Von Christoph Petersen
Schon der vorletzte Wettbewerbstag und es gehen noch einmal zwei aussichtsreiche Anwärter auf den Goldenen Bären ins Rennen. Während das umstrittene deutsch-österreichische Drama „Feuerherz“ jedoch alle Chancen verspielt, bestätigt der israelische Regisseur Amos Kollek mit „Restless“ seine Favoritenrolle.
Feuerherz (
Luigi Falorni, Deutschland/Österreich 2008) –
Bewertung: 2/10 Punkten
Im Vorfeld der Berlinale war um die literarische Vorlage eine harsche Diskussion entbrannt. Basiert der autobiographische Roman von Senait G. Mehari nun wirklich auf Tatsachen, oder entsprang die Geschichte um ihre Kindersoldaten-Vergangenheit doch der Phantasie der erfolgreichen, deutsch-eritreischen Schlagersängerin? Nach dem Sehen des Films, der laut den Produzenten eh nur frei an das Buch angelehnt ist, stellt sich diese Frage allerdings kaum. Viel zu klischeehaft kommt die Story daher, als dass man sie auch nur eine Sekunde ernst nehmen könnte. Einer der Ausbilder benimmt sich wie ein ausgebildeter Sozialpädagoge, sowieso herrscht über weite Strecken eine Stimmung wie in einem Ferienlager (ein ernsthaft bedrohliche Atmosphäre mag nicht aufkommen, dafür stehen die hübschen Landschaftspanoramen zu sehr im Vordergrund der Inszenierung) und die katholischen Metaphern sind platt wie eine Flunder. Bürgerkrieg light – nein danke!
Bären? Nach der Pressevorstellung blieb der Applaus mal wieder aus, während des Films kam es an einer Stelle sogar zu einem spontanen Lachausbruch über eine besonders unfreiwillig komische Dialogzeile – obwohl das ernste Thema immer für einen Preis gut sein sollte, wird dieser Kelch wohl an „Feuerherz“ vorübergehen.
Restless (
Amos Kollek, Israel 2008) –
Bewertung: 8/10 Punkten
Moshe (
Moshe Ivgy) ist vor vielen Jahren aus Israel nach New York geflohen – vor seiner schwangeren Freundin und einem kriegerischen Staat. Mittlerweile schlägt er sich als fliegender Händler und Kneipenpoet durch, der sein Publikum übel beleidigt und Israel mit bitteren Spitzen beschießt – und damit großen Erfolg hat. Sein Sohn Tzach, der mittlerweile erwachsen ist, dient als Sniper in einer israelischen Spezialeinheit. Als seine Mutter stirbt und er einen fußballspielenden Jungen ausversehen anschießt, macht sich Tzach auf den Weg nach Amerika, um seinen Vater mit dessen Flucht zu konfrontieren. „Restless“ ist ein verdammt guter Film, was vor allem an der ambivalenten Hauptfigur liegt. Ein Egoist, der seine Familie verloren hat. Ein einfühlsamer Poet, der die Menschen versteht. Ein Kriegsgegner, der zu seinen Überzeugungen steht. Nachdem er zuvor vor allem für seine starken Frauenporträts bekannt geworden war, beweist Regisseur Amos Kollek mit „Restless“, dass er auch aus männlichen Charakteren eine ganze Menge herausholen kann.
Bären? „Restless“ ist aufregendes Kino, das aufgrund seiner ungewöhnlichen, angenehm andersartigen und unheimlich vielschichtigen Hauptfigur mehr als nur ein reiner geworden Themenfilm ist. Der Goldene Bär erscheint so zumindest im Bereich des Möglichen. Moshe Ivgy ist wohl sogar zu den Topfavoriten für einen Darsteller-Bären zu zählen.
I've Loved You So Long (
Philippe Claudel, Frankreich 2008) –
Bewertung: 6/10 Punkten
Eine Frau, die ihren sechsjährigen Sohn getötet hat, wird nach 15 Jahren aus dem Gefängnis entlassen und kommt bei ihrer Schwester und deren Familie unter. Natürlich hat sie zunächst mit jeder Menge Ressentiment zu kämpfen. „I´ve Loved You So Long“ basiert auf einem Roman des französischen Starautors Philippe Claudel, der hier zugleich auch sein Regiedebüt abliefert. Die ersten eineinhalb Stunden sind dabei unglaublich ambivalent ausgefallen. Auch als Zuschauer zweifelt man lange, ob man dieser Frau wirklich verzeihen, ihr noch einmal eine zweite Chance geben kann und will. Leider macht der Film am Ende einen Rückzieher. Aus einem faszinierend-verstörenden Film wird so ein einfacher Unterhaltungsfilm – ein guter zwar, aber es wäre ohne die überflüssige 180°-Wende noch erheblich mehr drin gewesen.
Bären? Wegen der doch ernüchternden Auflösung, die dem Film einen merklichen Teil seiner Kraft raubt, ist „I´ve Loved You So Long“ zwar ein schöner, aber sicherlich kein Siegerfilm.
Kristin Scott Thomas sollte man hingegen auf der Liste haben.
Die FILMSTARTS.de-Autoren Christoph Petersen und Björn Helbig berichten täglich von der Berlinale 2008.
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