Filmstarts – "Eine deutsche Kindergeschichte" lautet der Untertitel, den der österreichische Skandalregisseur
Michael Haneke seinem neuen Drama "
Das weiße Band" verpasst hat. Wer mit dem bisherigen Schaffen Hanekes betraut ist, wird bereits vermuten, dass der Film wohl nur kaum für Kinderaugen bestimmt sein kann. Die Geschichte erzählt nun auch eigenartige Vorkommnisse in einem deutschen Dorf vor dem Ersten Weltkrieg: Unfälle passieren, Felder werden verwüstet und Kinder in einem Wald gefesselt und malträtiert vorgefunden. Haneke, der bereits zahlreiche Filme ("Der siebente Kontinent", "
Benny’s Video", "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls", "
Funny Games", "
Die Klavierspielerin", "
Caché") äußerst erfolgreich in Cannes vorgestellt hat, ist es nun erneut gelungen, das Festivalpublikum am Donnerstag bei der Premiere von "Das weiße Band" zu beeindrucken.
Vor allem die französische Presse findet sehr lobende Worte in ihren Kritiken über das neue Drama von Haneke: "Der beeindruckende und unsituierbare Film läuft in einem prächtigen Schwarzweiß ab", berichtet Jean-Luc Douin der französischen Tageszeitung
Le Monde. Ihr Konkurrent
Libération meint, dass Haneke mit "Das weiße Band" ein "großer Schlag" gelungen wäre. Zwar als "sittenstreng", aber "prachtvoll und sehr ergreifend", beschreibt das französische Kulturmagazin
Les Inrockuptibles den Film. Außerdem würde "der unerbittlich präzise und ausgefeilte Stil an Dreyer, Bergman, vielleicht sogar Straubs" erinnern. Der Film würde laut des Kulturmagazins "wie eine Rasierklinge einschneiden" und sei eine "wunderbare Überraschung" des Festivals.
Erneut werden in den Kritiken die deutschen und österreichischen Schauspieler (
Burghart Klaußner,
Susanne Lothar,
Steffi Kühnert,
Ulrich Tukur) gelobt. Für die amerikanische Presse sei "Das weiße Band" schwer zugänglich. So spricht
Variety von einem "schwierigen Film", der den Zuschauer "völlig vereinnahmt". Auf weniger Begeisterung stieß der Film bei den deutschsprachigen Kritikern. Laut der österreichischen Tageszeitung
Der Standard würde der Film "oft auch ein wenig museal" wirken. Außerdem hätte "Das weiße Band", der ursprünglich als Dreiteiler fürs Fernsehen geplant war, vielleicht in dieser Form "stimmiger erscheinen" können. Auch Jan Schulz-Ojala von
Die Zeit meint, dass „der Film bis hin in sein eigentümlich fades Schwarzweiß, fast nostalgisch an reichlich vergangene Dekaden des Fernsehens“ erinnern würde.
Wie bereits in "Caché", für den Haneke 2005 in Cannes den Regiepreis erhielt, lässt "Das weiße Band" den Zuschauer verstört zurück. Ob Haneke mit diesem Konzept erneut bei der Jury punkten kann, wird sich kommenden Sonntag zeigen. Mit Jurypräsidentin
Isabelle Huppert, die in "Die Klavierspielerin" die Hauptrolle spielte, verbindet ihn eine jahrelange Freundschaft.