Cannes (dpa) -
Sean Penn, der Präsident der Wettbewerbsjury beim 61. Filmfestival in Cannes, dürfte keinen leichten Job haben. Bis zur Endphase der Konkurrenz um die Goldene Palme hat sich kein eindeutiger Favorit gezeigt.
Doch nach einem Durchhänger in der Mitte des Rennens um die Preise mit vielen spröden, sperrigen oder überambitionierten Filmen, sind kurz vor Schluss doch noch ein paar starke Teilnehmer nach vorn gegangen.
Gemessen an den täglichen Kritikerumfragen in Cannes könnte Superstar
Clint Eastwood ebenso auf eine Auszeichnung hoffen wie der Türke
Nuri Bilge Ceylan oder erneut die zurückhaltenden Brüder Dardenne aus Belgien. Ob der deutsche Regisseur
Wim Wenders am Sonntagabend zu den Glücklichen zählt, wird sich zeigen.
Wenders „
Palermo Shooting“ ist ein philosophischer Thriller über einen Mann, der in der Begegnung mit dem leibhaftigen Tod lernt, das Leben zu ehren. Erste Reaktionen in Cannes waren kontrovers. Einige Kritiker waren tief berührt von der in traumhaft schönen Bildern erzählten Geschichte mit spiritueller Botschaft. Andere lehnten das Werk mit dem Punk-Rocker Campino als Hauptdarsteller rigoros ab.
Ein wichtiges Bewertungskriterium der Jury hatte Sean Penn schon zum Beginn des Festivals benannt. Der mögliche Gewinner müsse sich „bewusst sein, in welchen politischen Zeiten er lebt“, gab der amerikanische Kinorebell zu Protokoll. Diesen Anspruch, Politik und Kino zu verknüpfen, haben gleich mehrere Werke sehenswert erfüllt. Der Anti-Kriegsfilm „
Waltz With Bashir“ von
Ari Folman aus Israel beispielsweise, das neapolitanische Camorra-Drama „
Gomorra“ von
Matteo Garrone, der halb dokumentarische China-Film „
24 City“ oder auch die inhaltlich etwas überladene Familien-Terror-Internet- Geschichte „
Adoration“ des Kanadiers
Atom Egoyan.
„Waltz Witz Bashir“ ist ein „dokumentarischer Animationsfilm“, stieß in Cannes auf viel Begeisterung und gilt als „Geheimtipp“. Die Bilder im klassischen Comicstil rekonstruieren das Kriegstrauma von israelischen Soldaten, deren verdrängte Erinnerung an ein Massaker an palästinensischen Zivilisten in Alpträumen und Halluzinationen an den Tag kommt. Der Anti-Kriegsfilm wirkt trotz seines harten Themas frisch, modern und packt sein Thema kompromisslos an.
Einen sehr realen Hintergrund hat auch „Gomorra“ nach den Recherchen des Bestsellerautors
Roberto Saviano. Der Film setzt sich bewusst von heroisierender Mafia-Romantik ab und zeigt den Bodensatz des organisierten Verbrechens: Armut und Chancenlosigkeit trifft auf kalte Brutalität und Gier.
Auch den Brüdern Jean-Pierre und Luc Dardenne werden wieder Chancen zugeschrieben, obwohl ihr Emigranten-Drama „
Le silence de Lorna“ nicht die realistische Wucht ihrer vorigen Filme hat. Es wäre die dritte Palme für die Belgier und ein neuer Rekord.
Der Hauptpreis von Cannes fehlt noch in der Sammlung von Clint Eastwood. Bei seinem klassisch erzählten Film „
The Exchange“ mit
Angelina Jolie konnte sich das Publikum von vielen Anstrengungen und Zumutungen auf der Leinwand erholen und emotional berühren lassen.
Zu den spektakulärsten Flops zählte „Che“ von
Steven Soderbergh. Der nimmt sich viereinhalb Stunden Zeit, um den kubanischen Revolutionsführer und Kommunisten Ernesto Che Guevara (1928-1967) zu porträtieren. Trotz der großartigen Darstellung von
Benicio Del Toro bleibt Guevara eine flache Ikone ohne Schatten und Kontur. Denn für die Brüche in seinem Charakter, die notwendige Grausamkeit des bewaffneten Kämpfers oder mögliche Selbstzweifel angesichts des fatalen Scheiterns seiner letzten tödlichen Mission in Bolivien ist in den zwei Spielfilmlängen kein Raum. Schade auch für die deutsche Schauspielerin
Franka Potente, die in einer blassen Nebenrolle keine Möglichkeit bekommt zu zeigen, was sie kann.
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