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Der Duft von Lavendel
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Der Duft von Lavendel
Von Alina Bacher
Jeder, der in der Grundschule dazu gezwungen wurde eines dieser grausamen Duftkissen zu nähen und mit Kreuzstichmuster zu besticken, weiß, dass Lavendel zwar anfangs noch erfrischend und angenehm riecht, nach einiger Zeit aber dann abgestanden und langweilig vor sich hin duftet. So gesehen trifft der Titel „Der Duft von Lavendel“ Charles Dances Regiedebüt perfekt. Während das Historien-Drama am Anfang noch leichtfüßig in wunderschönen Bildern und mit zwei grandiosen Hauptdarstellerinnen das Herz erwärmt, ist zur Hälfte der Geschichte bereits alles gesagt. Es tut sich nichts Wichtiges, das Ende ist gleichsam flach und vorhersehbar und das, obwohl die beiden Grande Damen des Schauspiels Judi Dench und Maggie Smith eine anbetungswürdige Darbietung hinlegen.

1936 in einem kleinen englischen Dorf an der Küste von Cornwall. Hier herrscht die pure Idylle und in ihrem niedlichen Cottage mit einem gepflegten Vorgarten leben die zwei Schwestern Janet (Maggie Smith) und Ursula Widdington (Judi Dench) friedlich vor sich hin. Etwas Gartenarbeit, dann wie üblich der Nachmittagstee, abends wird gestrickt und zwischendurch ein wenig im Meer geplantscht. Bis eines Tages das Schicksal ihr ach so beschauliches Leben auf den Kopf stellt. Nach einem heftigen Sturm finden die Schwestern eine jungen Mann (Daniel Brühl), der an den Strand geschwemmt wurde. Hilfsbereit wie die beiden nun mal sind, nehmen sie den Fremden bei sich auf und pflegen ihn gesund. Wie sich herausstellt, handelt es sich bei ihrem Gast um einen jungen Polen namens Andrea Marowksi. Zwar spricht er kein Wort Englisch, dafür aber fließend Deutsch, und er spielt virtuos Violine. Ursula fühlt sich sofort zu ihm hingezogen und verliebt sich zum ersten Mal in ihrem Leben. Leider ist Andrea noch ein Junge und hat mittlerweile Interesse an der hübschen Olga Danilof (Natascha McElhone) gefunden, die ebenfalls Gast in dem englischen Küstenstädtchen ist. Während Janet versucht, ihre Schwester Ursula auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, nimmt Andreas Leben eine plötzliche Wende, denn Olga hat noch ein paar Überraschungen für ihn auf Lager...

Zugegeben, die Inhaltsangabe klingt wesentlich spannender als der Film. Kein Wunder, denn ein paar Zeilen Kurzgeschichte reichen einfach nicht aus, um gut 100 Minuten Spielfilm zu füllen. Genau das ist der große Fehler bei „Der Duft von Lavendel“. Obwohl die Kurzgeschichte von William J. Locke eine gute Grundlage für einen Film bietet, die Dramatik der Handlung ist zu seicht, um damit einen Spielfilm unterhaltsam zu gestalten. Nach etwa der Hälfte der Laufzeit ist alles gesagt, alle Gefühle erlebt und die Story versinkt langsam in einem See aus Harmonie und Glückseligkeit. Was zu Anfang noch lieblich und süß das Herz erfreut hat, wirkt gegen Ende nur noch abgedroschen und langweilig. Da können selbst zwei Schauspiellegenden wie Judi Dench und Maggie Smith das Ruder nicht mehr rumreißen. Der Film segelt direkt auf seinen schnulzigen Untergang zu.

Womit wir auch schon bei den Schauspielern wären. Wie nicht anders zu erwarten, legt Englands Schauspieladel eine meisterhafte Darbietung hin. Judi Dench und Maggie Smith harmonieren auf allen Ebenen und blühen in den Schwesternrollen auf. Dem Zuschauer wird Schauspielkunst auf höchstem Niveau geboten. Keinen Moment kommt es einem in den Sinn, dass die beiden in Natura gar nicht blutsverwandt sind, so perfekt versetzen sie sich in ihre Figuren. Es macht wirklich Spaß, in das Leben der beiden Schwestern einzutauchen, mit ihnen am Kaffeetisch zu sitzen, die Gartenarbeit zu teilen und ihre schnippischen Diskussionen mit anzuhören. Leider taucht bereits in den ersten Minuten ein Störfaktor auf. Obwohl Daniel Brühl sich Mühe gibt, die Rolle des gestrandeten Musikers glaubhaft zu vermitteln, scheitert die Darstellung an der Charakterzeichnung. Mit Andrea Marowski kommt der wohl zweidimensionalste Charakter des Jahres auf die Leinwand. Aalglatt, ohne Hintergrundgeschichte und einfach nur langweilig. Der Zuschauer erfährt fast nichts über ihn. Er kommt aus Polen und wollte nach Amerika, aber warum und vor allem wie, das scheint Regisseur Charles Dance nicht wichtig gewesen zu sein. Irgendwann stellt sich ernsthaft die Frage, ob der gute Andrea vorhatte nach Amerika zu schwimmen. So bubenhaft und dümmlich wie er sich verhält, wäre es ihm durchaus zuzutrauen. Ein paar Minuten und kein Stück Dramatik weiter begegnet dem Publikum der nächste Störenfried. Natascha McElhone ist eine wunderbare Schauspielerin, doch auch die Rolle der Olga Danilof konnte nicht langweiliger geschrieben sein. Wieder erfahren wir fast nichts über sie, wieder würden wir aber gern mehr wissen. Grundsätzlich sind die schauspielerischen Leistungen allesamt solide, teilweise sogar meisterhaft, doch in vielen Fällen scheitert die Schauspielkunst einfach an der Rolle selbst. Schade, denn sonst hätte aus „Der Duft von Lavendel“ ein kleines Filmmeisterwerk werden können.

Charles Dances Regiedebüt ist nett gemeint. Die Bilder sind wunderschön, die Kameraführung ruhig, die Landschaft traumhaft und die Filmmusik preisverdächtig. Der amerikanische Ausnahmegeiger Joshua Ball lässt seinen Bogen virtuos über die Saiten gleiten und spielt mit soviel Gefühl und Ausdruck, dass allein der Soundtrack wieder einige Schwächen des Films ausgleicht. Charles Dance, der mit dem Film zum ersten Mal auch hinter der Kamera aktiv war, inszeniert sein Debüt mit viel Liebe. Das schafft er auch dem Zuschauer zu vermitteln. Die Bilder sind einfühlsam in warme Farben getaucht und harmonieren perfekt mit der englischen Küstenlandschaft. Besonders idyllisch gibt sich die Erntedankszene. Das einzige, was diesen Film wirklich schwer zusetzt, ist und bleibt der Mangel an Dramatik. Traurig daran ist, dass die Grundlagen für eine gute Handlung durchaus vorhanden wären. Da gäbe es zum Beispiel den alternden Doctor Mead (David Warner), der ein Auge auf die hübsche Olga (Natascha McElhone )geworfen hat und, um seinen Nebenbuhler Andrea (Daniel Brühl) aus dem Weg zu schaffen, die beiden der Spionage bezichtigt. Wie so vieles im Film, wird diese Idee nicht weiter ausgebaut. Das könnte ja die Harmonie und den Frieden der Handlung gefährden.

„Der Duft von Lavendel“ ist wunderschön friedliche Unterhaltung - perfekt für den Nachmittagstee zwischendurch. Wer aber großes dramatisches Gefühlskino erwartet, wird bitter enttäuscht, denn nach kurzer Zeit hat es sich ausgeduftet mit dem Lavendel und alles was bleibt, ist eine leichte Brise einer öden Kräutermischung.
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