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    Tuyas Hochzeit
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Tuyas Hochzeit
    Von Andreas Staben

    Als Jury-Präsident Paul Schrader (Taxi Driver, Auto Focus) zum Abschluss der diesjährigen Berliner Filmfestspiele auf die Bühne trat und den Gewinner des Goldenen Bären verkündete, war das Echo wie fast immer bei wichtigen Auszeichnungen geteilt. Diesmal durfte der chinesische Regisseur Wang Quan'an den Hauptpreis für sein Drama „Tuyas Hochzeit“ entgegennehmen. Wangs dramatisches Porträt einer Hirtin, die im abgelegenen Nordwesten der inneren Mongolei um das Überleben ihrer Familie kämpft, wurde zwar weitgehend wohlwollend aufgenommen, aber seine Prämierung trotzdem oft als Verlegenheits- und Kompromisslösung kommentiert. Die einen vermissten realistische Härte und dokumentarische Details, anderen kam er ästhetisch zu bieder und dramaturgisch zu glatt vor. Der erhoffte Meilenstein, das Meisterwerk auf der Höhe der medialen Ausdrucksmöglichkeiten, von dem professionelle Festivalbesucher so häufig träumen, ist „Tuyas Hochzeit“ in der Tat nicht. Wang bevorzugt eine eher konventionelle Erzählweise und konzentriert sich ganz auf seine Geschichte, die den Film mühelos trägt. Die erhöhte Aufmerksamkeit, die dieses stille Werk durch die Berlinale erhielt, ist somit allemal verdient.

    Die Hirtin Tuya (Yu Nan) versucht, die Familie so gut es geht über Wasser zu halten, nachdem ihr Ehemann Bater beim erfolglosen Brunnengraben verunglückte und seither an das Haus gefesselt ist. Doch bald übersteigen die zusätzlichen Anstrengungen die Kräfte der Frau. In seiner Notlage beschließt das Paar, sich scheiden zu lassen, damit Tuya wieder heiraten kann. Kandidaten kommen von weit her, der Frauenmangel im Lande lässt die hübsche und hart arbeitende Tuya umso attraktiver erscheinen. Ihre Bedingung, dass der neue Ehemann nicht nur für ihre beiden Kinder, sondern auch für Bater sorgen soll, erweist sich aber als zunächst unüberwindbare Hürde. Bis der vom Heimweh geplagte Baolier auftaucht, ein ehemaliger Schulkamerad Tuyas, der im internationalen Ölgeschäft zu einigem Reichtum gekommen ist. Baolier lässt Bater in einem Pflegeheim unterbringen und will Tuya mit in die Stadt nehmen. Letztlich ist er aber doch nicht so uneigennützig wie erhofft, Bater ist unglücklich und schließlich komplizieren weitere unerwartete Gefühlsregungen eine Lösung bis hin zum Tag von Tuyas Hochzeit.

    Die innere Mongolei ist als autonomes Gebiet Teil der Volksrepublik China. Deren rigoros auf Wachstum ausgerichtete Wirtschaftspolitik macht auch vor Randregionen nicht halt, die systematische Erschließung von Rohstoffen und Bodenschätzen lässt sich dabei kaum mit der traditionellen Lebensweise der Mongolen vereinbaren. Regisseur Wangs erklärte Absicht war es, die bedrohte Existenz der Hirten und Nomaden und ihren Alltag einzufangen. Aber seine Perspektive ist keinesfalls rein ethnographisch. Die geopolitischen Fakten dienen vor allem als Hintergrund und Triebfeder für „Tuyas Hochzeit“. Ähnlich wie in seinen ersten beiden Filmen „Lunar Eclipse“ und „The Story Of Er Mei“, mit denen er 2002 und 2004 auch schon auf der Berlinale zu Gast war, erzählt Wang in erster Linie von einer Frau, die sich den Herausforderungen widriger Umstände stellt. Er profitiert dabei von der leisen Eindringlichkeit seiner Hauptdarstellerin Yu Nan. Wegen der Kälte und des Windes ist sie fast nur dick vermummt zu sehen, allein ihr steter Blick und ihr fester Schritt zeigen uns ihre Entschlossenheit und zeugen vom Kampf gegen die drohende Verzweiflung hinter der strengen und harten Fassade.

    Yu Nan ist die einzige professionelle Schauspielerin in Wangs vor Ort rekrutiertem Laien-Ensemble, wirkt aber hinter dampfenden Kesseln oder auf dem Rücken eines Kamels genauso natürlich wie die in „Tuyas Hochzeit“ unter eigenem Namen auftretenden Amateure. Von diesen ist besonders Bater als der gehandicapte erste Ehemann hervorzuheben, der es ohne viel Worte vermag, die Tragik eines zur Untätigkeit und zur Unterdrückung seiner wahren Gefühle gezwungenen Mannes auszudrücken. Wangs Inszenierung verstärkt diese Wirkung noch, wenn er uns Baters Sicht nach draußen zeigt, den Ort seiner verlorenen Existenz. Der Regisseur und seine Darsteller schaffen mit wenigen Gesten und Blicken ein komplexes Dreieck der Beziehungen und Abhängigkeiten, dessen dritte Seite von dem stark dem Alkohol zugeneigten Nachbarn Senge gebildet wird. Auch diese Figur besitzt eine verblüffende Lebendigkeit und Senges beharrliches Engagement für Tuya, das bis zum Einsatz der eigenen Gesundheit geht, lässt sie und uns nicht unberührt. Seine tyrannische Ehefrau allerdings, die nie persönlich in Erscheinung tritt, gehört zu den schwächsten Einfällen in „Tuyas Hochzeit“. In der Figur werden allzu viele der gemeinhin mit der Modernisierung assoziierten negativen Attribute gebündelt: Von Treu- und Herzlosigkeit über Geld- und Konsumgier bis zum fehlenden Sinn für Tradition und Verantwortung. Diese symbolische Überfrachtung ist in Wangs Film genauso wie andere kleine dramaturgische Holprigkeiten glücklicherweise eine Ausnahme.

    Der deutsche Kameramann Lutz Reitemeier, der Wang vor Jahren beim Festival in Berlin kennenlernte, widersteht angesichts der eindrucksvollen Kulisse der Versuchung, exotische Postkartenansichten zu filmen. Die Weite der Landschaft, das ungewöhnliche Licht und die unerbittliche Kälte – all dies fangen Wang und Reitemeier wie nebenbei ein. So heben sie die Bedeutung der natürlichen Umgebung für den Alltag und das Handeln der Personen letztlich hervor. Wenn sich inmitten eines heftigen Wintersturms ein menschliches Drama um Leben und Tod abspielt, erzählt dies zugleich mehr über das Leben mongolischer Hirten als alle Zahlen und Fakten es vermögen. „Tuyas Hochzeit“ ist weder ein melancholischer Abgesang noch eine belehrende Sozialstude oder plumpe Polit-Propaganda und besitzt in seinen besten Momenten die Intelligenz purer Emotion.

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