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Tod in Venedig
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Tod in Venedig
Von Jonas Reinartz
Ist es überhaupt möglich, die Werke Thomas Manns auf angemessene Weise zu verfilmen? Hermann Kurzke, einer der renommiertesten Experten für den wohl berühmtesten deutschen Autor des 20. Jahrhunderts, ist da sehr skeptisch, denn es ginge „die Doppelbödigkeit, die Ironie, die Zitat- und Verweisungstechnik“ nur allzu leicht verloren. Was geschieht, wenn lediglich die (scheinbar) realistische Oberfläche wiedergegeben wird, ist in Heinrich Breloers weitestgehend enttäuschendem Buddenbrooks zu sehen. Zu den wenigen Regisseuren, die der Aufgabe, Manns Satzkunstwerke in das Medium Film zu übersetzen, gewachsen sind, zählt für Kurzke aber Luchino Visconti (Rocco und seine Brüder, Der Leopard). Dieser inszenierte 1971 „Tod in Venedig“, eine filmische Umsetzung der als schier unverfilmbar gegoltenen Novelle um einen Künstler, der vom Anblick des Schönen in Form eines Jungen in den Abgrund gerissen wird. Dabei gelingt ihm weit mehr als eine brillante Bebilderung der Vorlage. Dank seiner profunden Kenntnisse im Kosmos Thomas Manns gelingt ihm eine scharfsinnige Interpretation, schier überbordend vor Details und Anspielungen (vor allem auf den „Doktor Faustus“), die neben dem zugrundeliegenden Text als eigenständiges Kunstwerk bestehen kann. Der opereske Stil des Regisseurs harmoniert zudem aufs Beste mit den antiken Motiven, von denen die Geschichte wesentlich bestimmt wird. In anderen Worten: eine mustergültige Literaturadaption, die eine seither selten erreichte Komplexität an den Tag legt.

Der alternde Komponist Gustav von Aschenbach (Dirk Bogarde) befindet sich in einer tiefen Krise. Sowohl sein Privatleben als auch seine einst makellose Karriere liegen in Trümmern. In ständige Melancholie gehüllt, begibt er sich recht planlos nach Venedig und steigt im besten Haus am Platze, dem Hotel Des Bains, ab. Doch auch die reizende Umgebung vermag seine Lebensgeister nicht zu reaktivieren. Bald begegnet er dem mit makelloser Schönheit gesegneten, polnischen Jüngling Tadzio (Björn Andresen), der sich mit seiner Familie, angeführt von einer Ehrfurcht erbietenden Mutter (Silvano Mangano), ebenfalls dort aufhält. Zunehmend entwickelt Aschenbach eine Obsession für den Jungen, den er regelrecht verfolgt, da er sich von ihm einen Ausweg aus der künstlerischen Stagnation verspricht. Das geregelte bürgerliche Leben des Musikers gerät zunehmend ins Wanken. Zudem macht ihm das venezianische Klima erheblich zu schaffen: Es mehren sich die Hinweise, dass in der Stadt eine todbringende Krankheit umgeht...

„Ich gehöre selbst der Epoche von Mann, Proust und Mahler an. Ich bin 1906 geboren, und die künstlerische, literarische und musikalische Welt, die mich umgeben hat, ist jene Welt. Kein Wunder, dass ich mich ihr verbunden fühle. Wahrscheinlich habe ich auch visuelle, bildliche Erinnerungen, eine Art unabsichtliches Gedächtnis, das mir hilft, die Atmosphäre jener Epoche zu rekonstruieren.“ - Luchino Visconti

Prinzipiell geht es bei Thomas Mann – sehr verkürzt formuliert – immer um das Verhältnis von Kunst und Leben, also um die sogenannte Künstlerproblematik. In Manns Frühwerk besteht das Dilemma des Künstlers nun darin, dass er hinter die Fassade des Lebens blickt, es also durchschaut, und deswegen nicht an ihm teilhaben kann. Aschenbach ist jemand, dem der Anblick des Jungen Tadzio einen Ausweg aus seiner Überreflexion zu weisen scheint. Dabei kommt eine Annahme des griechischen Philosophen Platon zum Tagen. Ihm zufolge sind die von uns wahrgenommenen Dinge lediglich Abbilder von Ideen, die unvergänglich sind. Der Umweg der sinnlichen, erotischen Betrachtung eines schönen Körpers führt danach erst zum wahren Schönen. Für Aschenbach könnte diese Schönheit einen Ausweg aus seiner kreativen Krise bieten. Allerdings steht Tadzio zugleich auch für eine verführerische Kraft, die in den Tod führt. Hier geht es um das Dionysische und Apollinische, zwei den jeweiligen griechischen Göttern zugeordnete Begriffe, die Friedrich Nietzsche populär gemacht hat. Apollo steht für Ordnung und Beherrschung, Dionysos hingegen für Enthemmung und Chaos, wobei Tadzio letzteres verkörpert. Beide Pole führen zu keiner Lösung für den Künstler und eine Vermittlung, so das Fazit Manns, ist ebenfalls nicht möglich.

Da die Novelle ein Minimum an äußerer Handlung aufweist und das Entscheidende die inneren Monologe des Protagonisten sind, greift Visconti zu einem erzählerischen Kniff, der nicht unumstritten geblieben ist. Mehrere Rückblenden erläutern die Vorgeschichte Aschenbachs, wobei kunstphilosophische Debatten mit seinem Freund und Assistenten Alfred (Mark Burns) das Zentrum bilden. Das Problem dürfte aber sein, dass das Verständnis dieser Auseinandersetzungen ohne die Kenntnis des Romans „Doktor Faustus“, da der Gesprächspartner deutlich dessen tragischem Helden Adrian Leverkühn nachempfunden wurde, nahezu unmöglich ist. Gerade dieser Umstand kann aber eben auch den Anstoß für eine nähere Beschäftigung mit Thomas Mann geben. Es ist sicherlich kein Zufall, dass der Film das Interesse am Autor der Vorlage in den 70er Jahren deutlich anhob.

Diese Kompromisslosigkeit hinsichtlich der Konzeption sorgt gleich für mehrere faszinierende Déjà-vus und originelle Akzentuierungen. Leverkühn steckt sich bei der Prostituierten Esmeralda mit der Syphilis an, was die Annahme eines Teufelspaktes bedeutet und ihm 24 Jahre Genialität, aber auch ein Ende in geistiger Umnachtung beschert. In „Tod in Venedig“ erfährt der Zuschauer, dass Aschenbach nicht fähig ist, mit einer Dirne gleichen Namens zu schlafen. Obgleich er also diesem Schicksal entgeht, verdeutlicht der Name des Schiffes, mit dem er nach Venedig reist, die über ihm schwebende Ausweglosigkeit. So wie durch Leverkühns Schaffen Esmeralda als musikalische Chiffre geistert, so durchdringt sie auch Viscontis Film. Eine Verbindung zwischen ihr und Tadzio wird sogar direkt hergestellt – beide spielen Beethovens „Für Elise“ auf dem Piano, dem wiederum im „Faustus“ eine bedeutende Rolle zukommt. Hier wird eine Fülle an Referenzen aufgeboten, die zu wiederholtem Anschauen geradezu auffordert.

Dazu trägt auch die meisterhafte visuelle Umsetzung bei. Gespeist aus persönlichen Erfahrungen – er wurde in die italienische Aristokratie hineingeboren – und aus seiner immensen Begeisterung für Literatur- und Kunstgeschichte bietet Visconti dem Betrachter in den Interieurs und Strandszenen ein wahres Fest für die Sinne. Stets schwingt dabei eine unendliche Traurigkeit mit, der bittersüße Geschmack einer untergangenen Welt, eine in der Kunst auferstandene „verlorene Zeit“. Der intensive Einsatz der dritten und fünften Symphonie Gustav Mahlers, den Mann im Übrigen als Vorbild für seinen Protagonisten benutzte, sorgt für so manchen melodramatischen Effekt, der jedoch an keiner Stelle zum Kitsch verkommt. Ohnehin passt der ausufernde Stil bestens zu den Anleihen an den antiken Mythos, der ja heutzutage vielen Menschen vor allem durch Theateraufführungen klassischer Stücke bekannt ist.

In diesem Tanz der Blicke und Gesten zeigt der 1999 verstorbene Dirk Bogarde (Die Verdammten, Despair – Eine Reise ins Licht), der in den USA nie eine größere Bekanntheit erreichen konnte, in Europa jedoch als hervorragender Charakterdarsteller geachtet wurde, die beste Leistung seiner Karriere. Nie gibt er Aschenbach der Lächerlichkeit preis, stattdessen wird dessen ganze Unsicherheit und Sehnsucht subtil spürbar. Björn Andresen als Tadzio, damals erst 16 Jahre alt, muss im eigentlichen Sinne nicht schauspielern, sondern einfach nur Präsenz zeigen und sein makelloses Antlitz präsentieren, was ihm zweifellos gelingt und ihn zur Ikone machte. Ein kleines Glanzlicht setzt auch Silvana Mangano, eine der ganz großen Diven Italiens, in einer Minirolle als gravitätische Übermutter.

Literaturverfilmungen sind immer tückisch. Wenn man sich zudem an einen Autor wie Thomas Mann heranwagt, sind die Erwartungen der Leser immens hoch und ein Scheitern nahezu unausweichlich. Als bisher einzigem Regisseur ist es Luchino Visconti gelungen, einen Text des Nobelpreisträgers so zu adaptieren, dass der Geist des Originals nicht verwässert wird und zugleich sogar sinnvolle Erweiterungen direkt ins Herz des Gesamtschaffens des Autors führen. Auf diese Weise entstand einer der Klassiker des anspruchsvollen europäischen Kinos.
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