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The Hills Have Eyes - Hügel der blutigen Augen
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
The Hills Have Eyes - Hügel der blutigen Augen
Von Carsten Baumgardt
Jetzt ist Schluss mit lustig. Der Terror ist zurück. Wo andere Konventionen an ein mögliches Mainstreampublikum zulassen, gibt der Franzose Alexandre Aja bei seinem US-Debüt Vollgas und macht keine Gefangenen. Die US-Werbetagline - The lucky ones die first - gibt einen kleinen Ausblick auf das, was die Genregemeinde beim Horror-Thriller „The Hills Have Eyes“ zu erwarten hat. Ajas atmosphärisch dichtes, beinhartes Schocker-Remake des Wes-Craven-Klassikers aus dem Jahr 1977 schwimmt auf der Welle der Seventies-Remakes ganz weit oben.

Die Familie Carter ist mit ihrem Trailer auf dem Weg von der Heimat Cleveland nach Kalifornien. Ein verhängnisvoller Tipp bringt sie in Teufels Küche. Irgendwo im Nirgendwo in New Mexico stranden sie an einer Tankstelle. Der Besitzer Lizard (Tom Bower) ist zwar ein knorriger Typ, scheint aber auf den ersten Blick hilfsbereit. Und so nimmt Vater Bob (Ted Levine, Das Schweigen der Lämmer, Ali), ein Ex-Cop, den Rat des Tankwarts, eine Abkürzung zu nehmen, dankbar an. Ihr Weg durch die Ödnis der Wüste endet jedoch schon nach einigen Meilen jäh. Die Carters fahren geradewegs in eine tödliche Falle, was ihnen noch nicht bewusst ist. Ein Reifenplatzer sorgt dafür, dass das Trailer-Gespann der Familie von der Strecke abkommt und mit einem Achsenbruch liegen bleibt. Panik bricht nicht aus, Bob hat alles unter Kontrolle. Er macht sich auf den Weg zurück zur Tankstelle, während sein Schwiegersohn Doug (Aaron Stanford) in die entgegengesetzte Richtung aufbricht, um Hilfe zu holen. Mutter Ethel (Kathleen Quinlan, The Doors, Apollo 13), die Töchter Brenda (Emilie de Ravin) und Lynne (Vinessa Shaw, Melinda und Melinda) sowie ihr kleines Baby warten am Wohnwagen in der Hitze. Das Kommando dort hat aber der halbwüchsige Sohn Bobby (Dan Byrd, Cinderella Story). Doch schon bald gerät die Situation außer Kontrolle. Die Carters sind gewissenlosen menschlichen Raubtieren in die Hände gefallen, die in einem atomar versuchten Gebiet mit der Zeit degeneriert sind...

Alexandre Aja hat sich mit seinem radikalen Terrorfilm High Tension Gehör verschafft. Der junge Franzose, Jahrgang 1978, erschloss sich eine hartgesottene Fangemeinde, die genug von halbgaren Horror-Aufgüssen hat und es lieber sieht, wenn es mit offenem Visier zur Sache geht, bis die FSK in Tränen ausbricht. Die harte Gangart ist zwar nicht für jeden Besucher konsumierbar, aber sie ist wenigstens ehrlich. In diesem Kontext arbeitet Aja auch bei seinem Craven-Remake. Es dauert nach der Titelsequenz keine Minute, bis der Zuschauer weiß, dass es hier ans Eingemachte geht. Regierungswissenschaftler nehmen in der atomaren Sperrzone in Schutzanzügen verpackt Proben. Die Kamera wechselt plötzlich in die Perspektive eines Beamten und wie aus dem Nichts bekommt dieser eine Spitzhacke übergezogen. Ein Auftakt wie ein unerwarteter Faustschlag ins Gesicht. Willkommen in der Welt von Alexandre Aja. Wem im Kino an dieser Stelle schon das Popcorn wieder hochkommt, sitzt definitiv im falschen Film.

In „The Hills Have Eyes“ werden keine Kompromisse gemacht. In einer Szene wird „Lost“-Star Emilie de Ravin brutal vergewaltigt. Aber Aja inszeniert dies als höchst beängstigenden Akt des Terrors und nicht als perverse Vorlage für Gewaltvoyeure. Die ungeheure Intensität gerade dieser Szene geht weit über das hinaus, was in den üblichen gelackten Horror-Remakes geboten wird. Auch das Baby ist nicht tabu und wird in das Bedrohungsszenario mit eingebaut. Bis die durch Atomversuche mutierten Kreaturen zu sehen sind, dauert es eine ganze Weile. So baut Aja geschickt einen Spannungsbogen und eine äußerst dichte Atmosphäre auf. Bis das erste Familienmitglied der Carters dran glauben muss, steigert sich die innere Spannung stetig, was auch die Optik unterstreicht. Hier gelingt Aja ein Coup: Obwohl der Film dankenswerter Weise in der Neuzeit spielt, wirkt „The Hills Have Eyes“ wie eine Hommage an die 70er Jahre, was der packende, prägnante und dezent an John Carpenters Werke angelehnte Score von tomandandy (Mean Creek, Die Regeln des Spiels, Die Mothman-Prophezeiungen) noch verstärkt. Ajas Hochglanzoptik steht aber nicht im Widerspruch zu den Bildern, die zwar nicht mehr den rüden Charme von Craven - der den Film übrigens produzierte - haben, aber dennoch dreckig, gemein und rotzig sind. Dazu sind die Szenarien, die Aja entwirft, packend. Wenn Doug zum Beispiel den verlassenen Autofriedhof in einem Atombombenkrater entdeckt, ist dies ein bedrohlicher, faszinierender Augenöffner („I find this place. It’s like the twighlight zone.“). Oder auch der Showdown in dem konterminierten Mutantenkaff wird zum atmosphärischen Highlight.

Was „The Hills Have Eyes“ zusätzlich über die übliche Genrekost hebt, ist die zweite politische Ebene, die der Franzose Aja genüsslich zelebriert. Er inszeniert seinen Film als Demontage der amerikanischen Durchschnittsfamilie. Der im Kern gutherzige, breitbeinige Redneck-Dandy-Daddy, der mit Stolz und Selbstverständnis die amerikanische Flagge auf seinem Gefährt hisst und seinen demokratischen Schwiegersohn ob dessen politischer Gesinnung verabscheut („Democrats don’t shoot“), erlebt schnell sein Kreuz mit den unfreundlichen Freaks. Subtilität ist zwar etwas anderes, aber sympathisch ist Ajas unverhohlene Attacke allemal. Auch der amerikanischen Flagge kommt später noch einmal eine entscheidende Bedeutung zu. Der pazifistische, am Anfang linkisch wirkende Demokraten-Loser schwingt sich wider Willen zum Verteidiger der (Rest)-Familie auf. Aber auch charakterlich gelingt Aja hier eine feine Entwicklung, die Nicht-Kenner des Originals nicht unbedingt erwarten.

Obwohl Ajas Film auf der Leinwand schon starker Tobak ist, wurde diese eh blutige Version von der MPAA in den USA ein wenig entschärft. SPOILER Einige Nahaufnahmen von Bobs Feuerkreuzigung wurden entfernt, eine weitere von einem Kopfschuss für Lynne. Dazu kam eine Szene, in der die Mutanten das Baby mit dem Gewehr bedrohen, unter die Schere und Lizards Ableben fällt nun kürzer aus, als geplant. SPOILER ENDE „This is really stupid. It's going beyond censorship. That in particular really affects the movie. Since when can't we have big catharses of pleasure when you kill the bad guy? It's crazy. It's like you're trying to censor something that's the A-B-C of a movie. You're censoring the drama. Apparently you can't have revenge”, schimpft Aja auf die MPAA.

Alexandre Aja hat mit „The Hills Have Eyes“ seinen Ruf als einer der hoffnungsvollsten jungen Horrorfilmer unterstrichen. Sein kompromisslos-brutaler Terror-Schocker braucht den Vergleich zum Original nicht zu scheuen, übernimmt die Stärken und setzt einige interessante neue Akzente. Dazu zeigt Aja, wie Wrong Turn oder Texas Chainsaw Massacre richtig umgesetzt werden – mit Mut und Konsequenz. „The Hills Have Eyes“ ist trotz einigen ironischen Einschüben, die zumeist über die musikalische Untermalung transportiert werden, alles andere als ein Spaß – was dem Film auch jegliche Wirkung genommen hätte. Schauspielerisch läuft das Ganze auf solidem Niveau ab, jeder erfüllt seine Aufgabe, Hauptdarsteller Aaron Stanford (X-Men 2 , X-Men 3, 25 Stunden) gelingt es, als Antiheld die Sympathien auf seine Seite zu ziehen. Und dass „The Hills Have Eyes“ von der Grundlogik (warum ist das atomar versuchte Gebiet eigentlich nicht abgesperrt?) ein kleines Problem hat, muss nicht weiter stören. Das ist ein (starker) Genrefilm und kein Doku-Drama - somit ist diese Prämisse schlicht zu akzeptieren. Genrefans wird „The Hills Have Eyes“ begeistern.
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