München (dpa) - Nichts ist so spannend wie das pralle Leben - das haben auch Filmemacher erkannt.
Dementsprechend haben Dokumentarfilme das 26. Münchner Filmfest beherrscht, das am Samstagabend mit Peter Schamonis Filmporträt „Botero - Born in Medellín“ über den kolumbianischen Maler zu Ende gegangen ist. Die Bandbreite der Themen reichte von magersüchtigen Mädchen über vermüllte Straßen in Neapel bis hin zur Lage der Menschen in Amerika zu Zeiten des Wahlkampfes.
Und wo es doch ein Spielfilm sein sollte, beruhte die Handlung oft auf Tatsachen: So in Paolo Sorrentinos kritischem Porträt „
Il Divo“ über Italiens Ex-Ministerpräsidenten Giulio Andreotti. Oder im Eröffnungsfilm „
Die Klasse“ von
Laurent Cantet, der den Alltag einer französischen Schule schildert. Beim Publikum kam die Mischung aus Dokumentation und klassischen Filmen gut an, auch wenn die Fußball- Europameisterschaft und das schöne Wetter dem Filmfest in diesem Jahr einen Besucherrückgang bescherten.
Den Trend zum Dokumentarfilm beobachtet Festivalsprecher Zoran Gojic schon seit ein paar Jahren. „Das gab es vor zehn Jahren noch nicht als großes Kino“, sagte er. Spürbar sei diese Entwicklung vor allem bei amerikanischen Filmen. So beleuchtet etwa David Modigliani in „Crawford“ kritisch, wie sich das Leben in dem gleichnamigen Dorf verändert hat, seit sich US-Präsident George W. Bush dort eine Ranch gekauft hat. „The Order of Myths“ von Margaret Brown thematisiert dagegen die subtile Rassentrennung beim Karneval in Alabama.
Lieblingsfilm der Festivalbesucher war jedoch ein klassischer Kinofilm: „Ich muss schlafen, mein Engel“ über einen Neunjährigen im Jugoslawien der siebziger Jahre, in dem ethnische und politische Konflikte unter der Oberfläche brodeln. Das bewegende Porträt wurde mit dem Publikumspreis geehrt. Umstritten war dagegen Francis Ford Coppolas Werk „
Jugend ohne Jugend“ mit
Tim Roth,
Bruno Ganz und
Alexandra Maria Lara - eine traumartige und verwirrende Reflexion über einen Mann, der nach einem Blitzschlag immer jünger wird. „Ich bin überhaupt so froh, dass er es nach Deutschland geschafft hat, weil der Film ja nicht überall gut gelaufen ist“, meinte Lara. „Das muss man mögen, das muss man können, darauf muss man sich einlassen. Das kann man aber vielleicht nicht immer.“
Stargast
Julie Christie („
An ihrer Seite“) nutzte ihren Aufenthalt in München, um die Stadt und die Umgebung kennenzulernen. Obwohl die Oscar-prämierte Schauspielikone der sechziger Jahre für ihr Lebenswerk den Cine-Merit-Award erhielt, übte sie sich in großer Bescheidenheit: „Ich bin nicht ganz sicher, was ich getan habe, um das zu verdienen.“ Der zweite Ehrengast des Festivals war ungleich sperriger: „Ich hab andauernd gequatscht und jetzt hab ich nichts mehr im Kopf“, tat der Münchner Künstler, Filmemacher und Autor Herbert Achternbusch kund, dem die Retrospektive gewidmet war. Immerhin konnte er am Samstag 6000 Euro mit nach Hause nehmen - der Erlös aus der Versteigerung von zwölf Holzeseln, die er rund um das Festival aufgestellt hatte.
Trotz vieler ausverkaufter Vorstellungen denkt Festivalleiter Andreas Ströhl über die Zukunft der Veranstaltung nach. Eine Publikumsbefragung auf dem diesjährigen Filmfest soll Aufschluss über die Sehgewohnheiten und vor allem das Alter der Besucher geben. „Man muss die jüngere Generation aktiv umwerben, damit sie auch ins Kino geht“, erläuterte Ströhl. „Das ist in den Köpfen meiner Generation noch drin, dass Film und Kino gleichgesetzt werden.“ Bei den jungen Leuten sei das angesichts von Computern und DVD nicht mehr selbstverständlich. Im Herbst, so hofft er, werden die Ergebnisse vorliegen.