Berlin (dpa) - Im Film „
John Rabe“ von Regisseur
Florian Gallenberger spielt
Ulrich Tukur die Titelfigur. In einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa spricht Tukur über Zivilcourage, den neuen Umgang der Deutschen mit der eigenen Vergangenheit und seine persönliche Meinung über Heldengeschichten.
Herr Tukur, in „John Rabe“ spielen Sie einen bis dahin NS-treuen Hamburger Kaufmann, der 1937 rund 250 000 Chinesen vor den Angriffen der Japaner rettete. Wie schwierig ist es, einen selbsterklärten Nationalsozialisten als positive Titelfigur darzustellen?
Tukur: „In den 40 oder 50 Jahren nach Kriegsende wäre es nicht möglich gewesen, so eine Figur zu zeigen. Ich habe selber mit
Constantin Costa-Gavras den Film "
Der Stellvertreter" gedreht, für den wir sehr kritisiert wurden. Noch vor zehn Jahren durfte es keinen "guten NS-Mann" geben. Das entsprach nicht den Konventionen. Das durfte man nicht. Dass aber hinter allen Ideologien - sei es dem Faschismus oder Kommunismus - nur Menschen stehen, die zum Teil ganz wunderbar und großartig sein können, das hat man lange nicht wahrhaben wollen. Auch nicht, dass alles so widersprüchlich ist und aus vielen Mosaiksteinen besteht.“
Wandelt sich also der Umgang der Menschen in Deutschland mit der eigenen Geschichte?
Tukur: „Ich habe das Gefühl, dass sich der lange Schatten des Nationalsozialismus' lichtet. Das merkt man auch daran, dass junge Regisseure dieses Land, diese Kultur und die Menschen anders sehen, auch liebevoller. Das ist bei aller typisch deutschen Schwierigkeit und Skepsis fairer. Ohne Zuneigung wird man auch nicht in der Lage sein, gute Kunst zu machen. Es definiert sich nichts aus der Ablehnung. Das ist aber über Jahrzehnte bei uns passiert und entsprechend schlecht waren die Sachen. Sie haben niemanden angerührt. Jetzt passiert etwas, das hoffentlich nicht dahin geht, dass wir alles vergessen, was da war - das soll nicht sein -, aber man muss auch in die Zukunft schauen. Das ist, glaube ich, auch ein Akt der Befreiung.“
Was haben Sie persönlich aus der Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus' gelernt?
Tukur: „Das Dritte Reich steht ja exemplarisch für den menschlichen Abgrund von jedem von uns. Da kann jeder hinkommen, bei einer entsprechenden Erziehung und Sozialisation ist jeder in der Lage, zum Mörder gemacht zu werden. Das müssen wir wissen, das ist die Lehre daraus: Dass wir alle jederzeit zu Wölfischem fähig sind. Und dass die Schicht der Zivilisation sehr dünn ist.“
Hatten Sie daher Berührungsängste mit der Rolle?
Tukur: „Nein, ich war gespannt, weil ich von der Existenz dieses John Rabe überhaupt nichts wusste. Ich habe mich immer für Geschichte interessiert und wie andere mit ihrer Zeit, den Verwerfungen und politischen Problemen umgegangen sind. Rabe ist eine widersprüchliche Figur. Er ist ein Kind seiner Zeit, ganz eindeutig. Aber er hatte auch Mut und eine große Liebe für seine Leute, auch wenn er auf die Chinesen - wie andere Europäer damals - teilweise wie ein tumbes Bauernvolk herabsah, dass man führen musste wie Kinder. Aber er hat sich eben auf eine rührende Art auch um sie gekümmert. Zu einer Zeit, in der die Not ausbrach und die Angriffe begannen, hätte er abhauen können - er hätte sich dieser Lebensgefahr nicht stellen müssen. Er hat es aber getan, und zwar aus innerem Anstand, obwohl es für ihn nichts zu gewinnen gab. Es ist die Geschichte einer großen Zivilcourage.“
Würden Sie Rabe als Helden bezeichnen?
Tukur: „Nein, Heldengeschichten sind furchtbar. Sie sind kitschig, sie stimmen nicht, denn hinter jedem Held steht ja auch nur ein Mensch, der Fehler macht. Ich weiß gar nicht, was ein Held sein soll. Für mich gibt es das nicht. Für mich gibt es Menschen, die trotz ihrer Todesangst in unerhörten Situationen über ihren eigenen Schatten springen können, für eine Sache, die sie für richtig empfinden und die der Liebe und der Menschlichkeit dient. Das ist schon heldenhaft, finde ich. Aber das kann davor ja auch ein Riesen-Rindvieh sein oder jemand uninteressantes. Entscheidend ist, dass er dann an einer Aufgabe wächst und viel größer und stärker wird.“
Gespräch: Aliki Nassoufis, dpa