Hamburg (dpa) - Die RTL-Dschungelshow mit ihren täglichen Einblicken in die Welt der Tiere ist der Zuschauer längst gewohnt. Kakerlaken, Maden, Schlangen, Spinnen und Känguruhoden können das Publikum inzwischen kaum noch schockieren.
Genauso wenig wie die lästernden, zickenden und schreienden Stars aus der zweiten und dritten Reihe. Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen jedoch mit ähnlichen Mitteln um seine Anhänger kämpft, geht ein Aufschrei durchs Land, zumindest durch die Medien. Gemeint ist die Tierkot-Wette bei
Thomas Gottschalk am vergangenen Samstag, die fast zeitgleich zum Dschungelshow-Finale bei RTL mehr als zehn Millionen Zuschauer in der ZDF-Show „Wetten, dass..?“ verfolgten.
Die beiden Tierpfleger Maik Wilsmann (35) und Claudia Dittel (33) mussten mit verbundenen Augen den Kot von 33 Tieren nur am Geruch erkennen. Muss das ZDF jetzt auch die niederen Instinkte seiner Zuschauer ansprechen, um Gottschalks Einschaltquote nicht unter die magische Zehn-Millionen-Grenze fallen zu lassen? „Unfug“, sagt ein ZDF-Sprecher. „Wir bessern nicht unsere Quote damit auf, dass wir uns dem Konkurrenzprogramm nähern.“ Reiner Zufall also die Ausstrahlung am Tag des Dschungelshow-Finales? „Reiner Zufall. Da die Tierpfleger in Karlsruhe beheimatet sind, lag es auf der Hand, sie ins nahe Offenburg einzuladen.“ Im übrigen spiegele die Wette lediglich den Arbeitsalltag der beiden wider.
Das ZDF wird sich dennoch mit einem Nachspiel zu beschäftigen haben. Die CSU-Europaabgeordnete Angelika Niebler, Mitglied im 77-köpfigen ZDF-Fernsehrat, protestierte in einem Brief an Intendant Markus Schächter gegen die Wette. Wie der „Münchner Merkur“ berichtete, sprach Niebler von einer „ekelerregenden Entgleisung“. Ulrich Spies, Fernsehexperte beim Grimme Institut in Marl, sagt, es sei längst üblich unter Politikern, sich als „Anstandshüter der Nation“ aufzuspielen und vermeintliche Entgleisungen zu geißeln. Die Wette hält er für „nicht anstößig“. Er könne sich aber sehr wohl vorstellen, dass es für das ZDF eine Rolle gespielt haben könnte, das Programm eines Konkurrenten zu toppen.
Tatsache ist: Die einstige Show-Dominanz öffentlich-rechtlicher Kanäle ist längst in die Hände der Privaten wie RTL übergegangen. Formate wie die Dschungelshow, „Deutschland sucht den Superstar“ (RTL) oder Heidi Klums „Germany's next Topmodel“ (ProSieben) sind unter jüngeren Menschen die Themen auf Schulhöfen, in Kneipen und Betrieben. Die Shows werden von ARD und ZDF kritisch beäugt und auch kommentiert, von ihren verantwortlichen Showredakteuren aber nach und nach - zumindest in Stilelementen - in eigenen Sendungen nachempfunden. Bei der Kontrolle gilt aber offenbar zweierlei Maß. Wenn sich bei ARD und ZDF manchmal Gremienmitglieder beschweren, müssen sie dennoch keine Sanktionen befürchten. Die Privaten jedoch werden bei Verstößen etwa gegen das Schleichwerbungsverbot oder den Jugendschutz zur Kasse gebeten, so wie RTL für Dieter Bohlens Sprüche beim „Superstar“.
Auch die ARD hatte Kritik wegzustecken wegen des Auftritts von Komiker
Oliver Pocher in Wehrmachtsuniform und mit Augenklappe während der Satire „Schmidt & Pocher“ am vergangenen Donnerstag. Der 30-Jährige hatte am Tag des Kinostarts des Hollywood-Films „
Operation Walküre“ die Darstellung des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg durch
Tom Cruise parodiert. Nach Angaben von Volker Stich, dem Vorsitzenden des SWR-Landesrundfunkrates für Baden-Württemberg, will der Rundfunkrat des Senders das Thema am 27. März mit ARD-Programmdirektor Volker Herres diskutieren. „Wir Deutsche tun uns nicht zu Unrecht schwer mit Themen wie unserer nationalsozialistischen Vergangenheit und der Judenverfolgung“, sagt Medienexperte Spies. „Die Satire wird von den Betroffenen anders wahrgenommen. Deswegen sollten wir sie auch anderen überlassen.“