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Im Jahr des Drachen
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Im Jahr des Drachen
Von René Malgo
Nach seinem finanziellen Western-Desaster „Heaven’s Gate“ legte Michael Cimino mit „Im Jahr des Drachen“ ein nicht minder umstrittenes Werk vor. Einige Razzi-Award-Nominierungen (Auszeichnung für schlechteste Leistung in jeweiliger Kategorie) und Vorwürfe des Rassismus durfte Cimino über sich ergehen lassen. Die meisten Kritiker äußerten sich eher erbost, als begeistert über sein Werk. Ein Schicksal, das weder Cimino noch „Im Jahr des Drachen“ verdient haben.

Captain Stanley White (Mickey Rourke) sagt der Unterwelt von New Yorks Chinatown den Kampf an. Seine rabiaten Methoden und rassistischen Äußerungen machen ihn aber nicht sehr beliebt. Obwohl verheiratet, beginnt er eine Affäre mit der chinesischstämmigen Reporterin Tracy Tzu (Ariane). Sein privates Leben kollidiert daraufhin brutal mit den bitteren Früchten seiner kompromisslosen Arbeit und White steht vor den Trümmern, die er selbst zu verantworten hat. Von da an stürzt er sich in blinden Aktionismus und hat kein anderes Ziel, als die Triaden Chinatowns auszumerzen. Um jeden Preis.

Für fünf Awards wurde „Im Jahr des Drachen“ 1986 nominiert. Eine feine Leistung, hätten diese Awards nicht den gefürchteten Namen Razzie. Wer kennt sie nicht, jene berüchtigten, zweifelhaften Auszeichnungen, die den Schlechtesten eines jeweiligen Jahres zuteil werden. Über die Seriosität der Razzies kann aber genauso wie über die der Oscars gestritten werden. Oftmals ist mit der Verleihung der Razzie Awards einfach nur Meinungsmache verbunden. Manchmal geht es gar um gezieltes Mobbing, Schlechtmachen oder offene Antipathien, Ben Affleck kann davon ein Lied singen. „Im Jahr des Drachen“ fiel solch ein gezieltes Schlechtmachen zum Opfer. Nominiert waren Ariane als schlechteste Darstellerin, Michael Cimino als schlechtester Regisseur, wieder Ariana als schlechteste Newcomerin, Produzent Dino De Laurentiis für den schlechtesten Film und Oliver Stone sowie Michael Cimino für das schlechteste Drehbuch. Aber „Im Jahr des Drachen“ stieß nicht nur auf Ablehnung. Zwei Golden Globe Nominierungen gab’s nämlich auch. Nominiert waren David Mansfield für die beste Musik und John Lone für den besten Nebendarsteller. Während aber „Im Jahr des Drachen“ in den Vereinigten Staaten überwiegend negativ bewertet wurde, kam er in Europa relativ gut an. „Im Jahr des Drachen“ wurde für den César (Frankreich) als bester ausländischer Film nominiert, gewann den Joseph Plateau Preis (Belgien) für den besten Film und war darüber hinaus für den Sant Jordi Preis (Spanien) als bester ausländischer Film im Rennen, was zeigt, wie lächerlich das Aufplustern der Razzie-Community war.

Die chinesische Gemeinschaft in Amerika sah bei Release das von „Im Jahr des Drachen“ gezeichnete Bild ihres Volkes und Chinatowns als unangebracht und gefährlich klischeehaft an. Ihre Proteste waren laut, im Dienste des politisch korrekten Zusammenlebens schienen die meisten Filmkritiker mit zu schreien. Seitdem haftet „Im Jahr des Drachen“ das fragwürdige Etikett an, rassistisch zu sein.

Gleich zwei Razzie-Award-Nominierungen durfte Newcomerin Ariane auf ihr Konto verbuchen. Eine zweifelhafte Ehre. In der Tat wurde ihr das Schauspieltalent nicht gerade in die Wiege gelegt. Es ist leider nicht übertrieben zu behaupten, sie definiere in „Im Jahr des Drachen“ das Overacting neu. Die beiden Razzie-Award-Nominierungen sind hart, aber so ungerechtfertigt nicht. Jawohl, „Im Jahr des Drachen“ wäre ein noch besserer Film, gäbe es eine nervige Ariane und ihre Rolle nicht. Das klingt und ist auch hart, nicht nur für Ariane, sondern auch für den Zuschauer. Das gibt einen Punkt Abzug.

Bleibt die Frage nach Qualität weiterer Darstellerleistungen und des Filmes insgesamt. Acht weitere Punkte stehen noch zum Abzug oder zur Anrechnung zur Verfügung…

Punkt 2: Sonstige Darstellerleistungen. Hauptdarsteller Mickey Rourke ist vom Razzie-Award so weit entfernt, wie Ariane vom Oscar. Seine elektrisierende Präsenz setzt die Leinwand in Flammen und als polemischer Antiheld Stanley White sieht sich Rourke offenbar in seinem Element. Ähnlich einem Al Pacino in Scarface veranstaltet Rourke eine beispiellose One-Man-Show und beherrscht den Film von A bis Z. Da gehen die weiteren Nebendarsteller zwangsläufig ein wenig unter, obgleich sie – ausgenommen Ariane – allesamt hervorragende Schauspielleistungen zeigen. John Lone als aalglatter, aufstrebender Triadenpate Joey Tai oder Raymond J. Barry als Stanley Whites einziger Freund und Polizeikollege seien an dieser Stelle nur mal hervorgehoben. Emotional nahe gehend ist die sehr gute Leistung von Carilone Kava als Connie White, der vernachlässigten Ehefrau Stanleys. „Im Jahr des Drachen“ darf diesen Punkt behalten.

Punkte 3 und 4: Regie und Inszenierung. Eine Razzie-Award-Nominierung für die schlechteste Regie. Das hat nichts mehr mit objektiver Einschätzung zu tun. „Im Jahr des Drachen“ ist wirklich exzellent inszeniert (ob einem die Thematik des Films nun gefällt oder nicht). Michael Cimino versteht nun mal sein Handwerk, gerade wenn es darum geht, ein vielschichtiges Epos zu drehen. Die inszenatorische Qualität seines "Die durch die Hölle gehen" erreicht „Im Jahr des Drachen“ locker und auch sein geflopptes, in der Tat nicht sehr berauschendes, aber unzweifelhaft episches „Heaven’s Gate“ hat sich durch eine sichere Regie ausgezeichnet. Der Schnitt bleibt schnitzerfrei, Alex Thomsons („Excalibur“, „Legend“, „Black Beauty“) Kameraführung bannt New York und Chinatown in faszinierende Bilder. Auch diese Punkte darf und muss „Im Jahr des Drachen“ für sich beanspruchen.

Punkte 5 und 6: Ausstattung und Kostüme. Die Ausstattung und Kostümgestaltung verdienen eine gesonderte Erwähnung. „Im Jahr des Drachen“ ist eigentlich kein Kostümfilm. Trotzdem, das Production Design von Wolf Kroeger (Equilibrium, „Der letzte Mohikaner“, Rambo) schaut exzellent und auf angenehme Weise bombastisch aus. Die Bauten, die Innenausstattungen diverser Gebäude und Zimmer, sie tragen in erheblichem Maße zur Dichte der Gesamtatmosphäre bei. Mariettta Ciriello war bei nur einem Film für die Kostüme zuständig: „Im Jahr des Drachen“. Sie leistete ganze Arbeit und kreierte Kleidung für die (Anti-)Helden, welche nicht viel mit den sonstigen, realitätsfernen Designerklamotten aus Hollywood gemein hat. Designerklamotten tragen in „Im Jahr des Drachen“ auch wirklich die, die es sich leisten können. Gerade Ausstattung und Kostümgestaltung tragen einen nicht unerheblichen Anteil zur lebensnahen Wirkung des in New Yorks Chinatown angesiedelten, epischen Action-Dramas bei. 2 Punkte.

Punkt 7. Die Musik. Dieser Punkt kann schnell abgehandelt und „Im Jahr des Drachen“ zugesprochen werden. Die Golden-Globe-Nominierung für Komponist David Mansfield geht völlig in Ordnung und ist bei Kenntnis des Soundtracks verständlich. So sollte ein Epos musikalisch untermalt sein. Punktgewinn Nr. 7 für „Im Jahr des Drachen“.

Bleiben noch die Punkte 8 und 9. Es wurde bereits festgestellt, dass die formale Qualität von „Im Jahr des Drachen“ kaum Raum für Tadel bietet. Wie aber steht es um den umstrittenen Inhalt und die Aussage des Filmes? Zu schlecht kann das Epos storytechnisch nicht sein, denn großartige Darstellerleistungen sind nur bei entsprechender Charakterisierung möglich. Was die Darsteller aus einer ausgeprägten Charakterisierung machen, das bleibt ihnen überlassen. Inhaltlich ist „Im Jahr des Drachen“ tatsächlich weit besser als sein Ruf. Die Razzie-Award-Nominierung für Oliver Stone und Michael Cimino hat keine Berechtigung. Die Geschichte ist einfach gestrickt, was aber nicht bedeutet, dass sie schlecht wäre. Im Gegenteil. Die Breite des Spektrums und der Thematik ist beachtlich; konsequent und schnörkellos entwickeln sich die Ereignisse und gerade da liegt die Stärke des Films. Stone und Cimino versuchen erst gar nicht, die Sache komplizierter zu machen, als sie ohnehin schon ist. Die Charakterisierungen sind tatsächlich fundiert und keineswegs stereotypisch. John Lone als Joey Tai ist mehr als nur ein klischeehafter Ober-Bad-Guy und über die Ambivalenz von Stanley White (Rourke) muss nicht weiter gesprochen werden. Allein die Tatsache, dass sich viele an seinen rassistischen Charakter aufhängen, beweist, dass der Zuschauer es in vorliegendem Fall keinesfalls mit einem einfachen, simpel gestrickten Helden zu tun hat.

Was ist nun aber mit der Aussage des Films? Was ist nun mit dem Vorwurf des Rassismus? Eigentlich ist es ganz einfach. Das Ankreiden von Rassismus ist genauso unsinnig wie die Behauptung, Die Passion Christi sei antisemitisch. Nur weil Mel Gibsons Epos nicht verschweigt, dass laut Bibel jüdische Fanatiker Jesus ans Kreuz haben wollten, zeigt der Film längst keine antisemitischen Tendenzen. Nur weil die „Bad Guys“ in „Im Jahr des Drachen“ der sehr wohl existenten chinesischen Triaden-Mafia angehören, heißt es noch lange nicht, „Im Jahr des Drachen“ sei rassistisch. Cimino wird vorgeworfen, er hielte zu wenig Distanz zu seinem rassistischen Antihelden. Beim Blick auf seine Vorgängerfilme Die durch die Hölle gehen und „Heaven’s Gate“ gewinnt dieser Vorwurf noch mehr an ohnehin schon genügender Stumpfsinnigkeit. White, eigentlich ein Pole, möchte um jeden Preis Amerikaner sein. Seine eigenen Wurzeln vertuscht er mit Über-Patriotismus respektive Rassismus. „Im Jahr des Drachen“ ist kritisch, sicherlich auch chinesischen Traditionen gegenüber, aber insbesondere in der Darstellung seines Antihelden. Das Action-Drama beschönigt nicht, stellt asiatische Minderheiten – trotz der permanent nervigen Ariane – aber nicht im negativen Lichte dar. Am Ende ist so etwas doch immer wieder Interpretations- und Auslegungssache; wer will, kann Rassismus hineininterpretieren und wählt damit den einfachsten Weg ... Er/Sie muss sich nämlich über den Film keine Gedanken mehr machen und fegt jeglichen Anspruch mit arroganter Ignoranz und Scheinmoral weg. Das ist weder fair, noch wird es „Im Jahr des Drachen“ gerecht. 9 Punkte hat dieser moderne Klassiker verdient.
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