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    FILMSTARTS-Meinung: Wie gut ist "Sunspring" - der erste Film, dessen Drehbuch von einem Computer geschrieben wurde
    Von Julius Vietzen — 16.06.2016 um 16:25
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    HAL 9000 lässt grüßen: „Sunspring“ ist der erste Film, der von einer Künstlichen Intelligenz geschrieben wurde. Müssen Hollywoods Drehbuchautoren jetzt Angst um ihre Jobs haben?

    Ein bekanntes Gedankenexperiment zur Beschreibung der Unendlichkeit dreht sich um eine Horde Affen, die wild auf einer Schreibmaschine rumtippt. Würde bei der zufälligen Aneinanderreihung von Buchstaben irgendwann ein Stück Weltliteratur rauskommen? Wie lange würde das dauern? Schaut man sich den heutigen Stand der Technik an, könnte man auch ergänzend fragen, was passiert, wenn man die Horde Affen durch eine Künstliche Intelligenz ersetzt. Könnte eine Maschine zum Beispiel ein Drehbuch schreiben?

    Die meisten würden diese Frage wohl instinktiv mit „Nein“ beantworten. Künstliche Intelligenz ist zwar bereits zu außergewöhnlichen Leistungen im Stande, sie kann Mahlzeiten zubereiten oder Schachweltmeister in ihrer Paradedisziplin deklassieren. Aber innovative Kunstwerke schaffen, das kann sie noch nicht…

    Der Filmemacher Oscar Sharp wollte es aber genauer wissen - und so entwickelte er mit Hilfe des Programmierers Ross Goodwin eine K.I., die sie mit hunderten von Science-Fiction-Drehbüchern fütterten. Anschließend gaben sie dem „Jetson“ getauften Programm noch eine Handvoll Vorgaben (etwa den Filmtitel „Sunspring“ sowie einige bestimmte Dialogzeilen) und ließen das Programm von der Leine. Das Ergebnis wurde nun als neunminütiger Kurzfilm verfilmt – und liegt irgendwo zwischen bizarr und faszinierend! Aber seht selbst:

     

    Im ersten Moment scheint sich der Verdacht zu bestätigen, dass sich Hollywoods Drehbuchautoren vorerst keine Sorgen um ihren Job machen müssen: Die Handlung ist mehr als rätselhaft, die Dialoge ergeben keinen Sinn, Sätze wie „Ich weiß nicht“ und „Ich verstehe dich nicht“ wiederholen sich ständig – fast hat man das Gefühl, eines dieser urkomischen Bad-Lip-Reading-Videos auf YouTube zu schauen

    Aber ist das Drehbuch tatsächlich ein komplettes Fiasko?

    Tatsächlich finden sich in „Sunspring“ einzelne Zeilen, die fast schon poetisch klingen, vor allem im Schlussmonolog der von Elizabeth Gray gespielten Figur H: „I was going to be a moment.“ oder „He looks at me and he throws me out of his eyes.“ Erzählt H hier möglicherweise von enttäuschten Erwartungen und vergangener Liebe?

    Wie nah die Künstliche Intelligenz Jetson – die selbst übrigens irgendwann lieber „Benjamin“ heißen wollte – mitunter tatsächlichem menschlichen Schreiben kommt, zeigt sich vor allem an dem Lied, das in „Sunspring“ ab Minute 4:45 erklingt: Weil man bei Popsongs eh prätentiös-poetische und in zweifelhaftem Englisch verfasste Texte gewöhnt ist, fällt überhaupt nicht auf, dass Benjamin auch den Text zu diesem Lied geschrieben hat.

    Und überhaupt: Nur weil man die Dialoge und die Handlung auf sich wirken lassen muss, sind sie ja nicht gleich völliger Unsinn – dann könnte man ja auch gleich alle Filme von Regielegende David Lynch in die Tonne treten. Vielmehr gilt das Gegenteil, nämlich dass die Erzählkonventionen des Kinos nicht immer Sinn ergeben, nur weil man sich über die Zeit an sie gewöhnt hat.

    Man muss sich nur mal vor Augen führen, wie viele Filme etwa die Zeile „Du kapierst es einfach nicht, oder?“ verwenden – egal, ob dieser Vorwurf in der jeweiligen Szene überhaupt passt. Das hat übrigens auch zur Folge, dass ganz ähnliche Sätze in „Sunspring“ immer wieder vorkommen – nachdem Jetson hunderte Sci-Fi-Skripte gelesen hat, ging die K.I. offenbar davon aus, dass solche Sätze einfach in möglichst hoher Zahl in einen Film dieses Genres hineingehören.

    Aber eines wird bei „Sunspring“ ganz deutlich: Ob eine Dialogzeile platt oder cool wirkt, unsinnig oder tiefsinnig, liegt zu einem großen Teil auch an der Inszenierung des Regisseurs und vor allem dem Spiel der Darsteller – denn die laden in „Sunspring“ selbst den sinnfreiesten Satz aus dem Computer noch mit einer großen Menschlichkeit aus.

    Hat man es erst einmal gelesen, ist es natürlich unmöglich, sich „Sunspring“ anzusehen, ohne ständig daran zu denken, dass das Skript von eine K.I. stammt. Deshalb müsste man den Film eigentlich einem ahnungslosen Publikum vorführen – und ob „Sunspring“ da im Vergleich zu den zahllosen, häufig auch sehr abstrakt-experimentellen Kurzfilmen, die jedes Jahr erscheinen, zwingend herausstechen würde? Wohl eher nicht.

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