Venedig (dpa) - Zum Endspurt im Rennen um den Goldenen Löwen des Filmfestivals von Venedig spielt Hollywood doch noch einen Joker aus.
Der Oscar-gekrönte Regisseur
Jonathan Demme („
Philadelphia“) hat mit „
Rachel Getting Married“ alle Trümpfe in der Hand, um das in diesem Jahr kaum am Lido vertretene Hollywood-Kino zum Erfolg zu führen. Vor allem eine grandiose
Anne Hathaway glänzt in dem am Mittwoch am Lido vorgestellten Streifen - als das „schwarze Schaf“ Kym, die verlorene Tochter einer gutbürgerlichen Ostküstenfamilie.
Hathaway spielt als kettenrauchende Tochter mit Drogenproblemen erstmals das „böse Mädchen“, und auch der 64-jährige Demme („
Das Schweigen der Lämmer“) betritt mit diesem Familiendrama Neuland.
Seit neun Monaten rührt das Ex-Model Kym keine Drogen mehr an, und doch macht sie das minutiös durchgeplante Fest in Connecticut zu einem Hochspannungsterrain. Das Wiedersehen mit Vater, Schwester und Mutter lässt sofort alle seelischen Wunden wieder aufbrechen und die teilweise verregneten Tage zu einem Psychotest für alle werden.
„Der Film ist ein zeitgenössisches Drama mit Sinn für aggressiven Humor“, erläutert der New Yorker Filmemacher sein jüngstes Werk. Es ist der unterschwellige Vorwurf an Kym, für den Tod ihres Bruders Ethan verantwortlich zu sein, der das Wiedersehen mit den Verwandten zur verkrampften Feier macht. Kym zieht sich eine weitere Wunde zu - in „Rachel Getting Married“ ist Amerikas Familie ein Minenfeld.
„Das ist Amerika, diese Gruppe, die da zusammenkommt, ist real“, sagte ein entspannter Hollywood-Regisseur, der nach der Vorstellung des Films mit starkem Beifall gefeiert wurde. Das gelungene Drehbuch hebt hervor, wie diese traumatisierte Familie doch versucht, zu sich selbst zurückzufinden. Entworfen hat es die junge Jenny, Tochter des US-Starregisseurs
Sidney Lumet. Die 25-jährige Hathaway („
Der Teufel trägt Prada“, „
Brokeback Mountain“) gewinnt dem „Trouble-Charakter“ Kym, den sie spielt, durchaus positive Züge ab: „Sie ist in meinen Augen ein Mädchen, das darum kämpft, ein ehrbares Leben zu führen.“
Die Oscar-reife Leistung dieses bösen Mädchens Anne Hathaway muss aber nicht heißen, dass sich der mit Preisen verwöhnte US-Regisseur am Samstag den Goldenen Löwen für „Rachel Getting Married“ abholen kann. In der Zielkurve des Festivals mit 21 Filmen im Wettbewerb hat sich überraschend auch der „
Papiersoldat“ des 32-jährigen russischen Regisseurs
Alexej German Jr. (auch der Vater ist Filmemacher) in das Rampenlicht gerückt. Mit bemerkenswerter Leichtigkeit und Augen auch für die feinen Details führt Germans Film um Jahrzehnte zurück zu den sowjetischen Vorbereitungen des ersten bemannten Weltraumfluges 1961. „Juri“ (Gagarin) wird es machen, der erste Mensch im All sein, doch mancher sieht das in den Nach-Stalin-Jahren mit Bauchschmerzen.
Der für die Kosmonauten zuständige Mediziner Daniel befürchtet, dass die jungen Russen auf dem Altar des Vaterlandes geopfert werden könnten, gehen doch immer noch Tests schief. Niemand kann sagen, ob der für den ersten Flug auserwählte Kosmonaut auch heil wieder den Erdboden betreten wird. Stilistisch ausgefeilt bis ins letzte Detail, gefilmt in hautnahen Aufnahmen, die frische Schauspielergesichter in der vereisten kasachischen Wüste auf die Kinoleinwand bringen, glänzt „Papiersoldat“ mit nachhallenden Bildern - Bilder eines Landes, das noch länger UdSSR heißen wird. Und das mit viel Humor und politischem Sarkasmus trotz aller Selbstzweifel den Aufbruch und einen Weg in die Zukunft sucht. Gesungen wird auch georgisch, das gemischte Filmteam machte den Auftritt am Lido zu einer aktuellen Friedensdemonstration.