Venedig (dpa) - „Weniger Glamour, mehr Qualität“, das hat der künstlerische Direktor der Filmbiennale von Venedig, Marco Müller, dem diesjährigen Wettbewerb um den Goldenen Löwen verordnet.
Nicht nur eröffnen die erfolgsverwöhnten amerikanischen Regisseure
Joel Coen und
Ethan Coen - außer Konkurrenz - an diesem Mittwoch als Bürgen für anspruchsvolle Filme mit „
Burn After Reading“ das 65. Festival in der Lagunenstadt. Bis zum 6. September spiegelt dann das Programm mit 21 Filmen im Hauptwettbewerb alles in allem die Suche nach guten Stoffen gleich welcher Art und ist, wie Müller sagt, „pluralistisch und gewollt widersprüchlich angelegt“. So will Venedig womöglich von neuem auch wichtige Akzente für die nächste Oscar-Verleihung setzen.
Und erstmals seit vier Jahren ist mit
Christian Petzolds „
Jerichow“ wieder ein deutscher Film im Rennen. Der 47-Jährige tritt am Lido allerdings gegen eine starke Konkurrenz vor allem aus den USA an. „Jerichow“ mit
Nina Hoss,
Benno Fürmann und
Hilmi Sözer dreht sich „um eine der ältesten Geschichten der Welt, um Gier, Zwietracht und Leidenschaft“: Ein aus Afghanistan in die Prignitz heimkehrender Soldat verstrickt sich in eine Affäre mit einer verheirateten Frau. Als bisher letzte deutsche Produktion schickte
Wim Wenders 2004 „
Land of Plenty“ in Venedig in den Wettbewerb. Diesmal leitet der deutsche Erfolgsfilmer die siebenköpfige Jury.
Das ganze Hauptaugenmerk gilt indessen zunächst einmal den Oscar-gekrönten Brüdern Coen und ihrer schwarzhumorigen Agentenkomödie in Starbesetzung.
Brad Pitt,
George Clooney,
Tilda Swinton sowie
John Malkovich und (wieder in einem Coen-Film) die grandiose
Frances McDormand sorgen für einen Reigen der klangvollen Namen. In diesem Jahr haben die Brüder Coen vier Oscars für ihren brutalen Westernthriller „
No Country For Old Men“ abgeräumt, jetzt könnte Venedig als neues Sprungbrett dienen, auch wenn der Film nicht im Wettbewerb ist. So hatte „
Brokeback Mountain“ 2005 erst den Goldenen Löwen gewonnen,
Ang Lee dann für sein Meisterwerk den Regie-Oscar.
Neben Petzolds „Jerichow“ starten weitere drei Streifen mit deutscher Produktionsbeteiligung. Darunter ist
Werner Schroeters französisch-deutsch-portugiesischer „
Nuit de chien“. Zudem steckt deutsche Produktion neben französischer auch in dem hauptsächlich türkischen „
Süt“ von
Semih Kaplanoglu und in dem äthiopischen Film „
Teza“ von
Haile Gerima. Aus den USA kommen allein fünf Filme, und aus Italien, das bei dem jüngsten Festival in Cannes auffallend gut abschnitt, stammen nicht weniger als vier der Wettbewerbsbeiträge.
Mit Starbesetzung geht jedenfalls der amerikanische Film am Canal Grande in den Wettbewerb. In dem Regie-Erstling „
The Burning Plain“ des Mexikaners
Guillermo Arriaga (Drehbuchautor von „
Babel“ und „
21 Gramm“) wirken
Charlize Theron,
Kim Basinger und
Joaquim de Almeida mit, und
Kathryn Bigelows „
The Hurt Locker“ über den Irak-Krieg wartet mit
Ralph Fiennes und
Guy Pearce auf. Auch
Jonathan Demmes „
Rachel Getting Married“ mit
Anne Hathaway sowie
Darren Aronofskys „
The Wrestler“ mit
Mickey Rourke sind unter den US-Beiträgen. Mit drei Filmen ist daneben auch Japan diesmal sehr stark am Lido vertreten.
„Wir wollen doch vom Kino nicht mehr verlangen, uns vor der problematischen Gegenwart zu retten“, hat der künstlerische Leiter als Losung ausgegeben. Die italienische Presse sieht Venedig mit dem Programm des Jahrgangs 2008 jedenfalls auf einer Art Gratwanderung zwischen „Kinobegeisterung und Realpolitik“. Müller selbst meinte dazu, Film sei zur Mixtur aus Ideen, Kräften, Mythen und Geschichten geworden und solle kein unfehlbarer Kompass mehr sein. Ob unfehlbar oder auch nicht, den Kurs könnte das Festival durchaus vorgeben.