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    Der Tod kommt zweimal
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Der Tod kommt zweimal
    Von Gregor Torinus
    Der aus dem Jahre 1984 stammende Erotikthriller "Der Tod kommt zweimal" bildet zusammen mit "Dressed to Kill" (1980) und "Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren" (1981) das Dreigespann der klassischen Brian De Palma-Thriller. Allerdings steht dieser Film zu Unrecht ein wenig im Schatten der anderen Werke des Regisseurs. Es stimmt zwar, dass sich hier alle an Brian De Palma immer wieder kritisierten Stilelemente finden lassen. Doch dies geschah keineswegs aus einem Mangel an Können, sondern aus De Palmas Hang zur bewussten Provokation.

    Der glücklose Schauspieler Jake Scully (Craig Wasson) lernt den hilfsbereiten Sam Bouchard (Gregg Henry) kennen, der ihm das Haus eines verreisten Freundes als zeitweilige Unterkunft anbietet. Dieses gleicht von außen einem UFO, liegt hoch über L.A. und bietet von innen fast jeden erdenklichen Luxus. Doch am spektakulärsten ist der Blick, der sich Jake durch ein Teleskop am Fenster eröffnet. Denn jeden Abend zur gleichen Zeit vollführt seine schöne Nachbarin (Deborah Shelton) einen heißen Striptease vor offenem Fenster und vergnügt sich anschließend ausgiebig mit sich selbst in ihrem Bett. Da Jake ein zwanghafter Voyeur ist, lässt er sich dieses Abendprogramm selbstverständlich niemals entgehen und wird eines Abends Zeuge, wie diese Frau von einem geheimnisvollen Eindringling brutal ermordet wird.

    Anfang der 80er-Jahre gehörte Brian De Palma zu den am heftigsten kritisierten, zeitgenössischen Hollywood-Regisseuren. Sein Psychothriller "Dressed to Kill" brachte ihm den Vorwurf des Sexismus ein, und der Mafiafilm "Scarface" (1983) enthält eine der brutalsten Filmszenen in einer Big-Budget-Produktion vor dem Durchbruch eines Quentin Tarantino. Doch anstatt sich anzupassen, blies De Palma mit "Der Tod kommt zweimal" zum Frontalangriff auf seine Kritiker und schuf ein brachiales Meisterwerk, das unverhohlen mit Elementen des Trash und der Exploitation-Movies spielt.

    "Der Tod kommt zweimal" suhlt sich genüsslich in der Welt des medialen Bodensatzes. So taucht das Publikum zusammen mit Jake Skully ein in eine Welt der drittklassigen Horrorfilme, der Pornografie und der aus heutiger Sicht unerträglichen Videoclips, die MTV in den 80er-Jahren salonfähig gemacht hatte. Eine romantische Liebesszene verkommt in diesem Film zu unerträglichem Schmalz und an anderer Stelle wird der, gerade auch von Brian De Palma geprägte, Begriff der sexualisierten Gewalt auf absolut groteske Weise vollkommen neu definiert. Auch das typische Klischee, De Palma seit nichts weiter als ein schlechter Epigone Alfred Hitchcocks, scheint der Regisseur mit diesem Film zu bestätigen. Denn natürlich scheint der Plot fatal an ein "Ein Fenster zum Hof" (1954) zu erinnern. Und dennoch – oder gerade deshalb – ist "Der Tod kommt zweimal" ein subversives Meisterwerk und einer der ersten Vorreiter des postmodernen Kinos.

    Das wahre Funktionsprinzip des Films offenbart sich gleich zu Beginn. Der Vorspann zeigt das Bild einer Wüstenlandschaft, über das in verblüffend geschmacklos gestalteten Schriftzügen die Credits laufen. Auf einmal kippt diese Landschaft seltsam aus der Perspektive, die Kamera fährt zurück und der Zuschauer sieht, dass es sich hierbei um den Teil einer Filmkulisse handelt, die gerade vor dem Studio herumgetragen wird. Hitchcock und der Rest der Filmgeschichte dienen De Palma nur als Rohmaterial. So sind auch die offensichtlichen Bezüge zu "Das Fenster zum Hof" nicht der Ausdruck eines fantasielosen Plagiats. Sie lenkten vielmehr davon ab, dass sich die Handlung in Wirklichkeit deutlich stärker an einem anderen Hitchcock-Film orientiert. Zur Entstehungszeit von "Der Tod kommt zweimal" waren dessen Werke längst zum popkulturellen Allgemeingut geworden. So kann De Palma mit diesen Bildern im Kopf des Betrachters spielen und diesen gezielt manipulieren.

    De Palma will mit greller Intensität, mit groben Effekten und einer satten Dosis Sex und Gewalt die tatsächliche Intelligenz seiner Story-Konstruktion überdecken. Von den erwähnten Opening Credits bis zum Abspann vor dem Hintergrund blutbesudelter Brüste ist dieser Film eine einzige Feier des schlechten Geschmacks. Doch jede Einstellung und jeder Schnitt sitzen perfekt und zahlreiche ausgeklügelte Kamerafahrten beweisen De Palmas inszenatorische Meisterschaft.

    Fazit: "Der Tod kommt zweimal" ist eine Reflexion der Funktionsmechanismen des Kinos, eine sehr intelligente Versuchsanordnung im Gewand eines B-Movies, ein anspruchsvoller und komplexer Metafilm, der zugleich bestens unterhält.
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