Cannes (dpa) - Das offizielle Festivalplakat von Cannes zeigt eine schöne Blondine mit kirschrotem Mund. Vor den Augen hat sie einen dicken schwarzen Balken: Sie wird nicht erkannt und kann selbst nichts sehen.
Das von dem amerikanischen Kultregisseur
David Lynch gestaltete Bild passt gut zum Eröffnungsfilm der 61. Internationalen Filmfestspiele. Denn in „
Blindness“ („Die Stadt der Blinden“) geht es um Erkenntnis und bittere Wahrheiten, wenn die Augen nichts mehr wahrnehmen. Das Werk des Brasilianers
Fernando Meirelles gab am Mittwochabend den Startschuss für die glamourösesten Festspiele der Welt - und bot dem fein gemachten Galapublikum etliche Gründe zur Selbstreflektion.
Was bleibt vom Menschen, wenn er nichts mehr sieht? Wenn eine ganze Stadt vom Blindheitsvirus überfallen wird? Im mondänen Cannes wäre dann all der Schick in den Schaufenstern von Dior, Saint Laurent oder Gucci sinnlos, all die Eitelkeiten wären zerschmettert. Doch im Film geschieht mehr: „Die Zivilisation bricht zusammen“, sagte Regisseur Meirelles, der mit dem Sozialdrama „
City of God“ bekanntwurde, in Cannes. „Wir tun doch immer nur so, als seien wir zivilisiert und besonders clever. Wenn etwas schief geht, werden wir zu wilden Tieren.“
In seinem Film nach dem Roman des Literaturnobelpreisträgers José Saramago versinkt eine Stadt im gewalttätigen Chaos. Einige Menschen versuchen ihre Würde und Humanität zu bewahren, andere suchen brutal ihren eigenen Vorteil. Hollywood-Star
Julianne Moore spielt eine Frau, die inmitten dieses Endzeitszenarios als Einzige weiter sehen kann. Sie versucht, ihrem Mann und einer kleinen Gruppe zu helfen und überschreitet im Kampf ums Überleben selbst moralische Grenzen.
„Die Stadt der Blinden“ könnte auch ein ein klassischer Katastrophenfilm sein. Aber Meirelles zeigt das wie ein großes soziales Experiment. Er konzentriert sich auf seine Charaktere und taucht die Bilder in ausgewaschene Farben und sprödes Licht. Nur bei der Umsetzung des Themas „Blindheit“ hätte ihm mehr als das eher konventionelle Mittel weißer Überblendungen einfallen können.
Insgesamt konkurrieren in diesem Jahr 22 Werke um die Goldene Palme, die Superstar
Robert De Niro am 25. Mai vergeben wird. Aus Deutschland ist
Wim Wenders mit „
Palermo Shooting“ dabei, in dem Campino, der Frontmann der Punkband Die toten Hosen, seine erste Kinohauptrolle spielt. Längster Wettbewerbsbeitrag ist „Che“ des US- Amerikaners
Steven Soderbergh, eigentlich ein Spielfilm-Zweiteiler über das Leben des Revolutionsführers Ernesto „Che“ Guevara mit einer Gesamtdauer von 4 Stunden 28 Minuten. Jüngster Regisseur in der Konkurrenz ist mit 33 Jahren der Ungar
Kornel Mundruczo („
Delta“). Der 77 Jahre alte
Clint Eastwood („
The Changeling“) übernimmt das Alterspräsidium im Rennen um die Palme.
Zum Staraufgebot dieses Jahrgangs gehören unter anderem
Angelina Jolie,
Sharon Stone,
Steven Spielberg,
Harrison Ford,
Cate Blanchett und
Penelope Cruz, die sich möglicherweise erstmals offiziell mit ihrem neuen Freund, dem Oscar-Gewinner
Javier Bardem, zeigen wird. Popdiva
Madonna kommt an die Cote d'azur, um einen Dokumentarfilm über Aids in Malawi vorzustellen - dort hat sie ihr jüngstes Kind adoptiert. Und natürlich dürfen auch große Entertainer aus dem Sport nicht fehlen: Sowohl der „Fußballgott“ Diego Maradona als auch der Boxer Mike Tyson sind als Dokumentarfilm-Helden auch leibhaftig dabei.
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