Venedig (dpa) - „Pluralistisch und widersprüchlich“, mit einigen Überraschungen, so war das Programm des 65. Filmfestivals von Venedig angekündigt worden. Doch in der ersten Halbzeit zeigte der Wettbewerb um den Goldenen Löwen viel zu viel Mittelmäßiges und nur den einen oder anderen Lichtblick.
Triste Beziehungskisten, bizarre oder wirre Familientragödien vor allem von europäischen Regisseuren, dazu hin und wieder etwas Glamour durch amerikanische Stars - Venedig, doch immerhin neben Berlin und Cannes im Trio der wichtigsten Festivals der Alten Welt, dümpelte am Lido zunächst eine Weile vor sich hin.
Die 65. Ausgabe feierte einen furiosen Auftakt mit Filmen von Regiegrößen wie den Coen-Brüdern oder
Takeshi Kitano und glänzte mit Auftritten von Hollywoodstars wie
George Clooney und
Brad Pitt. Doch der Starrummel ebbte schnell wieder ab, genauso wie die Qualität vieler Filme. Die Festivalbesucher sahen etwa konstruierte Krimis um mordende Geishas, den Untergang einer Mafiafamilie in Brasilien und Frauen oder Männer, die in Eifersucht und im Selbstmitleid versanken.
Doch dann kam ein Altmeister, der gelassen zeigte, wie man es macht: Mit dem anrührenden Animationsfilm „
Ponyo on the Cliff by the Sea“ eroberte der Japaners
Hayao Miyazaki erneut sofort die Kritiker wie das Publikum. Der Ausnahmeregisseur wurde in Venedig zwar schon 2005 für sein Lebenswerk geehrt, jetzt könnte aber durchaus noch ein Goldener Löwe hinzukommen. Immerhin ist sein neues Werk ganz anders als alles andere im Wettbewerb, vermischt Miyazaki („
Chihiros Reise ins Zauberland“) doch die Geschichte von Hans Christian Andersens „Die kleine Meerjungfrau“ mit dem modernen japanischen Alltag.
So verliebt sich die kleine Ponyo bei einem Ausflug an die Meeresoberfläche in den fünfjährigen Sosuke. Durch etwas Magie und Unterwasserzauber verwandelt sich Ponyo schließlich in ein Mädchen mit echten Armen und Beinen und erobert so Sosukes Herz. Miyazaki erzählt die Geschichte um zwei Kinder mit viel Liebe, überbordender Fantasie und ebenso simplen wie schönen Bildern, dass sie auch von den erwachsenen Festivalbesuchern am Lido stürmisch gefeiert wurde.
Und weil der deutsche Film „
Jerichow“ von
Christian Petzold im Wettbewerb steht und mit
Werner Schroeter noch ein zweiter deutscher Regisseur folgt, konnte auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) in Venedig feiern und „Flagge zeigen für den deutschen Film“. Im Aufwind sei dieser national und international. „Er macht sich immer besser“, freute sich Neumann. Ob bei den Oscar-Verleihungen, in Cannes oder jetzt auch wieder in Venedig: Deutsche Filme sind mit von der Partie, wenn es auch nicht immer für obere Treppchen reicht.
Neben Petzolds „Jerichow“ starten drei Filme mit deutscher Produktionsbeteiligung im Wettbewerb. Einer davon ist „
Süt“ (Milch), mit dem der türkische Regisseurs
Semih Kaplanoglu einfühlsam die sozialen und kulturellen Probleme einer kleinen anatolischen Stadt beleuchtet. Der Filmemacher aus Izmir macht den Weg der Türkei nach Europa zum Thema, zeichnet die Beziehung des jungen Dichters Yusuf zu seiner verwitweten Mutter nach. Venedig ist für Kaplanoglu eine große Chance. Das gilt für den italienisch-chilenischen Regisseur
Marco Bechis ebenso. Sein Film „
Birdwatchers“ verfolgt das trostlose Los von Eingeborenen, die Großgrundbesitzern im brasilianischen Süden fast wie Sklaven dienen müssen, dann aber zum Befreiungsschlag ausholen: Sie besetzen das Land, das ihnen doch eigentlich gehört.
Im Kampf um den Goldenen Löwen ist auch „
Vegas: Based on a True Story“. Darin beobachtet US-Regisseur
Amir Naderi den Spielsüchtigen Eddie Parker und dessen Frau Tracy, die nahe der Vergnügungshochburg Las Vegas mit ihrem Sohn Mitch ein simples Leben führen. Als sie dann erfahren, dass unter ihrem Vorgarten ein millionenschwerer Schatz versteckt sein soll, graben sie manisch alles um, bis mehr als nur ihr Garten ein Schutthaufen ist. Naderi findet für seine eigentlich wenig neue Geschichte von Spielsüchtigen starke Bilder. Und das nährt die Hoffnung auf mehr Nachhallendes in der zweiten Festival-Halbzeit.
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