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Berlinale 2008 - Tag 1: Ein musikalisches Festival
Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ron Wood in "Shine A Light"
Freitag, 08.02.2008 | 08:37 Uhr

Von Christoph Petersen

Als bekannt wurde, dass Martin Scorseses Konzertfilm Shine A Light die diesjährige Berlinale eröffnen wird, sprach manch einer höhnisch von einer „Nacht der lebenden Toten“ – immerhin haben die „Rolling Stones“ ihre Halbwertszeit schon seit Jahrzehnten überschritten. Wenn man „Shine A Light“ dann aber gesehen hat, wird man mit solchen Bemerkungen zukünftig sicherlich vorsichtiger umgehen. Die Rock-Opas lassen es bei ihren zwei Auftritten zugunsten einer Charity-Organisation von Ex-Präsident Clinton im New Yorker Beacon Theatre (2600 Plätze) nochmal so richtig krachen. Scorsese gelingt es, die energetische Performance eines Mick Jagger und die schelmische Ironie eines Keith Richards auf die Leinwand zu transportieren.

Nach einer knapp 15-minütigen selbstironischen Einführung, in der sich Scorsese über die fehlende Setliste echauffiert und die Stones ihren Unmut über das merkwürdige Bühnenbild kundtun, beginnt der erste Song. Von hier an werden die Konzertaufnahmen nur noch von kurzen Archiv-Schnipseln unterbrochen. Die Kameramänner, die allesamt zur Creme de la Creme ihrer Profession zählen, filmen dabei häufig aus dem Zuschauerraum heraus – Hinterköpfe, klatschende Hände und Videohandys inklusive. So versetzt Scorsese den Kinogänger in die Position eines Konzertbesuchers. Leider endet die Beschreibung von „Shine A Light“ hier. Dieses – wenn auch handwerklich hervorragende – Abfilmen des Konzert ist im Endeffekt der ganze Film.

Der Zuschauer wird in die Rolle des reinen (Musik-)Konsumenten gedrängt, der hier eigentlich nicht mehr machen kann, als sich über die 120 gesparten Euro zu freuen, die er im Vergleich zu einem regulären Konzertticket gespart hat. Damit ist „Shine A Light“ ein vor allem „sicherer“ Eröffnungsfilm – er überfordert keinen, er tut niemandem weh und mit Martin Scorsese und den „Rolling Stones“ hat die Eröffnungsveranstaltung ein Staraufgebot, wie man es in Berlin seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Diese Einschätzung ist nicht falsch zu verstehen. „Shine A Light“ ist eine ordentliche Konzertdoku. Nur fehlt ihr einfach das gewisse Etwas, das andere Musikfilme – wie „Woodstock“ oder auch Scorseses „The Band“-Doku „The Last Waltz“ (1978) – in den Stand von Klassikern erhoben hat.

Bewertungen:
Christoph Petersen 6/10 Punkten
Björn Helbig 7/10 Punkten


Sonst noch gesehen:

CSNY: Deja Vu (Bernard Shakey, USA 2008) – Bewertung: 9/10 Punkten
Eine Doku über die „Freedom of Speech“-Tournee der Protestler Crosby, Stills, Nash & Young im Jahr 2006. Ein Musikfilm, der das gewisse Etwas definitiv hat! Schon der Titel ist genial: „Deja Vu“ ist nicht nur der Titel eines alten Songs der Country-Combo, er beschreibt zugleich das gesamte Konzept des Films. Die vier Sänger haben viele ihrer alten Protestsongs, die sie ein gegen den Vietnamkrieg schmetterten, nur minimal abgeändert, um sie nun für den Krieg im Irak zu recyceln – es ist halt vieles genau wie damals. Im Vergleich mit den Stones sehen diese Künstler wirklich alt aus, zwei von ihnen sind sogar richtig fett. Dennoch ist die Doku bewegend, aufwühlend und politisch engagiert (ohne dabei platt zu wirken). Hier werden Emotionen geweckt und der Zuschauer wird zum Kopfeinschalten genötigt – zwei Qualitäten, die „CSNY“ dem Eröffnungsfilm voraus hat. Übrigens: Hinter dem Regie-Synonym Bernard Shakey verbirgt sich niemand geringeres, als Neil Young himself.

Om Shanti Om (Farah Khan, Indien 2007) – Bewertung 8/10 Punkten
Ein extrem spaßiger Bollywood-Streifen mit Shah Rukh Khan. Auf der einen Seite bedient Shah Rukh dabei zwar sein Helden-Status, auf der anderer zerschmettert er aber auch gleichzeitig selbstironisch sein Megastar-Image. Nebenbei zitiert diese Mischung aus Drama/Melodram/Thriller/Komödie und Geisterfilm auch noch augenzwinkernd 30 Jahre Bollywood-Geschichte – inklusive unzähliger Cameo-Auftritten so ziemlich aller Kino-Idole dieser Epoche.

Rusalka/Mermaid/Die Meerjungfrau (Anna Melikian, Russland 2007) – Bewertung: 2/10 Punkten
Der Eröffnungsfilm der diesjährigen Panorama-Sektion ist ein extrem bemühter Die fabelhafte Welt der Amelie Nacheiferer, der spätestens mit seinem komplett überflüssigen, aufgesetzten Bad-End jegliche Bedeutung verliert.

Die FILMSTARTS.de-Autoren Christoph Petersen und Björn Helbig berichten täglich von der Berlinale 2008.

Zum FILMSTARTS.de Berlinale-Special.
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