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Die Nacht vor der Hochzeit
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Die Nacht vor der Hochzeit
Von Deike Stagge
Katharine Hepburn haben die meisten Kinobesucher auf der großen Leinwand nur in Martin Scorseses Meisterwerk Aviator gesehen – allerdings als oscarprämierte Rolle für Cate Blanchett und nicht als Schauspielerin, die selbst in Aktion tritt. Wer die außergewöhnliche Diva tatsächlich noch nicht kennen gelernt hat, sollte dies schleunigst nachholen. Eine hervorragende Möglichkeit dazu bietet „Die Nacht vor der Hochzeit“, in der die Hepburn ihr ganzes Talent und vor allem ihren unwiderstehlichen Charme spielen lässt und gleichzeitig Cary Grant, James Stewart und John Howard um den Finger wickelt.

Die Story von „Die Nacht vor der Hochzeit“ begeisterte als Theaterstück aus der Feder von Philip Barry bereits lange Zeit die Zuschauer, bevor sich der Regisseur George Cukor („My Fair Lady“, „Ehekrieg“) mit der Verfilmung der Geschichte befasste. Katharine Hepburn war prädestiniert für die Rolle der kratzbürstigen, scharfzüngigen und beizeiten äußerst garstigen Tracy Lord, deren bevorstehende Hochzeit mit dem harmlosen George (John Howard) unvergleichlich komische Ereignisse in Gang setzt. Ehemann Nummer eins in Form von C. K. Dexter Haven (Cary Grant) steht uneingeladen vor der Tür, im Gepäck Makauley Connor (James Stewart) und Liz Imbrie (Ruth Hussey). Die beiden sollen inkognito für das Spy Magazine die Hochzeit des Jahres begleiten. Dexter soll sie in die Hochzeitsgesellschaft hineinschmuggeln. Schnell sind die beiden jedoch entlarvt und werden von Tracy und ihrer kleinen, komödiantisch veranlagten Schwester Dinah (Virginia Weidler) mit einem haarsträubenden Auftritt eingewickelt. Auch der schlacksige Connor kann dem exzentrischen Society-Früchtchen nicht widerstehen.

Nur der ihr ebenbürtige Dexter kann Tracy ihren Triumph noch vermiesen, denn er zwingt sie, ihren Fehlern ins Auge zu sehen. Das endet mit einer Unmenge Alkohol, vielen Verstrickungen und schließlich ehrlichen Aussprachen. Genau da liegt die Stärke der hervorragend gemachten Screwball-Komödie: Die Dialoge sind so ausgefeilt auf den Punkt gebracht, dass man sich ihnen nicht entziehen kann. Mit genialem Wortwitz und doppelbödigem Humor tanzt das Ensemble durch die Story. Haupt- und Nebenfiguren sind dabei fast gleichberechtigt, vor allem die gutherzige Fotografin Liz kann mit ihrem trockenen Humor sowie ihrer stoischen Haltung die relativ geringe Zeit vor der Kamera in einen hundertprozentig memorablen Auftritt verwandeln und alle amourösen Verstrickungen in nur einem Satz gnadenlos auf den Punkt bringen. Von den Männern sticht vor allem James Stewart als Skandalreporter wider Willen hervor. Grandios spielt er neben Katharine Hepburn, aber besonders in seiner Szene mit dem Rivalen Cary Grant beweist Stewart sein außerordentliches komödiantisches Talent.

Bei so viel Leinwandpräsenz kann es sich Regisseur George Cukor leisten, auf große Kamerafahrten oder eine besondere Montage zu verzichten. Stattdessen gibt er seinen Schauspielern die Möglichkeit, gemeinsam ihr Potential zu entfalten. Durch lange Einstellungen, bei denen jeder Schnitt begründet erscheint, kann das Ensemble die Szenen teilweise fast durchspielen und vom Spiel des Gegenübers profitieren. Drumherum muss eigentlich gar nicht viel passieren, der Zauber des Films verbreitet sich durch die Interaktion der Protagonisten, die von der unvergleichlichen Katharine Hepburn angeführt dem Publikum knapp zwei Stunden gut gelaunte Unterhaltung präsentieren und nebenbei grundlegende Probleme menschlichen Zusammenlebens lösen. Denn neben dem Screwball-Humor beweist „Die Nacht vor der Hochzeit“ auch unerwarteten Tiefgang. Da geht es auch um Charakterschwächen, Beziehungsprobleme und Koketterie mit Alkoholmissbrauch. Kritische Untertöne schwingen subtil im Drehbuch mit, ohne die großartige Komödie zu verderben.


Mit diesem Film konnte Katharine Hepburn im Jahr 1940 ihren zweiten Durchbruch schaffen, nachdem sie in den späten 30er Jahren einige Flops gelandet hatte. Bis heute hat „Die Nacht vor der Hochzeit“ kein bisschen seines Charmes eingebüßt, auch wenn das Screwball-Konzept aus der Filmwelt fast verschwunden ist. Dank der durchweg herausragenden schauspielerischen Leistung und der unterhaltenden Geschichte hat George Cukor einen zeitlosen Klassiker geschaffen, der in keiner Sammlung fehlen sollte. Denn noch immer dürfte es schwer fallen, sich der einnehmenden Präsenz der magischen Katharine Hepburn zu entziehen.
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