Von Christoph Petersen und Björn Helbig
Die Stimmen wurden im Verlauf des Festivals immer lauter – der Wettbewerb sei mit zu vielen altgedienten Regie-Haudegen und Themenfilmen bestückt, aufregende Neuentdeckungen und experimentellere Projekte seien hingegen Mangelware. Die Chancen, dass sich dies ausgerechnet am letzten Wettbewerbstag noch einmal ändern sollte, standen gar nicht schlecht – das US-Independent-Drama „Ballast“ war mit vielen Vorschusslorbeeren über den großen Teich gekommen. Außerdem liefen noch das polnische WW2-Drama „Katyn“ von Regie-Urgestein Andrzej Wajda und der Hollywoodstreifen „Die Schwester der Königin“ außer Konkurrenz – Zweiterer wohl auch nur, um den roten Teppich mit
Natalie Portman,
Scarlett Johansson und
Eric Bana noch ein letzten Mal in diesem Februar mit ordentlich Starpower zu zieren.
Katyn (
Andrzej Wajda, Polen 2007) –
Bewertung: 8/10 Punkte
Für den intensivsten Film auf der diesjährigen Berlinale zeichnet der Pole Andrzej Wajda verantwortlich. Sein Drama handelt von dem Massaker in Katyn, bei dem 20.000 Offiziere der polnischen Armee umgebracht wurden. Doch es geht in dem genau recherchierten Film wenigen um die zugegeben äußerst schockierenden 20 Minuten, in denen der Zuschauer Zeuge der Massenhinrichtung wird. „Katyn“ zeigt vielmehr den Kampf um die Wahrheit. Andrzej Wajda, dessen Vater ebenfalls in Katyn umgekommen ist, ist an der Wahrheit und historischer Gerechtigkeit interessiert. Erst Ende des letzten Jahrhunderts gab Russland offiziell zu, dass man für die Untaten verantwortlich gewesen ist. Doch auch heute noch wird das Thema Katyn lieber todgeschwiegen. Insofern ist Andrzej Wajda ein aufwühlender Beitrag zur polnischen Vergangenheitsaufarbeitung gelungen.
Bären? Da „Katyn“ in seiner Heimat Polen bereits regulär im Kino lief, kann der Film nach den Berlinale-Regularien nicht offiziell in den Kampf um die begehrten Trophäen eingreifen – er läuft außer Konkurrenz.
Die Schwester der Königin (
Justin Chadwick, USA 2008) –
Bewertung: 5/10 Punkten
Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass der Film im Lebenslauf der Beteiligten nicht zu den Glanzpunkten gehören wird. Die Geschichte handelt von Anne Boleyns (Natalie Portman) (1501–1536), der bekanntesten der sechs Frauen von König Heinrich von England (Eric Bana). Sie sollte an den Hof des Königs gebracht worden, um diesen zu erfreuen und so den Einfluss der Familie zu stärken. Doch dann kam alles anders und ihre Schwester Mary (Scarlett Johansson) macht zunächst das Rennen beim König. Wer eine (traurige) Liebesgeschichte erwartet, wird enttäuscht werden. Auch wenn der Begriff kurz fällt, kommt das Gefühl in der Welt, in die Debütant Justin Chadwick den Zuschauer entführt nicht vor. Die Motivationen der Figuren lassen sich zusammenfassen in a) Streben nach politischem Einfluss, b) Familienloyalität und c) der Wunsch nach einem männlichen Erben. Was die Ausstattung angeht, weiß „Die Schwerster der Königin“ durchaus zu gefallen, erzählerisch allerdings weniger. Was ein prächtiges Puzzle aus Verrat, Loyalität und Liebe hätte werden können, wirkt ein
Elisabeth-Prolog; die Verfilmung eines hingehuschten Drehbuchs, das die wichtigsten Stationen des Lebens von Anne Boleyns Anne Boleyns lediglich skizziert.
Bären? Der Film wird in erster Linie gezeigt, um mit einem sehenswerten Staraufgebot den deutschen Kinostart zu bewerben. Auch „Die Schwester der Königin“ läuft außer Konkurrenz.
Ballast (
Lance Hammer, USA 2008) –
Bewertung: 8/10 Punkten
Lance Hammer, der sich vor einigen Jahren noch auf dem Talentcampus der Berlinale tummelte, liefert mit „Ballast“ nicht nur seinen ersten Langfilm, sondern zum Abschluss des Wettbewerbs auch noch einmal ein richtiges Pfund ab. Obwohl er mit einer unglaublichen Zurückgenommenheit und Ruhe zur Sache geht, ist Hammer mit seiner Handkamera zugleich auch eine stilistisch aufregende Inszenierung gelungen. Ohne ausgebildete Schauspieler, nur mit – erstaunlich gut geführten Laien – erweist sich „Ballast“ als eine Art Lehrfilm über das Leben – berührend, tief, intelligent und entgegen aller Erwartungen sogar mit einem glaubhafte-schönen Happy-End.
Bären? Die Chancen von „Ballast“ sind schwer einzuschätzen. Es ist ein außergewöhnlich ruhiger, eher unauffälliger Film – wenn man sich aber auf die eigenartige Stimmung des Films einlässt, wird man von den stillen Tönen wie von einem reißenden Fluss mitgerissen. Zumindest als Geheimtipp muss man „Ballast“ daher auf jeden Fall im Hinterkopf behalten.
Die FILMSTARTS.de-Autoren Christoph Petersen und Björn Helbig berichten täglich von der Berlinale 2008.
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