Von Christoph Petersen
Nachdem sich gestern mit "
There Will Be Blood" zumindest einer von drei Wettbewerbsfilmen als Favorit entpuppte, starten heute drei Außenseiter-Beiträge ihren Run auf die Berlinale-Bären:
Lake Tahoe (
Fernando Eimbcke, Mexiko 2008) –
Bewertung: 7/10 Punkten
„Lake Tahoe“ erzählt das märchenhafte Abenteuer von einem Jugendlichen, der auszog, um ein Ersatzteil für seinen Nissan aufzutreiben, und dabei zum Erwachsenen reift. Zunächst entpuppt sich der Film als eine absurd-komische Ode an die Langsamkeit. Später – gerade wenn der Verdacht aufkommt, der stillstehende, sich treiben lassende Film könnte ins Spröde abgleiten – setzt plötzlich ein feinfühliger Reifeprozess des Protagonisten ein, der den Zuschauer von neuem in seinen Bann zieht.
Bären? Auch wenn die Diashow-ähnliche Inszenierung und der subtil-absurde Humor sicherlich eine Geschmacksfrage sind, ist diese sensibel und zurückgenommen erzählte Coming-of-Age-Dramödie sicherlich in den Kreis der Außenseiter-Tipps für den Goldenen Bären aufzunehmen – zumindest ist es der erste Beitrag, der im Anschluss an die Pressevorführung, einhelligen Applaus erntete. Die Darsteller werden leider leer ausgehen.
Julia (
Erick Zonca, Frankreich 2007) –
Bewertung: 5/10 Punkten
Eine Alkoholikerin entführt ein Kind: „Julia“ beginnt als nettes Independent-Thriller-Drama. Doch der Film hat ein großes Problem – die arg großzügige Lauflänge von stolzen 138 Minuten. Dazu passt, dass die Handlung in der zweiten Hälfte ziemlich weite Spannungsbögen schlägt. Am Schluss hat man ein wenig das Gefühl, gerade mindestens drei Filme gesehen zu haben – und im Kino ist „3 zum Preis von 1“ nun einmal nicht unbedingt eine positive Werbebotschaft.
Bären? Während der Film selbst mit ziemlicher Sicherheit leer ausgehen wird, zählt
Tilda Swinton zu den Favoritinnen für einen silbernen Darsteller-Bären. Auch wenn sie nur in der ersten Hälfte die abgefuckte Trinkerin gibt, könnte sich ihr Mut zu Hässlichkeit (den ja vor allem die Oscar-Acadamy gerne mal belohnt – man denke nur an den Goldjungen für Nicole „Die Nase“ Kidmans Auftritt in "
The Hours") auszahlen.
Gardens Of The Night (
Damian Harris, USA 2007) –
Bewertung: 9/10 Punkten
Ein Film, der Themen wie Kinderpornographie und Pädophilie behandelt, dabei aber nicht gleich von Anfang an die Moralkeule auspackt (wie es zuletzt "
Trade" getan hat) – darf man so etwas machen? Damian Harris beweist mit seinem grandiosen Drama „Gardens Of The Night“, dass dieser Ansatz durchaus Sinn macht. Zwei Kinder, die siebenjährige Leslie und der farbige Donnie etwa gleichen Alters, werden entführt und von ihren Kidnappern an Pädophile ausgeliehen. Insgesamt sieben Jahre hält dieses Martyrium an. Schließlich schlagen sich die beiden Teenies, die mittlerweile wie Bruder und Schwester sind, als Prostituierte und Stricher auf den Straßen durch. Harris verzichtet nicht nur darauf, feste moralische Grenzen zu errichten, er streut sogar immer wieder geradezu magische Szenen ein, in denen Leslie und Donnie kurze Augenblicke des Glücks erleben dürfen. Radikal, mutig, schön – die bisher positivste Überraschung des Wettbewerbs (obwohl die Pressevorführung zu Beginn doch einige Journalisten ganz und gar nicht glücklich verlassen haben.
Bären? Sicherlich ist Harris` mutiges Drama mit
John Malkovich einer der interessantesten Beiträge des Wettbewerbs. Dennoch wird der Film nicht gewinnen: Er spaltet das Publikum zu sehr, um vor einer Konsens-Jury zu bestehen.
Sonst noch gesehen:
My Brother`s Wedding – Director´s Cut (Charles Burnett, USA 1983/2007) –
Bewertung: 8/10 Punkte
Genau wie Gregg Arakis „The Living End” liegt auch Burnetts halbdokumentarischer, gesellschaftskritischer Kultfilm in einer neuen HD-Fassung vor. Ohne schrottige 16mm-Kopie und in hervorragender HD-Qualität macht das humorvolle Drama um einen Schwarzen, der in der Näherei seiner Eltern jobbt und ständig mit seinem Anwalt-Bruder verglichen wird, gleich doppelt Spaß.
Die FILMSTARTS.de-Autoren Christoph Petersen und Björn Helbig berichten täglich von der Berlinale 2008.
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