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Auf der Flucht
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Auf der Flucht
Von René Malgo
Es gibt viele ausgezeichnete Actionfilme, Andrew Davis’ „Auf der Flucht“ gehört zu den besten dieses beliebten Genres.

Der angesehene Chirurg Dr. Richard Kimble (Harrison Ford) kommt wegen angeblichen Mordes an seiner Frau vor Gericht. Er beteuert seine Unschuld, nichtsdestotrotz wird der Arzt verurteilt. Während des Gefangenentransports gelingt ihm mit Hilfe anderer Häftlinge unfreiwillig eine spektakuläre Flucht nach einem Zugunglück. Fortan jagt Kimble durch Amerikas Nordosten, mit dem Ziel den Mörder seiner Frau zu finden und die eigene Unschuld zu beweisen. Doch der US-Marshal Samuel Gerard (Tommy Lee Jones) ist ihm mit seinem Team unerbittlich auf den Fersen…

Manche Jahrgänge sind besonders gut. Das gilt nicht nur für Weine, sondern auch für Filme. 1993 war so ein Jahr. Ein scheinbar einfacher Action-Thriller - aus einem Genre, das bei Preisverleihungen ohnehin weitgehend ignoriert wird - wusste sich neben zahlreichen, renommierten (Meister-)Werken zu behaupten und strich sogar eine Oscar-Nominierung für den besten Film ein. Das ist in diesem Fall schon fast einem tatsächlich erhaltenen Award gleichzusetzen, denn mit Schindlers Liste gewann in jenem Jahr ein übermächtiger Konkurrent. Und Konkurrenz, derer hatte „Auf der Flucht“ mehr als genug.

Insgesamt sieben Oscarnominierungen gingen auf das Konto des Films und einen Goldjungen heimste er gar ein. Mit Tommy Lee Jones als bester Nebendarsteller wurde noch dazu in einer Kategorie mit formal sehr geringen Siegchancen gewonnen. Diese Entscheidung dürfte aber - das sollte der Fairness halber erwähnt werden - wie bei der Academy so oft, eine eher politische Popularitätsentscheidung gewesen sein. Denn verdient hätte Ralph Fiennes den Oscar, er aber spielte ein Nazi-„Schwein“ in Schindlers Liste, Jones dagegen einen US-Marshal... Übrigens, der vielfach unterschätzte Leonardo DiCaprio war in jener Kategorie auch nominiert, für seine Rolle im Independent-Meisterwerk „Gilbert Grape“. In den weiteren fünf Einteilungen musste „Auf der Flucht“ gegenüber genauso würdigen Preisträgern zurücktreten: Michael Chapman für die beste Kamera gegen Janusz Kaminski („Schindlers Liste“), die Cutter für den besten Schnitt gegen Michael Kahn („Schindlers Liste“) und James Newton Howard für die beste Musik gegen John Williams (wieder „Schindlers Liste“), während beim Ton und dem Toneffektschnitt jeweils Jurassic Park gewann.

Dass „Auf der Flucht“ bei der Academy, Kritikern und dem Publikum überhaupt solche Resonanz und Berücksichtigung erhielt, spricht beim Blick auf weitere Filme aus dem Jahr 1993 sehr deutlich für die Qualität des Werkes. Denn neben diesem Action-Thriller machten auch „Im Namen des Vaters“, „Philadelphia“, In The Line Of Fire, Das Piano, Was vom Tage übrig blieb, Die Firma, „Zeit der Unschuld“, Short Cuts, Nightmare Before Christmas und eben die bereits erwähnten Schindlers Liste, Jurassic Park und „Gilbert Grape“ von sich reden.

Ursprünglich sollte Walter Hill (Last Man Standing, Johnny Handsome, Geronimo) Regie führen, nachdem er aber nicht konnte, wurde - auf Betreiben des bereits feststehenden Hauptdarstellers Harrison Ford - Andrew Davis (Collateral Damage, Außer Kontrolle) verpflichtet. Ford hatte Davis’ Actionfilm „Alarmstufe: Rot“ gesehen und fand auf Grund dieses Films, dass er genau der richtige Mann für „Auf der Flucht“ wäre. Ford sollte mit seiner Einschätzung recht behalten. Mit Davis stieß auch Tommy Lee Jones zum Projekt hinzu. Zuvor wurde schon Jon Voight und Gene Hackman der Part des US-Marshals Samuel Gerard angeboten. Diese Rolle fiel nun Jones zu - eine goldrichtige Wahl, wie sich später herausgestellt hat. „Auf der Flucht“ basiert auf der gleichnamigen TV-Serie aus den 60er Jahren, von der Hauptdarsteller Ford allerdings keine einzige Folge gesehen hatte. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, denn der Action-Thriller wirkt auch ohne Serievorkenntnisse.

„Auf der Flucht“ ist ein Actionfilm und als solcher muss er natürlich entsprechendes effektbetontes Augenfutter bieten, um in bleibender Erinnerung zu bleiben. Seien es der spektakuläre Bus-Zug-Crash gleich zu Beginn des Films, die vielen Hetzjagden (u.a. während einer Parade am St. Patricks Day) mit Dr. Kimble (Harrison Ford) oder das formal zwar nicht allzu actionbetonte, aber sehr spannende Finale: Sie alle erfüllen und genügen höchsten Genreansprüchen. Bis zuletzt hält „Auf der Flucht“ ein hohes Tempo, angepeitscht durch die perfekte Musikkomposition von James Newton Howard (Batman Begins, The Village). Für die richtige Optik sorgt Kameramann Michael Chapman (Wie ein wilder Stier, Taxi Driver), während es Regisseur Andrew Davis bestens versteht, die erstklassigen Bilder tadellos in Szene zu setzen. Inszenatorisch bewegt sich „Auf der Flucht“ somit auf konstant höchstem Niveau, was nicht zuletzt auch dem einwandfreien Schnitt zu verdanken ist.

Aber „Auf der Flucht“ funktioniert nicht nur wegen seiner großartigen Action und inszenatorischen Qualität so gut. Es sind das Zusammenspiel zwischen Harrison Ford und Tommy Lee Jones sowie die bei aller Action doch lebensnah wirkende Geschichte, die den Film in höhere Sphären heben. Beide, Ford und Jones, legen ihre Rollen exzellent und sehr menschlich aus. Mit beiden kann der Betrachter mitfiebern, beiden mag die Sympathie geschenkt werden und Handlungsweisen beider Personen sind nachvollziehbar. Dabei treffen sie rein äußerlich an den jeweils gegenüber liegenden Seiten des Gesetzes aufeinander, aber - das ist eine große Stärke von „Auf der Flucht“ - bis zuletzt verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse, es gibt kein eindeutiges Schwarz und Weiß.

Die Story ist intelligent zusammengefügt und kann neben ihren zweifellos vorhandenen Thrillerqualitäten auch als Drama gelten. Fähige Nebendarsteller füllen weitere, starke Nebencharaktere aus. Jeder hätte eine Erwähnung verdient - schon weil sich alle nahtlos in das Gesamtkonzept einfügen -, hervorzuheben seien an dieser Stelle die Auftritte von Joe Pantoliano als loyaler Deputy-Marshal, Julianne Moore als misstrauische Krankenschwester oder Jeroen Krabbé als an Kimbles Unschuld glaubender Arztkollege.

Mittlerweile ist „Auf der Flucht“ zum modernen Klassiker avanciert. Wer hat ihn nicht schon mal gesehen? „Auf der Flucht“ ist einer dieser Filme, die wirklich alle Zuschauerschichten mit sämtlichen Geschmacksirrungen- und Wirrungen ansprechen dürfte. Er ist nicht zu brutal, um zarter besaitete Zuschauer in die Flucht zu jagen, aber auch nicht zu lasch, um an Härte und Spannung gewöhnte Actionfans abzuschrecken. Eine perfekt durchdachte Story, gründliche Charakterisierungen, ausgezeichnete Darstellerleistungen und inszenatorische Brillanz sollten gar den anspruchsvollen Cineasten zufrieden stellen. Wer Thriller und Action nicht mag, kann sich auf den Dramatikgehalt und die emotionale Komponente konzentrieren und sollte unbedingt jemand lachen wollen: Sogar der kommt bei „Auf der Flucht“ nicht zu kurz. Ein durch und durch perfekter Mainstreamfilm. Wer dieses Werk noch nicht gesehen hat, sollte sich etwas schämen und nach seiner Runde Scham in die Videothek oder gleich zum nächsten DVD-Händler düsen.
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