Los Angeles (dpa) -
James Stewart war längst ergraut und seit Jahren im Ruhestand, als er 1985 unter tobendem Beifall einen Ehren-Oscar „für seine unvergesslichen Auftritte während fünfzig Jahren“ in Empfang nahm.
„Dies ist die wichtigste Auszeichnung überhaupt, zu wissen, dass ich nach all den Jahren noch nicht vergessen bin“, sagte Hollywoods „Mr. Nice Guy“ bei der Gala-Show strahlend. Seit elf Jahren ist der legendäre Schauspieler tot, doch vergessen ist „Amerikas Lieblingssohn“ nicht. Am 20. Mai wäre er hundert Jahre alt geworden - ein Jubiläum, das nicht nur in Stewarts kleinem Geburtsstädtchen Indiana im US-Staat Pennsylvania groß gefeiert wird.
Stewart, der in Filmklassikern wie „Mr. Smith geht nach Washington“, „
Ist das Leben nicht schön?“, „
Die Nacht vor der Hochzeit“ und „Mein Freund Harvey“ mitwirkte, verkörperte auf der Leinwand und im Privatleben Amerikas Wertvorstellungen von Courage, Bescheidenheit und Moral. Schlaksig, ein wenig linkisch, lispelnd und dabei unglaublich liebenswert, spielte er sich in den frühen Jahren seiner Karriere in die Herzen des Publikums.
Die Oscar-Akademie würdigt seinen runden Geburtstag mit Filmvorführungen, bei denen Freunde und Kollegen zu Wort kommen. Indiana lässt seinen berühmtesten Sohn Ende Mai mit einer Flugshow, Paraden und einer riesigen Geburtstagstorte hochleben. Stewarts Töchter Kelly und Judy werden als Ehrengäste im Jimmy-Stewart-Museum erwartet.
„Jimmy“, wie ihn seine Fans nennen, „war einfach ein richtig netter Mensch ohne Leichen im Keller“, erzählt Museums-Chef Tim Harley der dpa. „Er wuchs als Kleinstadt-Bürger mit bester Moral auf, er liebte seine Familie, die Gemeinde und sein Land“. Zu Ehren Stewarts zeichnet das Museum eine seiner engsten Kolleginnen,
Grace Kelly, posthum mit dem „Harvey Award“ aus. Zusammen glänzten sie 1954 in Alfred Hitchcocks „
Das Fenster zum Hof“.
Hitchcock holte Stewart auch für „
Cocktail für eine Leiche“, „
Der Mann, der zu viel wusste“ und „
Vertigo“ mit
Kim Novak vor die Kamera, allerdings nie als Bösewicht. „James Stewart würde nie einen Mörder spielen“, sagte Hitchcock einmal. Der Schauspieler selbst liebte vor allem seine Western, von denen „Der große Bluff“ mit
Marlene Dietrich und „Winchester '73“ die berühmtesten wurden. Für
Billy Wilder spielte er in „Lindbergh - Mein Flug über den Ozean“ den Flugpionier Charles A. Lindbergh. In „Mein Freund Harvey“ war er ein versponnener Alkoholiker.
Unvergesslich blieb Stewart auch in intelligenten Komödien wie „Die Nacht vor der Hochzeit“ mit
Katharine Hepburn und
Cary Grant (1940). Diese Rolle brachte ihm seinen einzigen Oscar als bester Hauptdarsteller ein. Die vergoldete Trophäe schickte er von Hollywood nach Indiana, wo sie 25 Jahre das Ladenschaufenster seines Vaters schmückte.
Stewart kam am 20. Mai 1908 als James Maitland Stewart, Sohn eines Eisenwarenhändlers, zur Welt. Er studierte Architektur und Ingenieurwesen, entschied sich dann aber für die Schauspielerei. Nach kleinen Rollen am New Yorker Broadway entdeckte ihn Hollywood, und 1935 gab er sein Debüt in „Der elektrische Stuhl“. Mit Frank Capras „Der Lebenskünstler“ und „Ein ideales Paar“ festigte sich sein Ruf als grundsatztreuer feiner Mensch, und Capras „Mr. Smith geht nach Washington“ machte ihn endgültig zum Star.
Stewart gehörte zu den ersten Hollywood-Stars, die sich im Zweiten Weltkrieg fürs Militär verpflichteten. Als Kommandant einer Bomberstaffel flog er 20 Einsätze über Deutschland. 1959 wurde er zum Brigadegeneral der Reserve ernannt, erst 1968 schied er aus dem Dienst. Privat zählte Stewart zu den wenigen Stars, die nicht durch Skandale von sich Reden machten. Jahrelang als Junggeselle heiß begehrt, heiratete er erst im Alter von 41 Jahren Gloria McLean, die 1994 an Krebs starb. Bis dahin waren die beiden unzertrennlich und führten ein zurückgezogenes Leben.
Nach „The Magic of Lassie“ und „Tote schlafen besser“ Ende der 70er Jahre nahm Stewart 70-jährig vom Film Abschied. Er starb am 2. Juli 1997 mit 89 Jahren an Herzversagen. Die „New York Times“ würdigte ihn als den Letzten aus der Reihe der „überlebensgroßen, fast mythischen“ Stars, zu denen außer ihm
Spencer Tracy,
Gary Cooper,
Clark Gable,
Cary Grant,
John Wayne und
Henry Fonda gehörten. Mit dem ultraliberalen Fonda war er ein Leben lang eng befreundet, obwohl Stewart selbst ein konservativer Republikaner war, der sich in Wahlkämpfen für Richard Nixon und Ronald Reagan stark machte. Der demokratische Präsident Bill Clinton bezeichnete Stewart in einem Nachruf als „nationalen Schatz“ und „großen Schauspieler, einen Gentleman und Patrioten“.
Stewart gab sich trotz seiner Beliebtheit und seiner Erfolge stets bescheiden. „Ich denke mal, dass die Leute sich leicht mit mir identifizieren können, doch heimlich träumen sie davon, John Wayne zu sein“. Der Westernheld war für Stewart „vermutlich der größte Star der Welt“. Er selbst wolle den Leuten in Erinnerung bleiben, „als jemand, der seine Arbeit gut machte und was er sagte auch wirklich meinte“.