Cannes (dpa) - „Das Beste kommt zum Schluss“, hatte der deutsche Regisseur
Wim Wenders ein paar Tage vor der Vorführung von „
Palermo Shooting“ in Cannes angekündigt. Zu dem Zeitpunkt war die Kopie für die Uraufführung an diesem Samstag noch gar nicht ganz fertig.
Und in der Tat, sein Werk, das als letzter Beitrag im Wettbewerb um die Goldene Palme läuft, könnte durchaus Chancen haben. Denn die Pfeile, die ein mysteriöser Mann in Palermo abschießt, treffen ins Herz.
„Palermo Shooting“ ist eine Provokation für Cannes, wo im Rummel der vergangenen Tage die globale Entertainmentindustrie in ihrer ganzen Oberflächlichkeit glitzerte. „40 Jahre leben - und was bleibt, ist nur ein dicker Kopf“, denkt sich die Hauptfigur, ein Düsseldorfer Modefotograf, nach einer durchfeierten Nacht.
Punk-Rocker Campino von den Toten Hosen spielt diesen Fotografen Finn, der sich nicht von der kommerziellen Modefotografie trennen kann, um sich ganz der Kunst zu widmen. Campino ist zwar kein großer Schauspieler, aber er stapft völlig authentisch und lässig durch die Bilder. Man merkt ihm an, dass auch er Exzesse kennt, Grenzen erfahren hat und reifer geworden ist.
Finns Leben ist hektisch, oberflächlich und beziehungslos. Er sieht keine echten Bilder mehr, sondern gestaltet sie am Computer um. Nur nachts quälen ihn Träume. Nach einer Beinahe-Kollision mit einem „Geisterfahrer“ ist Finn völlig von der Rolle. Noch ein letztes Modeshooting in Palermo - mit der hochschwangeren Milla Jovovich - danach will er sein Leben überdenken.
In Palermo dann begegnet Finn dem Tod auf Schritt und Tritt - nicht nur in der Architektur und Kunst der sizilianischen Stadt, die „wie keine andere den Tod feiert“, wie Wenders sagt. Ein rätselhafter Mann schießt Pfeile auf ihn ab und versetzt ihn in Todesangst. Mit der Hilfe einer Restauratorin (
Giovanna Mezzogiorno) sucht Finn den Bogenschützen und begegnet dem leibhaftigen Tod: dem „Pfeil, der aus der Zukunft auf dich zufliegt“.
Dennis Hopper spielt den Tod ganz zerbrechlich und leise. „Er ist kein Gegner, sondern ein unverstandener Freund“, sagte Campino in Cannes.
Der Film ist ein philosophischer Thriller. Er rockt zuerst, schlägt dann sehr leise Töne an und stellt letzte, spirituelle Fragen. Der Soundtrack von
Lou Reed bis hin zu bearbeiteten Bach-Arien ist wie bei allen Wenders-Filmen ein Meisterstück für sich. „Man braucht Elemente wie Spannung, Action und Musik, um seine Geschichte zu erzählen“, sagte Wenders. Er und sein Kameramann Franz Lustig fangen die Handlung wieder in satten, traumhaft schönen Bildern ein, die über ein paar Längen hinwegtrösten. Manchmal wirken auch die eingesprochenen Gedanken von Finn ein wenig prätentiös und in ihrer Botschaft allzu plakativ.
Doch die Essenz des Films berührt und hallt in ihrer Ernsthaftigkeit lange nach. „Man glaubt dem Tod am Ende, wenn er sagt, "ich liebe das Leben mehr als alles andere", erklärte Wenders. „Ohne den Tod wüssten wir gar nicht, was wir am Leben haben.“
Zum Cannes-Special von FILMSTARTS.de