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Schiffe aus Wassermelonen
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Schiffe aus Wassermelonen
Von Christoph Petersen
Regisseur Ahmet Ulucay hatte scheinbar eine sehr bewegte Jugend – immerhin zitiert er in der filmischen Umsetzung dieser Zeit „Schiffe aus Wassermelonen“ gleich einige Jahrzehnte türkischer Filmgeschichte, philosophiert über die sozialen Unterschiede zwischen Stadt und Land, erzählt eine schüchterne Liebesgeschichte und würzt das Ganze noch mit dem ein oder anderen surrealen Einschub. Aber auch, wenn der Film hier und da durchaus äußerst charmant geraten ist, hat sich Ulucay mit dieser komplexen Mischung insgesamt doch schwer verhoben.

Die beiden jugendlichen Freunde Recep (Ismail Hakki Taslak) und Mehmet (Kadir Kaymaz) fristen ein unspektakuläres Leben in einem kleinen Dorf im Anatolien der 60er Jahre. Recep arbeitet als Aushilfe bei einem Melonenverkäufer, Mehmet macht eine Ausbildung zum Friseur. Insgeheim sehnen sich aber beide danach, fernab der Heimat als große Filmregisseure Karriere zu machen. So haben sie sich auch aus einfachsten Mitteln einen provisorischen Projektor gebaut, aber so richtig will das mit den laufenden Bildern noch nicht funktionieren. Als Recep von der Witwe Nezihe (Gülayse Erkoc) zum Tee eingeladen wird, verliebt er sich sofort in die älteste Tochter Nihal (Boncuk Yilmaz). Aber die will von dem „Zigeunerjungen“ nichts wissen, dafür hat sich aber ihre jüngere Schwester Güler (Hasbiye Günay) in den „schönen Bastard“ verguckt. Eine von Sprachlosigkeit geprägte Zeit beginnt, bis Nezihe wieder heiratet und mit ihren beiden Töchtern in ein anderes Dorf umzieht…

Seine stärksten Momente hat „Schiffe aus Wassermelonen“ immer dann, wenn er von der schüchternen ersten Liebe zwischen Recep und Nihal erzählt. Dabei wechseln die beiden kaum ein Wort miteinander, Ulucay deutet die Zuneigung nur durch kleine Gesten wie das heimliche Einstecken einer Walnuss oder verstohlene Blicke vorsichtig an. Bis zum Schluss berühren sich Recep und Nihal nicht ein einziges mal und es ist klar, dass die beiden auch später nicht zusammenkommen werden. So bleibt der Film ungewöhnlich nah an einer typischen ersten pubertären Schwärmerei, die für den Beteiligten dennoch das Wichtigste auf der Welt ist. Kaum jemand wird sich hier nicht melancholisch an seine Jugend erinnern, in der Gefühle noch überlebensgroß und voller Bedeutung waren. In diesen Momenten ist „Schiffe aus Wassermelonen“ charmant, ehrlich und bewegend – und hätte der Film nur aus dieser feinfühlig angedeuteten Romanze bestanden, wäre er auch absolut sehenswert gewesen.

Aber leider belässt es Ulucay nicht dabei, sondern will stattdessen alle Eindrücke seiner Jugend auf einmal in nur einem Film verbraten. So bringt der autodidaktische Regisseur, der sich das Filmemachen selbst beibrachte, indem er zunächst einen Projektor Marke Eigenbau bastelte, um damit aussortierte Filmschnipsel des Dorfkinos abzuspielen, neben der Liebe zu Nihal auch noch seine zweite große Liebe – das Kino – in dem Film unter. Dabei stört gar nicht mal so sehr die Geschichte, Receps Versuche, die Bilder zum laufen zu bringen, sind teilweise sogar recht amüsant. Vielmehr sind es die selbstrefferenziellen Bezüge in Ulucays Inszenierung, die dem Zuschauer schnell auf die Nerven gehen. So gibt es eine Sequenz, in der man die Bewohner des Dorfes in einer Art Stop-Motion-Technik sieht. Für sich genommen hat die Szene sogar den einen oder anderen Schauwert, aber im Zusammenhang des Films ist sie eine ärgerliche, überflüssige Spielerei. Auch die Rolle des Dorftrottels, die eine lange Tradition im türkischen Kino hat und so als eine Art Reminiszenz oder zumindest Zitat zu verstehen ist, wirkt in „Schiffe aus Wassermelonen“, den man gerne ernster genommen hätte, eher dämlich.

Endgültig überfrachtet wird der Film dann durch die surrealen Einschübe, die Ulucay recht beliebig und uninspiriert in seinen Film einbaut – so sieht man zum Beispiel zu Beginn des Films einen Sarg auf der Straße stehen, dessen Leichentuch sich mehrere Male kurz hebt, was aber im weiteren Verlauf nicht wieder aufgegriffen wird. Aber nicht nur, dass diese Elemente keinerlei Bezug zum Rest des Films haben, sie funktionieren nicht einmal für sich genommen. Denn gerade wenn man etwas Surreales inszeniert, benötigt man eine unglaubliche visuelle Kraft. Bestes Beispiel hierfür sind die Genre-Primusse Luis Bunuel und David Lynch, die beide eine so grandiose Bildsprache haben, dass deren Wirkung durch die surreale Geschichte nur noch weiter verstärkt wird. Wenn uns aber Ulucay in einer recht unbeholfen inszenierten Sequenz zeigt, wie sich Mehmets Mutter ohne Vorwarnung zwei Ohren in ihrer Pfanne brät, ist das weder besonders aufregend noch sonderlich beeindruckend, sondern einfach nur lächerlich.
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