahre nach dem Ableben des historischen Vorbilds auf. Obwohl die Gräfin wahrscheinlich viele Mädchen sadistisch gequält hat, ist ihr Niedergang wohl eher auf eine politische Intrige zurückzuführen. Zu Beginn setzt Delpy jedoch einen anderen Akzent, am Anfang ist „Die Gräfin“ eine mit einem Hauch Emanzipation versehene Liebesgeschichte aus der frühen Neuzeit. Die Erzählung von der aus politischen Gründen zu Fall gebrachten Frau mit sadistischen Vorlieben wird zunächst zurückgestellt, eine psychologische Ursachenforschung in der Kindheit unterbleibt entsprechend. Die Mädchenjahre der Gräfin werden in einem Bilderbogen von wenigen Einstellungen recht schnell abgehandelt, schnell rückt die Love Story ins Blickfeld.

Nach der Kindheit im Zeitraffer übernimmt Delpy die Rolle der Gräfin Bathory und porträtiert sie als kalte, intelligente und selbstbewusste Frau, die sich bald den Regeln der damaligen Gesellschaft widersetzt, indem sie öffentlich eine Affäre mit einem weitaus jüngeren Mann beginnt. Trotz der im Ganzen eher stereotypen Liebesgeschichte vermittelt die Darstellerin überzeugend, dass die Gräfin plötzlich von ihren Gefühlen beherrscht wird. Die Protagonistin wird zunehmend von den Emotionen, mit denen sie aufgrund ihrer Erziehung nicht umgehen kann, überfordert. Sie steigert sich in einen Schönheitswahn, der viele Parallelen zur heutigen Beauty-Besessenheit aufweist. Je mehr die Bathory ihren sadistischen Trieben nachgibt, desto klarer rutscht die Story in Richtung Gothic-Novel ab. Während die ersten 30 Minuten des Films weitgehend dem Genre treu bleiben, für das Delpy schon mit ihrer Liebeskomödie 2 Tage Paris besonderes Talent gezeigt hat, droht der Handlungs- und Stimmungsumschwung für einige enttäuschte Erwartungen zu sorgen.

Ganz und gar keinen Anlass zur Unzufriedenheit mit „Die Gräfin“ geben die schauspielerischen Leistungen. Delpy zeichnet Aufstieg und Fall einer außergewöhnlichen aber gestörten Frau faszinierend nach. Auch Oscar-Preisträger William Hurt liefert eine begeisternde Darstellung. Nach Sturm beweist Anamaria Marinca erneut, dass ihre Leistung in 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage keine einmalige Sache war. In der Nebenrolle als homosexuelle Hexe Darvulia zementiert sie ihren guten Ruf. Nur Daniel Brühl kann als schüchterner Liebhaber und Off-Erzähler der Geschichte keine besonderen Glanzpunkte setzen.

Delpys Entscheidung, sich diesmal an einem ganz anderen Genre zu versuchen und zudem neben Hauptrolle und Drehbuch auch die Regie zu übernehmen, ist überraschend und mutig. Dass das Multitalent diese Schlüsselpositionen in Personalunion übernimmt, wirkt sich jedoch nicht zu hundert Prozent positiv aus: „Vielleicht sollte ich mal einen Film schreiben, in dem es nur Männerrollen gibt. Damit entfiele immerhin die Versuchung, selbst mitzuspielen. Wenn man Regie führt und zugleich eine Rolle spielt, mangelt es einem hin und wieder am nötigen Abstand, die Dinge objektiv zu beurteilen“, stellt Delpy in einem Interview fest. Genau diese Distanz bei der Sichtung des Filmmaterials hätte einen anderen Regisseur spätestens im Schnitt dazu gebracht, die Handlung deutlich zu straffen. Obwohl „Die Gräfin“ mit 94 Minuten nicht übermäßig lang dauert, ziehen sich die Filmminuten an mancher Stelle zäh wie Kaugummi.

Nicht von ungefähr assoziiert man Schlagworte wie „Jungfrauen“, „Blut“, „Verjüngung“ und „Schloss in den Wäldern Osteuropas“ mit Bram Stokers Dracula, denn „Die Gräfin“ ist nicht nur durch das Genre mit dem romantischen Blutsauger-Epos verbunden. Der mächtigste Vorfahr der realen Erzebet, Fürst Stephan Bathory, half Dracula 1476 mit seinen Truppen den walachischen Thron zurückzuerobern und zu Erzebets Lebzeiten ging eins von Draculas einstigen Lehnsgütern in ihren Besitz über. Zum Glück geizt Delpy mit Dracula-Anspielungen, denn einen Horrorfilm wollte sie auf keinen Fall drehen. Trotzdem scheint „Die Gräfin“ zwischen zwei Genres festzustecken. Wenn erläutert und bebildert wird, wie die Jungfrauen ihres Lebenssaftes beraubt werden oder wenn Bathory sich ein Haarbüschel des Geliebten in die Brust implantiert, ist der Zuschauer eher verwirrt als geschockt.

Fazit: Tolle Schauspieler, eine interessante Geschichte und ein spannender Zugriff auf einen historischen Stoff: Julie Delpys „Die Gräfin“ bietet viel, aber das Potential wird nicht vollständig genutzt. Spürbare Längen und der störende Drahtseilakt zwischen der Liebes- und der Schauergeschichte, die weitgehend unverbunden bleiben, trüben das Sehvergnügen nach dem ersten Drittel des Films.
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