Hamburg (dpa) - Das Internationale Filmfestival in Cannes trumpft dieses Jahr mit den großen Namen seiner jüngeren Geschichte auf:
Quentin Tarantino,
Jane Campion,
Ken Loach und
Lars von Trier - gleich vier frühere Gewinner der Goldenen Palme zeigen ihre neuen Werke im Wettbewerb, der am 13. Mai beginnt.
Auch der Oscar-Gewinner
Ang Lee und Cannes-Lieblinge wie
Pedro Almodóvar und
Michael Haneke mit dem einzigen deutschen Film im Wettbewerb sind dabei: „Klassentreffen der Besten“ titelte ein Branchenblatt. Ein Treffen, das dieses Jahr allerdings auch im Zeichen der Krise steht.
Die weltweite Unsicherheit gestattet dem größten Filmfestival keine Ausnahme. Luxus-Yachten werden etwas kürzer gechartert, Partys werden weniger gefeiert oder fallen ein bisschen weniger glamourös aus. Wahrscheinlich werden die insgesamt 35 000 Branchengäste in Cannes in diesem Jahr ihren Champagner und ihr Essen häufiger selbst bezahlen müssen.
Auch das in den letzten Jahren stets übervölkerte deutsch-internationale Fest von „German Films“ findet nicht wie gewohnt üppig in einer gemieteten Traumvilla mit Bus-Shuttle und Feinkost statt. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir - aus Kostengründen - das Konzept geändert haben“ heißt in der Einladung zum „Cocktail Empfang ohne Buffet“ mit reduzierter Gästezahl - immerhin noch im Strandrestaurant des prächtigen Carlton Hotels.
Alle Wettbewerbsteilnehmer in der Filmstarts-Galerie
Doch natürlich schreiten auch in Zeiten der Krise neben den Größen des Autorenkinos viele leibhaftige Stars über die rot ausgelegte Treppe ins Festivalpalais. Der 46-jährige US-Amerikaner Tarantino, der die Goldene Palme 1994 mit „
Pulp Fiction“ erstürmte, kommt zum Beispiel mit Superstar
Brad Pitt und vielen deutschen Schauspielern wie
Til Schweiger und
Daniel Brühl an die Côte d'Azur. Er zeigt seinen Anti-Nazi-Kriegsfilm „
Inglourious Basterds“. Die Geschichte garantiert den mittlerweile viel kopierten Tarantino-Effekt mit lässigem Gemetzel und satirischem Unterton. Die „Basterds“ sind eine Gruppe jüdischer US-Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg darauf angesetzt sind, besonders fiese Nazis zu skalpieren.
Eine tragische Liebesgeschichte bringt die in Australien lebende Neuseeländerin
Jane Campion mit, die 1993 das Festival mit „
Das Piano“ verzauberte. Ihr „
Bright Star“ schildert eine Romanze des britischen Poeten John Keats, die durch Keats' frühen Tod im Alter von 25 Jahren endete. Wenig Sinn für Romantik zeigt dagegen der Däne
Lars von Trier, der immer wieder in Cannes für Furore gesorgt hat. Sein „
Antichrist“ beschert einem um sein Kind trauernden Ehepaar keinen Trost, sondern den schlimmsten denkbaren Alptraum.
Gute Gefühle und Fantrubel verspricht dagegen der Brite
Ken Loach, der vor drei Jahren die Goldene Palme gewonnen hat. In „
Looking for Eric“ geht es um einen Fußball-fanatischen britischen Postboten und dessen ganz besondere Verbindung zu dem französischen Fußballstar
Eric Cantona. Ein für den Wettbewerb ungewohntes Genre bespielt der in Taiwan geborene Amerikaner
Ang Lee („
Brokeback Mountain“): Sein Musical „
Taking Woodstock“ beschreibt das Lebensgefühl zur Zeit des legendären Woodstock-Festivals vor genau 40 Jahren.
Ein guter, alter Bekannter der Festival-Organisatoren ist der in München geborene Österreicher
Michael Haneke, der nach mehreren französischen Filmen („
Caché“, „
Die Klavierspielerin“) in Cannes jetzt mit einer rein deutschen Produktion im Wettbewerb vertreten ist.
Ulrich Tukur und
Susanne Lothar lassen „
Das weiße Band“ wehen. Haneke versetzt sie in seiner „deutschen Kindergeschichte“ in das Jahr 1913 und in ein Dorf, in dem merkwürdige Unfälle passieren, die - so die Presseinformation - den Charakter „ritueller Bestrafungen“ annehmen.
Rund die Hälfte der diesjährigen 20 Kandidaten für die Goldene Palme stammt aus Europa.
Alain Resnais, mit 86 Jahren der Älteste im Rennen, erlebte sein Cannes-Debüt vor genau einem halben Jahrhundert. Der andere Schwerpunkt der Auswahl liegt auf Filmemachern aus dem Nahen oder Fernen Osten - jener Region, aus der nach Ansicht des Programmchefs Thierry Frémaux die wichtigsten kreativen Impulse für das Kino der Zukunft zu erwarten sind.
Als Impulsgeber zum Start des Festivals dient am Mittwoch allerdings noch keine hochkünstlerische asiatische Produktion, sondern ein Stück pures Popcornkino, das technisch neue Akzente setzt: Aus dem Hause Disney/Pixar schweben die Luftballons von „
Oben“ ein. Der unterhaltsame Animationsfilm ist der erste Eröffnungsfilm, der überhaupt in 3D-Technik gezeigt wird. Auf die Fotos des elegant gestylten Gala-Publikums mit 3D-Brillen auf den gepuderten Nasen darf man sich freuen.