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    Der letzte Mohikaner
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Der letzte Mohikaner
    Von René Malgo
    Regisseur Michael Mann (Heat, Insider, Collateral, Miami Vice) fühlt sich nicht nur im Thrillerfach zuhause. Mit einer modernen Interpretation des Literaturklassikers „Der letzte Mohikaner“ von James Fenimore Cooper hat er vor oben genannten Glanzleistungen 1992 sein Können auch im klassischen Abenteuergenre bewiesen.

    Die beiden britischen Offizierstöchter Cora (Madeleine Stowe) und Alice (Jodhi May) wollen ihren Vater, Colonel Edmund Munro (Maurice Roeves), besuchen. Major Duncan Heyward (Steven Waddington) treibt einen indianischen Scout auf, der sie führen soll. Doch der Hurone Magua (Wes Studi) lockt sie in eine Falle. Zum Glück sind Trapper Hawkeye (Daniel Day-Lewis), Häuptling Chingachgook (Russel Means) und Sohn Uncas (Eric Schweig) nicht fern. Sie retten die beiden Damen und den Major aus der Hand der Indianer und übernehmen die Führung. Da Krieg zwischen Franzosen, Engländern und verschiedenen Indianerstämmen herrscht, wartet ein gefährlicher Ausflug auf die kleine Reisegesellschaft…

    Die schlechte Nachricht zuerst: Manns Werk lässt einiges an Potenzial aus der Vorlage ungenutzt. Die gute Nachricht: Das macht nichts, denn der Film ist exzellent. „Der letzte Mohikaner“ ist ein moderner Film. Bewusst wird der alte Stoff etwas aufgefrischt. Beispielsweise gibt es eine neue Liebesgeschichte (Nora und Hawkeye) und dazu versucht sich der Film an einer differenzierten Darstellung des Konflikts zwischen Engländern und Franzosen (das Buch war da relativ einseitig, pro-englisch). Andererseits aber lässt das Skript die wahre Herkunft von Nora unter den Tisch fallen und verzichtet so auf eine Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus. In der Buchvorlage war die Mutter von Nora eine Farbige. Auch fehlen einige interessante Abenteuerlichkeiten, die die Erzählung so unterhaltsam gemacht haben. Zur Straffung der Handlung werden diese außer Acht gelassen. Damit ist der Film nicht sehr ausschweifend oder episch, sondern schnörkellos und geradlinig. Verwerflich muss das nicht genannt werden, aber ein bisschen schade ist es schon, dass uns Michael Mann einige potenziell großartige Szenen vorenthält (z.B. der ganze Subplot um ein Amulett).

    Losgelöst von der Vorlage muss am Drehbuch nicht rumgemäkelt werden. Es wird auf historische Fakten Bezug genommen. Die Belagerung von Fort Munro, der freie Abzug der belagerten Siedler und die Abschlachtung durch Indianer - ohne dass die feindliche Armee nach Gewährung des freien Abzugs eingreift - beruht auf tatsächlich geschehenen Ereignissen. Michael Mann hat an Original-Locations gedreht und setzt auf Realismus. Das tut Film und Geschichte nur gut. Die Charakterisierungen sind differenziert. Auch ein Magua bekommt seinen Hintergrund und ist nicht nur der „böse, rote Teufel“. Wie von Michael Mann zu erwarten ist, verzichtet „Der letzte Mohikaner“ auf für das Genre übliche Schwarz-Weiß-Malereien. Der Abenteuerfilm kann die von Manns Werken gewohnten Thrillerqualitäten vorweisen, überzeugt aber auch als Drama. Tiefgang wird durch überlegte Dialoge vermittelt. Das Pathos hält sich in den richtigen Grenzen und die Klischees werden in angenehme Dosen gepflegt. Bei einem Abenteuerfilm über Indianer und Kolonialisten kommt wohl keiner um das eine oder andere Klischee herum.

    Die Charaktereigenschaften der verschiedenen Protagonisten weichen teilweise von der Romanvorlage ab. Und manche Charaktere werden im Vergleich nur dürftig beleuchtet (z.B. Häuptlingssohn Uncas). Aber das macht nichts. Von einem 112-minütigen Film kann nicht die gleiche und umfassende Charakterisierungsarbeit erwartet und verlangt werden, wie von einem gefeierten Romanklassiker. Überhaupt ähneln sich Buch und Film nur in den Grundzügen. Fenimores „Der letzte Mohikaner“ ist eher Inspirationsquelle, als zwingende Vorlage für Manns Interpretation des weltbekannten Stoffes.

    Der Vergleich Buch/Film ist auch der einzige Bereich, wo der geneigte Nörgler ernsthaft ansetzen kann. Das Drehbuch an sich ist nämlich sehr gut gelungen. In allen weiteren Belangen darf „Der letzte Mohikaner“ als Abenteuer-Thriller schlichtweg perfekt gelten. Die kühle Michael-Mann-Ästhetik bewährt sich auch in den grünen Wäldern, Bergen, Schluchten und Tälern Nordamerikas. Das schaut edel aus, der klassische Stoff bekommt eine entsprechend moderne Optik und für wildromantische Atmosphäre ist trotzdem gesorgt. Michael Mann steht für inszenatorisch und visuell allerhöchste Qualität. Sein Name steht auch für inhaltliche Tiefe und Komplexität. Aber mit Mann verbindet der Cineast auch knallharte Action. Diese Action wirkt in seinen Filmen schon deshalb so knüppelhart, weil er mit ruhigen, handlungsförderlichen Szenen eben nicht geizt. Die archaischen Gewaltausbrüche kommen meist plötzlich, ohne Vorwarnung. Ein Abenteuerfilm über Indianer und Co. bietet sich für solche Ausbrüche geradezu an. Also sind die Actioneinlagen auch schön brutal, schnell und erbarmungslos. Verharmlosung ist dem Herrn Mann ein Fremdwort. Die Auseinandersetzungen zwischen Indianern und Weißen sind nicht ohne. Da schlagen frisch und munter Kugeln in die Körper ein, wird skalpiert und auch mal ein Herz rausgeschnitten.

    Die Kamera führt Dante Spinotti (L.A. Confidential), mit dem hat Mann schon in Manhunter zusammen gearbeitet und auf ihn hat er u.a. auch für Heat zurückgegriffen. Spinottis Arbeit kann sich im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen. Er und Mann verstehen es nicht nur, urbane Welten faszinierend in Szene zu setzen; gleiches gelingt ihnen auch mit der nordamerikanischen Wildnis. Kongenial unterstützt wird das Ganze von den aufpeitschenden Kompositionen gleich zweier namhafter Filmmusiker: Randy Edelman und Trevor Jones. Ihre kraftvolle, musikalische Vertonung treibt die Handlung voran. Die für Mann und seine Crew typisch perfekten Bilder- und Musikkompositionen greifen auch bei den orchestralen, von Trommeln kräftig unterstützten, epischen Klängen.

    Exzellente Darsteller - inklusive entsprechend hochwertiger Schauspielleistungen - gehören in der Regel zum „Michael Mann“-Paket mit dazu. Auch in dieser Hinsicht enttäuscht „Der letzte Mohikaner“ nicht. Daniel Day-Lewis (Gangs Of New York, Zeit der Unschuld) trägt den Film, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht, als durch die Wälder, auf der Hut vor Indianern, zu schleichen. Er ist wesentlich „wilder“ als der Lederstrumpf oder Hawkeye aus Fenimores Büchern. Kein Wunder, dass sich Nora (Madeleine Stowe, Short Cuts, 12 Monkeys) zu ihm hingezogen fühlt. Sie überzeugt als junge, starke Frau, die für ihre jüngere Schwester schon fast eine Mutterrolle einnimmt. Ihr und Daniel Day-Lewis ist es zu einem guten Teil zu verdanken, dass die Liebesgeschichte auch bei den Zuschauern zündet. Steven Waddington (The Hole, „1492 – Die Eroberung des Paradieses“) besticht als typisch arroganter, britischer Offizier, der natürlich unglücklich in Nora verliebt ist. Dank seiner nuancierten Darstellung verkommt er nicht zum reinen Stereotyp.

    Wenn ein Indianer für Hollywood gesucht wird, landen die Castings-Verantwortlichen fast immer bei Wes Studi (Geronimo, The New World, Heat). Der gute Mann ist sich für keine Klischee-Rolle zu schade, auch nicht für den Part des böser als böse erscheinenden Magua. Sein Glück, dass der Film von Mann stammt, so muss er nicht einen ganz und gar eindimensionalen Charakter ausfüllen. Mit seinem differenzierten, überzeugenden Spiel trägt Studi dazu bei, dass Magua im Endeffekt nicht ganz so böse wirkt, sondern eher als verbitterte, tragische Figur beim Zuschauer ankommt. Russell Means (Natural Born Killers, Pathfinder) gefällt als Indianerhäuptling Chingachgook. Er kommt von allen der Charaktervorlage aus den Büchern auch am Nächsten. Da macht es nichts, dass das eine oder andere „Edler-Wilde-Klischee“ gepflegt wird. Eric Schweig (The Missing) tut alles, um seine nicht ganz so große Rolle als Häuptlingssohn Uncas gebührend auszufüllen. Jodhi May (Bye Bye Blackbird) ist als Alice nicht wirklich beschäftigt, passt aber in ihre vom Drehbuch stiefmütterlich behandelte Rolle. Die viel zitierte Chemie zwischen ihr und Uncas alias Eric Schweig stimmt desgleichen. Sie stellen das zweite Liebespaar der Geschichte.

    Summa a summarum verpasst Michael Mann dem gediegenen Abenteuergenre eine packende Blutauffrischung. „Der letzte Mohikaner“ ist kraftvoll, mitreißend, energisch und nichtsdestotrotz irgendwie doch schön altmodisch-wildromantisch. Einmal mehr gelingt es dem Kritikerliebling, Anspruch und Unterhaltung bestens zu kombinieren. Seine Fingerübung - in einem für ihn ungewohntem Genre - vor dem großen Meisterwerk Heat verdient alle Achtung und Beachtung.
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