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    Angel-A
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Angel-A
    Von Martin Thoma
    Luc Besson, der französische Erfolgsfilmer, hat es den Amis wieder und wieder gezeigt: Die Franzosen drehen die härteren Selbstjustiz-Thriller („Léon – Der Profi“), die spektakligeren Sci-Fi-Spektakel (Das fuenfte Element) und die a-historischeren Nationalheldenschinken („Johanna von Orleans“). Zumindest was die filmische Oberfläche anbelangt kann man sagen, dass er Hollywood nach Punkten geschlagen hat. Sechs Jahre sind nun schon seit seiner letzten Regiearbeit vergangen, und Luc Besson ist untypisch bescheiden geworden. Mit „Angel-A“ wendet er sich dem kostengünstigen Genre der romantischen Komödie zu.

    Die Story ist so einfach gestrickt wie das Wortspiel im Titel. André (Jamel Debbouze, Die fabelhafte Welt der Amelie), ein kleingewachsener Kleinkrimineller marokkanischer Abstammung, lebt in Paris und hat eigentlich nichts auf der Welt, nur große Probleme mit seinen Schuldnern. Wenn er nicht zahlt, wollen sie ihn umbringen. Es gibt kein Entkommen. Außer Landes lässt man ihn nicht wegen seines Strafregisters, aber in eine sichere Gefängniszelle einsperren will ihn auch keiner. André bleibt nur sein langer Mantel als Versteck, und obwohl er fast darin verschwindet, bietet er keinen ausreichenden Schutz. Bevor ihn seine Schuldner wie angekündigt umbringen, versucht er lieber selbst, sich in der Seine zu ertränken. Doch die Brücke, von der er sich gerne stürzen wollte, ist schon belegt. Neben ihm steht Angela (Rie Rasmussen, „Femme Fatale“): blond, überirdisch schön, im äußerst kurzen schwarzen Kleid und mit endlos langen Beinen. Er rettet sie vor dem Selbstmord und vergisst dabei ganz, sich selbst umzubringen. La voilà, der Seine entsteigt ein ungleiches Kinopärchen par excellence. Im Folgenden macht Angel-A ihrem Namen alle Ehre, beseitigt im Handstreich (wenn auch mit zweifelhaften Mitteln) Andrés Probleme und lehrt ihn - mit deutlich mehr Mühe - sich selbst zu akzeptieren und zu seinen Gefühlen zu stehen. Daraus ergibt sich selbstverständlich das finale Problem: André verliebt sich in sie. Doch kann es eine Liebe zwischen einem Menschen wie André und einem wahren Engel wie Angela/Angel-A geben?

    Wir haben es also mit altbewährtem Kinomärchenstoff zu tun. Dargeboten wird er mit viel sexy Top-Model-Posing von Rasmussen, viel „komischer-kleiner-Marokkaner“-Geplapper von Debbouze und viel küchenpsychologischer „akzeptiere-dich-selbst-so-wie-du-bist“-Moral. Das ist natürlich nicht doll. Gegen Rasmussen und Debbouze als André und Angela lässt sich nichts einwenden. Rein körperlich passen sie perfekt, holen das Beste aus dem mittelmäßig komischen Spiel mit Klischees und Gegensätzen heraus, und die Chemie zwischen ihnen hat offensichtlich gestimmt. Nur mit dem Drehbuch stimmt so einiges nicht. Ein in der Struktur der Geschichte angelegter Widerspruch irritiert besonders: Einerseits geht es um den inneren Wandel Andrés. Im Grunde lässt sich der ganze Film auch als eine Visualisierung seines seelischen Zustands sehen. Andererseits hat André keineswegs nur psychologische, sondern auch überaus handfeste Probleme. Die aber werden von Angela/Angel-A mit einer Leichtigkeit (und angenehmer Skrupellosigkeit) pulverisiert, als wären sie nie der Rede wert gewesen. Zur Erinnerung: Sie waren lebensbedrohlich. Seinen Protagonisten erst mit Problemen zu beladen, sie dann wegzuzaubern und im Anschluss suggerieren zu wollen, dass es ihm nun besser geht, habe etwas mit seiner geänderten Einstellung zum Leben zu tun – das kann nicht funktionieren. Die vielleicht gemeinte (schwache) Pointe, dass, selbst dann wenn ein Engel käme und einen mit einem Schlag von allen Sorgen befreien würde, man sich dennoch aus Gewohnheit ans eigene Unglücklichsein klammern könnte, zündet nicht.

    Viel mehr Gedanken als über die Schlüssigkeit der Geschichte, hat sich Luc Besson offensichtlich über ihre visuelle Umsetzung gemacht. Diesmal protzt er nicht mit opulenten Effekten, sondern versucht getreu dem berühmten Motto „Weniger-ist-mehr“ durch Reduktion eine Atmosphäre zu schaffen, die zugleich beeindruckt und Raum für die Phantasie der Zuschauer lässt. Erneut in Zusammenarbeit mit Kameramann Thierry Arbogast (der außer bei den Bessonfilmen unter anderem bei Kusturicas „Schwarze Katze, weißer Kater“ oder Brian de Palmas „Femme Fatale“ hinter der Kamera stand) gelingt ihm das auch. Das Paris dieses Films strahlt in überirdischem Schwarz-Weiß. Gedreht wurde hauptsächlich früh am Morgen. Das intensive Morgenlicht tritt in den Schwarz-Weiß-Aufnahmen auf eine Art in den Vordergrund, wie es beim Farbfilm nicht möglich wäre. Die dank der frühen Drehzeiten oft menschenleeren Straßen spiegeln die Einsamkeit der beiden Protagonisten, gleichzeitig auch den märchenhaft-irrealen Charakter ihrer Beziehung wieder. Natürlich, der für den internationalen Markt drehende Besson, zieht von einer Pariser Sehenswürdigkeit zur nächsten und die Szenen, bei denen der Eifelturm mal nicht im Bild ist, kann man schon fast an den Fingern einer Hand abzählen. Aber wen stört es, wenn es erstens passt, zweitens toll aussieht und außerdem noch mit einem schlicht perfekten Soundtrack (Anja Garbarek) unterlegt ist?

    Man kann „Angel-A“ einen schönen Film nennen, für einen guten reicht es nicht. Bekanntlich gab es da vor ein paar Jahren einen, in dem auch ein märchenhaftes, ungewöhnlich gefilmtes Paris das Innenleben einer merkwürdigen einsamen Person illustrierte: Die fabelhafte Welt der Amelie. „Angel-A“ hält den Vergleich mit diesem Film nicht aus. Ganz abgesehen davon, dass er nicht halb so clever und einfallsreich erzählt ist, fehlt seinen Bildern die Tiefe. In Amélies ach so skurriler Welt linst der Wahnsinn um jede zweite Straßenecke und die Einsamkeit der Wohnungen, in denen man sich beobachtet, hat etwas Beunruhigendes, dem leichten Komödientonfall zum Trotz. „Angel-A“ ist viel harmloser.

    Dennoch, der Film hat eine gewisse geheimnisvoll märchenhafte Aura, bleibt immerhin offen für eigene Interpretationen und lässt Raum für die Phantasie. Am Ende, das auch der Anfang sein könnte, lacht Angela/Angel-A. Dieses Schlussbild ist ein Vexierbild – je nachdem wie man die Geschichte betrachtet, bedeutet es etwas anderes. Und das ist gut. Es schärft den Blick für die gefallenen und die geretteten Engel in uns oder um uns.
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