Zwei Mal Top, einmal totaler Flop: Bericht vom 6. Tag der Berlinale mit zwei Meisterwerken und einem Tiefpunkt
Mittwoch, 13.02.2008 | 00:12 Uhr
Von Christoph Petersen und Björn Helbig
Berlinale, Halbzeit. Sowohl Highlights als auch minder gute Filme wurden dem Publikum bereits vorgestellt. Der sechste Tag des Festivals hatte beides – nach einem fantastischen Start, drang man schließlich in geschmacklose Grenzbereiche vor.
Night And Day (Bam Gua Nat; Hong Sangsoo, Republik Korea 2008) – Bewertung: 10/10 Punkten
„Night And Day“ ist Autorenkino, wie es im Buche steht. Zweieinhalb Stunden werden hier Menschen und ihre Beziehungen zueinander ausgelotet, dass die Schwarte kracht. Dabei beweist Sangsoo bemerkenswerte Intelligenz, tiefes Verständnis und ein überraschendes Maß an subtil-charmantem Humor. Ein frankophiles Meisterwerk aus dem fernen Osten, das es mit Klassikern wie Erik Rohmers „Meine Nacht bei Maude“ und Jean Eustaches „Die Mama und die Hure“ spielend aufnehmen kann.
Bären? Die Hochzeit des Autorenkinos ist seit mehr als zwei Dekaden vorüber. In den 60er und 70er Jahren hätte man „Night And Day“ sicherlich zu den Favoriten des Wettbewerbs zählen müssen. 2008 stehen die Chancen hingegen ziemlich schlecht.
Happy-Go-Lucky (Mike Leigh, GB 2008) – Bewertung: 9/10 Punkten
„Meine Filme sollen wie Dokumentarfilme sein. Wenn man Kameramann bei einer Wochenschau ist und ein echtes Ereignis filmen soll, ist einem klar, dass diese Welt tatsächlich existiert, egal ob man es jetzt filmt oder nicht. In meinen Filmen möchte ich eine Welt schaffen, die genauso wahrhaftig ist, etwas, das so dreidimensional und echt aussieht, dass man mit dem Messer reinstechen möchte.“ (Mike Leigh)
„Ich stelle Fragen, ich beunruhige den Zuschauer, ich mache ihm ein schlechtes Gewissen, lege Bomben, aber ich liefere keine Antworten“, sagt Mike Leigh über seine Arbeit. Wer seine Filme kennt, weiss, was gemeint ist. Umso überraschter ist man, wenn man den neusten Film des 1943 in Salford bei Manchester geborenen Regisseurs und Filmemachers sieht. „Happy-Go-Lucky“ handelt von Poppy (Sally Hawkins), die scheinbar unbeschwert durchs Leben geht und wirklich gar nichts richtig ernst nimmt. Sie ist ein richtiger Quatschkopf. Poppy lebt mit ihrer besten Freundin zusammen, geht ihrem Job als Grundschullehrerin nach, nimmt Flamanco- und Fahrstunden und - ja, eigentlich nichts und. Auf den ersten Blick sind keine Mike Leigh typischen Bomben vorhanden. Trotzdem entwickelt die Geschichte um Poppy und ihre Welt einen regelrechten Sog. Man will mehr von ihr wissen, wissen warum sie so ist, wie sie ist und wie weit sie mit ihrer Art kommt. Man will Poppy zusehen, sie in möglichst vielen Situationen erleben, die aber immer nur mehr Fragen, jedoch - und hier wird es wieder ganz wie man es von Leigh gewohnt ist - keine Antworten produzieren. Leigh ist seinem Anspruch gerecht geworden. Er hat eine Welt geschaffen, dreidimensional, lebendig. Doch im Gegensatz zu sonst, möchte man nicht mit einem Messer hineinstechen. Man moechte, dass Poppys Welt heil bliebt und ihr immer weiter zusehen.
Bären? Mike Leigh, der stets sehr eng mit seinen Schauspielern zusammenarbeitet, um die vielschichtige Charaktere zu erschaffen, hat mit Sally Hawkins, die auch in seinen Filmen "All Or Nothing" und "Vera Drake" mitgespielt hat, den absolut richtigen Griff getan. Ihre Leistung ist ohne Wenn und Aber einen Silbernen Bären wert.
Standard Operating Procedure (Errol Morris, USA 2008) – Bewertung: 1/10 Punkten
Wenn in diesem Film jemand erzählt, dass sich Saddam Hussein ein Ei brät, dann sieht man in riesiger Nahaufnahme und Superzeitlupe, wie ein Ei aufgeschlagen wird. Wie die Soße langsam in die Pfanne rinnt. Wie das Ei brät. Und dazu erklingt der pathetisch-überdrehte Hollywood-Score von Danny Elfman, bei dem man sich stets fragt, wann denn nun endlich "Spider-Man" angeflogen kommt. Errol Morris, der vor kurzem noch den Dokumentarfilm-Oscar für "The Fog Of War" entgegennehmen durfte, hat mit „SOP“ nun einen Film über die Folterfotos von Abu Ghraib gemacht, der wie ein dämlicher Politbeitrag im Vorabendprogramm des Privatfernsehens daherkommt – mit Spezialeffekten gewürzt, aber inhaltlich hohl wie sonst was. Die Doku setzt die falschen Schwerpunkte, nimmt die falschen Leute in Schutz und benimmt sich inszenatorisch, wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen. Definitiv der absolute Tiefpunkt des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs, vielleicht sogar des Kinojahres überhaupt!
Bären? „SOP“ ist der erste Dokumentarfilm, der es jemals in den Wettbewerb der Berlinale geschafft hat. Eine Entscheidung, hinter die einige Fragezeichen gehören - immerhin ist „SOP“ auch der erste Wettbewerbsbeitrag in diesem Jahr, der im Anschluss an die Pressevorführung nicht einmal einen Höflichkeitsapplaus bekam, sondern stattdessen mit Unverständnis und bestürztem Schweigen abgestraft wurde. Also Bären? Hoffentlich nicht!
Die FILMSTARTS.de-Autoren Christoph Petersen und Björn Helbig berichten täglich von der Berlinale 2008.
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