Privatdetektiv
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4 - Sehr gut
Vampire haben in dieser Zeit das Image, als bleiche, gequält dreinschauende und schmachtende Hairstylisten herumzulaufen. Alles andere ist in der heutigen Popkultur schlicht und ergreifend out. „Let me in“ von „Cloverfield“-Regisseur Matt Reeves beweist nun genau das Gegenteil. Mit seinem wunderschön fotografierten und glänzend gespieltem Horror-Drama kehrt Reeves zu den Wurzeln des klassischen Vampir-Horrors zurück – hier brauchen die Geschöpfe der Nacht frisches Menschenblut um zu überleben, sprechen zur Not auch mal mit tiefer Teufelsstimme und – Achtung, jetzt kommt’s – können sich ganz ohne ständiges Herumgesülze in einen Sterblichen verlieben. Meine Damen und Herren, ich darf Ihnen die Rettung des Vampirfilms präsentieren: „Let me in“.
Von seinen Mitschülern wird er Tag für Tag gequält, seine Eltern stecken mitten in einer Scheidungskrise und wirklich Freunde hat der liebe Junge auch nicht – in diesem Mix aus Gewalt, Angst und Hilflosigkeit mutiert der 12-jährige Owen langsam aber sicher zum potenziellen Serienkiller. In seiner Freizeit sticht er am liebsten mit aus dem Supermarkt geklauten Messern auf Bäume ein – nur zur Übung versteht sich. Schließlich will sich Owen seinen Schulhof-Peinigern eines Tages zur Wehr setzen. Und dann, mitten in einer verschneiten Winternacht, zieht Abby ein. Sie riecht komisch, schafft den legendären Zauberwürfel in nur einer Nacht und trägt selbst im Schnee keine Schuhe – Owen ist fasziniert. Abend für Abend treffen sich die beiden auf dem Hinterhof, daraus entsteht Freundschaft und schließlich Zuneigung…
„Let me in“ ist wohl eine der ungewöhnlichsten Liebesfilme der letzten Zeit. Tatsächlich geht der Film als eine Art „Horror-Romanze“ durch. Reeves nimmt sich wahnsinnig viel Zeit für die Einführung seiner Charaktere. Man kann sich in Owen hineinversetzen und bekommt einen einzigartigen Einblick in seinen Charakter. Owen hat für den Zuschauer sozusagen überhaupt keine Geheimnisse. Wir wissen von seinen kranken Mordfantasien, von seiner Peinigung in der Schule und von seiner Trauer um die Scheidung seiner Eltern. Er ist das direkte Gegenstück zu Abby. Sie ist geheimnissvoll. Man kann nur schwer erraten, wen sie mag und wen sie nicht mag – ihr Handeln ist für den Zuschauer nicht vorauszusehen. Dieser krasse Gegensatz macht das Charakterzusammenspiel – und dadurch den Film – sehr interessant.
Die Auswahl der Darsteller kann man ohne Einschränkungen als optimal bezeichnen. Kodi Smit-McPhee ist die perfekte Besetzung für Owen. Durch sein intensives Spiel gelingt es ihm von Anfang an, den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Zum Beispiel in der Szene, in der Owen verängstigt seinen Vater anruft, überträgt McPhee die Emotionen der Figur nahtlos auf den Zuschauer.
Chloë „Hit Girl“ Moretz ist die ideale Besetzung für Abby. Die US-amerikanische Jungdarstellerin übt beim Zuschauer eine unglaubliche Faszination aus – sie ist genauso bezaubernd wie furchteinflößend. Nach ihrer kultverdächtigen Performance im Überraschungserfolg „Kick-Ass“ hat Moretz nun also bewiesen, dass sie sich auch auf ruhiges Schauspiel hervorragend versteht. Ein Schwachpunkt des Films ist es allerdings auch, dass durch die großartigen Leistungen des Hauptdarsteller-Duos, alle anderen Charaktere (und dadurch auch Schauspieler) in den Hintergrund rücken. Der Film lebt von Moretz und McPhee – der Rest ist sozusagen Nebensache. Das interessiert den Zuschauer zwar weniger, aber schade ist es trotzdem.
Wer Angst hat, weil „Cloverfield“-Regisseur Matt Reeves hier am Werk ist, kann beruhigt aufatmen. Die ungewöhnliche Love-Story wird von Reeves in fast schon malerische Bilder eingebettet und erzeugt so einen extrem stimmige Atmosphäre. Allerdings Vorsicht: Während das schwedische Original „So finster die Nacht“ in seinen poetischen Bildern schwelgte und selbst abgerissene Köpfe im Pool irgendwie noch elegant wirkten, setzt Matt Reeves hier eine Portion Horror und Ekel drauf, die sich gewaschen hat. Zwar ist keine der Gewalttaten explizit zu sehen, wirklich off-screen passieren sie allerdings auch nicht. Der Ekelfaktor liegt deutlich höher als beim Original – durch wirkungsvolle Sound-Effekte und ein paar ordentliche Blutfontänen wird der Mord des Kommissars in Abbys Wohnung für den Nicht-Horror erprobten Zuschauer beinahe unerträglich. 2mal darf Moretz mit ihrem ultragruseligen Vampir-Make-up auch in die Kamera stieren und dürfte dem Zuschauer so eine waschechte Gänsehaut bescheren.
Fazit: „Let me in“ ist ein gelungenes Dreierlei – der Film funktioniert als Umsetzung des Romans, als Remake der schwedischen Verfilmung und (das ist in meinen Augen der wichtigste Punkt) auch als komplett eigenständiger Film. Und wenn selbst Horror-Guru Stephen King „Let me in“ für „(den) besten amerikanischen Horrorfilm der letzten 20 Jahre“ hält, dann muss doch irgendwas dran sein. Oder?
Hinzugefügt am 18.12.2011 um 02:59 Uhr
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