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    My Girl – Meine erste Liebe
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    My Girl – Meine erste Liebe
    Von Lars-Christian Daniels
    Im Winter 1991 genießt Macaulay Culkin dank seines Mega-Erfolgs „Kevin - Allein zu Haus" seinen neugewonnen Ruhm als gefeierter Kinderstar. In Howard Zieffs „My Girl – Meine erste Liebe" ist der Blondschopf schon zum zweiten Mal mit der noch weitestgehend unbekannten Anna Chlumsky im Kino zu sehen, wenngleich sich nur wenige Zuschauer an deren Mini-Rolle in ihrem ersten gemeinsamen Film mit Culkin, der Komödie „Allein mit Onkel Buck", erinnern dürften. Wer nun aber glaubt, das Drehbuch von „My Girl" sei kassenwirksam auf Aushängeschild Culkin zugeschnitten, liegt schwer daneben. Hauptdarstellerin Chlumsky trägt die pünktlich zur romantischen Jahreszeit startende Tragikomödie dank einer prächtigen Performance fast im Alleingang und stellt nicht nur ihren populären Leinwandpartner, sondern auch ihre erfahrenen Schauspielkollegen Dan Aykroyd und Jamie Lee Curtis in den Schatten. Zieffs Coming-of-Age-Film gerät zwar stellenweise etwas kitschig und trägt vor allem im Schlussakkord ziemlich dick auf, meistert aber über weite Strecken die Gratwanderung zwischen sympathischem Familienspaß und dramatisch ausklingender Kindheitsromanze.

    Die elfjährige Vada Sultenfuss (Anna Chlumsky) wird täglich mit dem Sterben konfrontiert. Ihr alleinerziehender Vater Harry (Dan Aykroyd) betreibt im Keller des Hauses ein Bestattungsunternehmen und kümmert sich wenig um seine hypochondrisch veranlagte Tochter. Vada gibt sich die Schuld am Tod ihrer Mutter, die bei Vadas Geburt ums Leben kam. Nun glaubt Vada, bald selbst das Zeitliche segnen zu müssen. Freundinnen hat sie keine, denn mit gleichaltrigen Mädchen kann sie nichts anfangen. Sie ist verliebt in ihren Englischlehrer Mr. Bixler (Griffin Dunne), dessen Schriftstellerkurs sie in den Ferien besucht. Ansonsten verbringt sie einen Großteil ihrer Freizeit damit, sich ihre Wehwehchen beim Arzt untersuchen zu lassen und mit ihrem besten Freund Thomas J. (Macaulay Culkin) zu spielen. Als die Visagistin Shelly (Jamie Lee Curtis) im Betrieb ihres Vaters anheuert und eine Beziehung mit ihm anfängt, sieht Vada in ihr eher eine Konkurrentin als eine Ersatzmutter...

    „Ich umgebe mich nur mit Menschen, die es schaffen, mich intellektuell zu stimulieren." – Vada Sultenfuss

    Vada ist kein normales, vorpubertierendes Mädchen, sondern eine fleischgewordene Ausgabe von Cartoon-Figur Lisa Simpson, die ihren Klassenkameraden geistig voraus ist und in den Sommerferien lieber Tolstoi liest, statt mit anderen Kindern herumzukichern. Ihr rotzfreches Auftreten und ihre erfrischende Schlagfertigkeit sorgen für die spaßige Komponente des Films, die lange dominiert, dabei aber auf jeglichen Klamauk verzichtet und „My Girl" so auch für Erwachsene zum Vergnügen macht. Vada bringt die Ärzte mit eingebildetem Prostatakrebs zur Verzweiflung, liegt beim Abendessen schon mal tot auf dem Fußboden rum und lässt keine Gelegenheit aus, dem vermeintlichen Eindringling Shelly ans Bein zu pinkeln. Ihr aufgeweckter Charakter ist vielschichtiger angelegt, als der ihres Freundes Thomas J., über den der Zuschauer nur erfährt, dass er gegen so gut wie alles allergisch ist. Macaulay Culkin („Richie Rich") enttäuscht in seiner simpel gestrickten Rolle zwar keineswegs, braucht aber eigentlich nicht viel mehr zu tun, als mit blonder Wuschelfrisur trottelig durch seine großen Brillengläser zu schauen und sich ab und an begriffsstutzig zu geben – zum Beispiel dann, wenn Vada zum ersten Mal roten Lippenstift ausprobiert.

    „Deine Lippen bluten." – Thomas J.

    Blues Brother Dan Akroyd („Miss Daisy und ihr Chauffeur") und Scream-Queen Jamie Lee Curtis („Halloween - Die Nacht des Grauens") können gegen das niedliche Pärchen naturgemäß schwer anstehen. Ihre Figuren leiden zudem spürbar an der totalen Ausrichtung des Drehbuchs auf Protagonistin Vada. Die aufkeimende Liebe zwischen den zwei einsamen Seelen verleiht der Geschichte keinen echten Mehrwert, weil sie sich viel zu zielstrebig und abrupt entwickelt (zwischen Kennenlernen und Hochzeitsplänen vergehen gefühlte zwei Wochen). Das allzu gradlinige Techtelmechtel weckt nicht halb soviel Interesse beim Betrachter wie die zunehmend offener schwelende, mit zahlreichen Lachern charmant inszenierte Konfliktsituation zwischen Shelly und Harrys Tochter, die die neue Frau im Haus lange als Bedrohung wahrnimmt. Zu den köstlichsten Sequenzen zählt eine Fahrt im Autoskooter, bei der Newcomerin Chlumsky Jamie Lee Curtis einmal mehr die Show stiehlt und ihren Facettenreichtum unter Beweis stellt: Während Vada Shelly immer wieder über den Haufen fährt, setzt sie bitterböse Blicke auf und freut sich jedesmal diebisch, wenn es die Konkurrentin schmerzhaft aus dem Sitz rüttelt.

    Der legendäre James Newton Howard hinterlegt „My Girl" mit wunderschönen, verträumten Klaviermelodien und schafft damit eine unterschwellige Melancholie, die erst im Finale ergreifender Tragik weicht. Die Handlung bewegt sich oft an der Schwelle zum Kitsch, überschreitet sie dank der ironischen Grundausrichtung aber erfreulich selten. Vadas Ring, der angeblich je nach Stimmung die Farbe wechselt, ist eines der wenigen Beispiele dafür, dass stellenweise weniger mehr gewesen wäre. Auch in den Schlussminuten, in denen das traurige Mädchen sein Abschiedsgedicht vorträgt, drückt DrehbuchautorLaurice Elehwany ein wenig zu stark auf die Tränendrüse. Ohnehin hätte Vadas unglücklicher Schwärmerei für ihren Lehrer Mr. Bixler ein wenig mehr Zeit eingeräumt werden sollen, statt den Poesie-Kurs dafür zu missbrauchen, zwei vollkommen uninteressante Hobby-Esoteriker mit ausgeprägtem Sexualleben in den Plot zu quetschen.

    „My Girl" bleibt dennoch ein bezaubernder Jugendfilm über das Erwachsenwerden und die Allgegenwärtigkeit des Sterbens, der es nicht verdient hat, auf die berühmte Kuss-Szene seiner beiden Jungdarsteller reduziert zu werden. Dank einer brillanten Anna Chlumsky und entwaffnender Ironie fällt es nicht schwer, über die eine oder andere Drehbuchschwäche hinwegzusehen. Statt die kleinen Mängel zu beklagen, sollte man den Film einfach so nehmen, wie er ist: witzig, liebenswert und unglaublich traurig.
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