Von Christoph Petersen
Nachdem gestern die „Rolling Stones“ das Berlinale-Parkett in
Martin Scorseses Konzertfilm "
Shine A Light" außer Konkurrenz gerockt haben, geht der Wettbewerb heute mit drei Beiträgen in die heiße Phase:
Zou You („In Love We Trust“,
Wang Xiaoshuai, China 2008) – Bewertung:
8/10 Punkten
Das chinesische Drama „Zou You” erzählt eine bekannte Geschichte – allerdings auf hervorragende Art und Weise: Einst waren Mei Zhu und Xiao Lu ein Ehepaar, heute eint sie nur noch die gemeinsame Tochter Hehe Als Hehe an Leukämie erkrankt, braucht sie eine Knochenmarkspende von einem Geschwisterchen, um zu überleben. Mei Zhu und Xiao Lu müssten noch einmal ein Kind zeugen, um ihre Tochter zu retten – allerdings sind beide mittlerweile mit anderen Partnern verheiratet. Eigentlich eine düstere, traurige Thematik, die Regisseur Wang Xiao Shuai allerdings mit seiner warmherzigen, verständnisvollen Inszenierung in einen wunderschönen Film verwandelt. Nebenbei erlaubt „Zou You“ immer wieder auch kritische Seitenblicke auf die Probleme des modernen Chinas.
Bären? Der Film selbst ist sicherlich ein krasser Außenseiter auf einen Preis. Anders liegt der Fall bei der wunderbaren Hauptdarstellerin
Yu Nan, die man zumindest zum erweiterten Kreis der Anwärterinnen auf einen Silbernen Bären für die beste Schauspielerin zählen sollte.
There Will Be Blood (
Paul Thomas Anderson, USA 2007) – Bewertung:
siehe ausführliche FILMSTARTS.de-Kritik
„There Will Be Blood“ ist weder ein Öl-Epos à la "
Giganten" noch eine Öl-Soap à la „Dallas“. Vielmehr ging es Regisseur Anderson (
Magnolia,
Punch-Drunk Love) darum, die Psyche eines größenwahnsinnigen Misanthropen zu erkunden. Diesem eher persönlichen Unterfangen wird eine gigantische Kulisse entgegengestellt – die unendlichen Weiter der Südstaaten und brodelnde Bohrtürme bilden den Hintergrund für den schleichenden Niedergang eines menschenhassenden Tycoons. Es ist dieses Missverhältnis von intimen Absichten und enormen Produktionswerten, die den Film so interessant macht.
Bären? Der Film selbst hat trotz acht Oscar-Nominierungen wohl nur Außenseiterchancen auf einen Goldenen Bären. Dann schon eher den silbernen Regie-Bären für Paul Thomas Anderson. Dass
Daniel Day-Lewis auf der Liste der Favoriten für einen silbernen Darsteller-Bären ganz an der Spitze steht, muss man wohl kaum mehr großartig erwähnen.
Musta Jää („Black Ice“,
Petri Kotwica, Finnland 2007) – Bewertung:
4/10 Punkten
„Black Ice“ beginnt als nette Mischung aus Beziehungsdrama und Psychothriller. Zwar ist der Film von Anfang an gnadenlos überkonstruiert, aber zumindest in der ersten Stunde hat man an den lustigen Verwirrspielchen durchaus seinen Spaß. Doch in dem Moment, in dem die Handlung eigentlich hätte zugespitzt werden müssen, verliert Kotwica vollkommen die Kontrolle über sein Verwechslungs-Wirrwarr. Statt die Spannungsschraube anzuziehen, erweisen sich die letzten Wendungen als absurd und unfreiwillig komisch. Man langweilt sich zwar nicht gerade zu Tode, aber was dieser weder sonderlich ausgefallene noch sonderlich gute Thriller im Wettbewerb zu suchen hat, ist schließlich eine spannendere Frage als die nach der Auflösung des Plots.
Bären? No Way! Dafür ist der Film zu sehr plotdriven und bekennt sich – trotz Drama-Elementen - zu offen zu seinen Genrewurzeln.
Sonst noch gesehen:
The Living End: (
Gregg Araki, USA 2008) – Bewertung:
7/10 Punkten
Die digital remasterte und neu abgemixte Version von Gregg Arakis schwulem Underground-Roadmovie aus dem Jahre 1992, das bisher nur in einer schäbigen 16mm-Fassung zu sehen war. Anarchisch, kultig – gut!
Geschichten hinter Wänden (Koji Wakamatsu, Japan 1965) –
7/10 Punkten
Dem 72-jährigen Regisseur Koji Wakamatsu, der auf der diesjährigen Berlinale seinen neuen Film „The Red Army“ vorstellt, ist auch eine kleine 3-Filme-Retro gewidmet, in der politisch motivierte Softpornos aus den 6oer und 70er Jahren gezeigt werden. Den Anfang machte heute „Geschichten hinter Wänden“. Wer sich den Freitagabend mit einem lustigen Pornofilmchen (was die Werke des sogenannten Pink-Eiga-Genres in der Regel auch sind), war hier allerdings definitiv falsch gewickelt. Wakamatsu hat seinen kunstvoll in grobkörnigen schwarz-weiß inszenierten Film mit so vielen politischen und gesellschaftskritischen Tönen ausgestattet, dass wohl selbst Godard vor Neid erblassen würde.
Die FILMSTARTS.de-Autoren Christoph Petersen und Björn Helbig berichten täglich von der Berlinale 2008.
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