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    Der letzte Scharfschütze
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Der letzte Scharfschütze
    Von Martin Soyka

    Was macht eine Legende, wenn sie weiß, dass sie bald sterben wird? Sich aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit zurückziehen, um ihr eigenes Andenken nicht zu beschmutzen? Oder noch einmal zur Höchstform auflaufen und in den Stiefeln sterben? Diese Frage beschäftigt nicht nur die zentrale Figur von Don Siegels Western „Der letzte Scharfschütze“, sondern hat auch den Hauptdarsteller umgetrieben. John Wayne, zum Zeitpunkt der Entstehung seines letzten Films selbst schwer krebskrank, zeigt noch einmal, warum die Welt ihn den „Duke“ genannt hat. Es ist sicher nicht sein bester Film, aber ganz sicher ein würdiger Abgang.

    J. B. Books (John Wayne) ist in den letzten Tagen des Wilden Westens eine Legende. Ein Outlaw, ein Gunfighter, ein bekannter Revolverheld und ein rauer Kerl. Dass jeder dahergelaufene Jungspund versucht, durch ein Duell mit ihm selbst berühmt zu werden, daran hat er sich schon gewöhnt. Ihn plagen ganz andere Sorgen, und zwar gesundheitliche. Inkognito besucht er den wahrscheinlich einzigen Menschen, dem er so etwas wie Vertrauen entgegenbringt, nämlich Doc Hostetler (James Stewart). Und der hat keine guten Neuigkeiten für ihn. Krebs, fortgeschritten und inoperabel, so lautet die Diagnose. Nein, herausschneiden könne er den Krebs nicht, da könne er ihn gleich ausweiden. Books beschließt, sich ein paar nette letzte Tage zu machen. Ein Heim hat er nicht und kann es sich in der Kürze der Zeit nicht verschaffen, also mietet er sich bei der Witwe Rogers (Lauren Bacall, Tote schlafen fest, Gangster in Key Largo) und deren Sohn Gillom (Ron Howard, Regisseur von A Beautiful Mind, Apollo 13) ein. Dort genießt er so etwas Ähnliches wie ein Familienleben, sogar eine Zeitung liest er von Anfang bis Ende. Doch die Idylle ist bald vorbei, er wird erkannt. Und damit kommen die Probleme. Books muss erkennen, dass es viele Wege gibt, auf die andere von seinem Tod profitieren wollen. Nun muss sich Books nicht nur seiner Vergangenheit stellen, sondern auch der Frage, was für ein Ende für ihn das Richtige sein könnte….

    „Der letzte Scharfschütze“ ist John Waynes letzter Film. Mit nur einem Lungenflügel zeigt der alte harte Mann noch mal, aus was für einem Holz er geschnitzt ist. Das Besondere dabei ist, dass sich alle Mitwirkenden sonnenklar darüber waren, an was für einem besonderen Streifen sie mitwirkten. Der Film erzählt nicht einfach nur eine Geschichte, sondern zieht ein Resümee des Wirkens von Wayne im Western-Genre, wenn er am Anfang zu einem Voice-Over-Monolog Ausschnitte aus den früheren Erfolgen des Dukes zeigt (z. B. aus „Red River“, „Hondo“, Rio Bravo und „El Dorado“), die als Rückblenden aus dem früheren Leben des Protagonisten herhalten. Da macht sich Wehmut breit. Der Film selbst hat einen vergleichsweise konventionellen Look und macht über weite Strecken den Eindruck, er hätte auch für das Fernsehen gedreht sein können. Die geballte Star-Power, die dem Duke die filmisch letzte Ehre erweist, macht diesen aber wieder wett. Während James Stewart praktisch nur einen Gastauftritt hat, bildet das emotionale Zentrum des Films die Beziehung zwischen Wayne und Bacall. Ihr Verhältnis wandelt sich von Abscheu über Mitleid und Respekt fast bis hin zu einer angedeuteten Romanze. Gleichzeitig verändert sich auch Books Charakter, anfangs rau und ablehnend, später würdevoll und respekteinflößend. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, insbesondere wenn der Gillom Rogers darum bittet, dass Books ihm das Schießen beibringt.

    Die ruhige, unaufgeregte und direkte Erzählweise zeigt, dass auf dem Regiestuhl ebenfalls ein Könner saß, nämlich der legendäre Don Siegel („Dirty Harry“). Regiemätzchen sind seine Sache nicht und das bekommt dem Film auch sehr gut. Der Streifen ist voll und ganz auf seinen Star zugeschnitten und würdigt ihn als den wichtigsten Schauspieler des Western-Genres. Und Wayne belässt es nicht dabei, sondern zeigt, was für ein Schauspieler in ihm steckt, nämlich ein unterschätzter. Wer Western im Allgemeinen und John-Wayne-Filme im Speziellen nicht mag, wird mit „Der letzte Scharfschütze“ nichts anfangen können, ebenso diejenigen, die von einem Western vor allem spektakuläre Schusswechsel erwarten. Wer aber den Duke bei seinem bewusst letzten Auftritt sehen will und charakterbezogene Handlungen mag, kommt um den Film nicht herum.

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