Berlin (dpa) - „Pssssst“, zischt der Kameramann. Die Klappe fällt, wehe, es hat noch jemand am Film-Set sein Handy an. Schauspieler
Misel Maticevic stolziert im Macho-Gang zu
Marie Bäumer.
Die faucht ihren Film-Mann an: „Ich habe die Verantwortung für meine Kinder. Und solche Menschen, wie dieser Kerl da, haben in meinem Leben nichts verloren.“ Schauplatz des Ehestreits ist ein Restaurant in Berlin-Wilmersdorf. Regisseur
Dominik Graf dreht im „Odessa“ die Fernsehserie „Im Angesicht des Verbrechens“, ein Familiendrama um organisiertes Verbrechen, das im russisch-jüdischen Milieu von Berlin und in der Ukraine spielt.
Das achtteilige Epos, das vom Aufwand mit einer Kinoproduktion vergleichbar ist, soll voraussichtlich im Herbst 2009 in der ARD laufen. Für Graf („
Das Gelübde“, „
Die Katze“), vielfach preisgekrönter Filmemacher, ist es das erste Mal, dass er eine Fernsehserie von der ersten bis zur letzten Folge inszeniert. Es reizt ihn, zu zeigen, dass Deutschland ein Schmelztiegel der Kulturen ist. Und er will das Motiv der Familie in vielen Facetten beleuchten. Graf weiß, dass Fallstricke lauern. „Man muss die Klischees anders erzählen“, erklärt er. Bei der Serie könnte es drastisch zugehen. Das wird bei der Frage nach dem gewünschten Sendetermin deutlich: „Ich bin nicht so scharf auf den 20.15-Uhr-Platz. Sagen wir so: Es ist ein Film für Erwachsene.“
Vor dem „Odessa“ stehen am 77. Drehtag schwarze Luxuslimousinen. Die bulligen Herren sind keine Sicherheitsleute, sondern russische Schauspieler. Eine tragende Rolle in der Serie hat der Berliner
Max Riemelt (24, „
Die Welle“), der mit seinem Filmkollegen
Ronald Zehrfeld für Graf bereits in „
Der rote Kakadu“ vor der Kamera stand. Für den Jungstar ist die Rolle des Polizisten Marek Gorsky eigentlich die erste richtige Männer-Figur - eine „angekommene Rolle“, sagt Riemelt, der für den Dreh einen schwarzen Beerdigungsanzug trägt.
Gorsky ist Sohn russisch-jüdischer Einwanderer. Mit seinem Kollegen Sven Lottner (Zehrfeld) wird er vom LKA zu einer Razzia im organisierten Verbrechen angefordert. Für Gorsky persönlich ist es heikel. Die Ermittlungen landen beim „Odessa“, das Mischa (Maticevic), dem Ehemann seiner Schwester Stella (Bäumer) gehört. Das bringt den jungen Beamten in Gewissenskonflikte. Ein weiterer Handlungsstrang führt in die Ukraine, wo zwei Freundinnen nach Berlin gelockt werden, um sie dort zur Prostitution zu zwingen. Gorsky wird zudem noch von einem alten Trauma eingeholt: Sein Bruder wurde ermordet, der Täter nie gefasst. Der Zuschauer kann mitfiebern: Wie wird sich Stella entscheiden? Wird Gorsky den Mörder seines Bruders fassen?
Die Produktion, die nicht zufällig in der Russen-Hochburg Berlin spielt, versammelt Namen aus der A-Liga deutscher Schauspieler. Riemelt war Berlinale-„Shooting Star“, Maticevic („
Im Winter ein Jahr“, „
Das Gelübde“) bekam gerade den Deutschen Fernsehpreis als bester Schauspieler. Der Deutsch-Kroate hat fleißig russisches Radio gehört, um sich den passenden Akzent für „Im Angesicht des Verbrechens“ zuzulegen.
Marie Bäumer wird nicht erst seit Oskar Roehlers „
Der alte Affe Angst“ hoch gehandelt. Sie habe sich eigentlich nicht vorstellen können, bei einer Serie mitzuspielen, sagt die 39-Jährige. Mit Graf wollte sie aber unbedingt drehen. Für Bäumer ist das Projekt ein Epos, vergleichbar mit Mafiafilmen. Bereut habe sie die Serie „noch keine Sekunde“.
Und die Quote? Dominik Graf sagt, er habe Respekt davor, wie der Zuschauer einen Film aufnimmt. Vom Tanz um das „Goldene Kalb“ der Quote hält er aber wenig. Seine Devise: „Ich möchte einen guten Film machen.“ Maticevic wird noch deutlicher: „Scheiß auf die Quote! Ich will Spaß haben beim Drehen!“