Cannes (dpa) - Es gibt bizarre Situationen beim Festival in Cannes. In einem eleganten Salon des Carlton Hotels steht
Harrison Ford allein vor dem Buffet mit feinsten Häppchen. Rund 100 Journalisten schauen beim „Presse-Cocktail“ mit etwas Abstand zu und bewundern seine perfekt gemachten Haarsträhnchen.
Niemand spricht ihn an. Derweil wird in einer anderen Ecke des Raumes
Steven Spielberg bedrängt, schüttelt Hände, lässt sich fotografieren, eng beschützt von PR-Leuten und Bodyguards. Dann kommen die Personenschützer auch zu Ford - und sofort entwickelt auch er magnetische Kräfte, die sich in einem Blitzlichtgewitter entladen.
Wiederum steht draußen der Kultregisseur
Jim Jarmusch völlig unbehelligt an einer Straßenecke des von Palmen gesäumten Boulevards La Croisette und plaudert entspannt mit seinem Kollegen
Atom Egoyan, der einen Film im Wettbewerb hat.
Superstars spielen eine Hauptrolle bei allen großen Festivals, aber es braucht immer ein paar Zutaten, um die Verwertungskette des Entertainment-Geschäfts in Gang zu setzen. Bodyguards gehören dazu, Scharen von Begleitern mit wichtiger Miene, Kameraleute und Fotografen, Journalisten und letztendlich das Publikum. Dann gibt es Aufmerksamkeit, ein Gedränge und eine Warteschlange - erst die macht das Ereignis zum „Event“.
Knapp 1000 Journalisten aus der ganzen Welt zum Beispiel reißen sich darum, Pop-Diva
Madonna bei den Filmfestspielen in Cannes zu sehen. Zugelassen werden nur 150 zu einer exklusiven Pressekonferenz an diesem Donnerstag. Seit Festivalbeginn stehen sich die Bittsteller bei Madonnas Agentur die Beine in den Bauch, fragen täglich nach dem neuesten Stand der Dinge. Dabei ist Madonna gar kein offizieller Gast des Festivals. Sie setzt sich als Produzentin eines Dokumentarfilms über Aids-Waisen in Malawi (wo sie selbst ein Kind adoptiert hat) und voraussichtlich als guter Mensch in Szene.
Warteschlangen sind überall: vor den Kinos, den Hotels, vor dem Roten Teppich zum Festivalpalast und an den Sicherheitskontrollen für den Einlass. Manche Fans haben schon am Tag vor Beginn der Festspiele Trittleitern und Klappstühle mit Kettenschlössern am Absperrgitter vor dem Palais deponiert und harren Tag für Tag stundenlang geduldig aus. Vor Kinosälen und Pressekonferenzen wird gedrängelt, geschubst und gezetert. Dabei gilt: Je länger die Schlange, je aggressiver die Drängelei, desto bedeutender der Anlass.
So passiert es auch bei den abendlichen Partys am Strand häufig, dass Gäste mit Einladungen nicht eingelassen werden. Stattdessen warten die Damen in Abendkleidchen und Herren im Smoking vor den muskelbepackten Türstehern und setzen für alle Flaneure das Signal: Hier passiert etwas Wichtiges. In Wirklichkeit gibt es jedoch meist nur sehr wenig zu sehen, verbergen sich die Großen des Filmgeschäfts doch gern in abgetrennten VIP-Bereichen und verschwinden durch geheime Ausgänge in verspiegelte Limousinen.
Bei ihrer größten Party, der Gala der Aidshilfe-Organisation AmFar an diesem Donnerstag in Mougins, bleiben die Schauspieler, Super-Models und Spitzensportler mit ihrer Gastgeberin
Sharon Stone weitgehend unter sich.
Die Hoffnungen auf eine „Star-Sichtung“ wird jeden Tag aufs Neue angeheizt, wenn die Liste der neu eingetroffenen Prominenten die Runde macht. Auffallend ist dabei, dass sich immer mehr Nicht-Filmschaffende beim größten Festival der Welt tummeln und den Hype weiter ankurbeln. Dieses Jahr nutzten neben Madonna schon Fußballgott Diego Maradona und Boxlegende Mike Tyson mit Dokumentarfilmen über ihr Leben die mediale Aufmerksamkeit. „Die Regeln sind einfach“, erklärte Festivalchef Thierry Frémaux dem „Hollywood Reporter“. „Wir begrüßen Filme und diejenigen, die in ihnen vorkommen.“ Der Einsatz von Tyson und Maradona im Spiel sei ein glücklicher Zufall - der das Festival Tag für Tag aufs Neue in die Schlagzeilen bringt.
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