Mein FILMSTARTS
#WTF: Übers Ohr gehauen - Wie ein Kultregisseur heimlich mit dem Geld seines Produzenten noch einen zweiten Film drehte
Von Björn Becher — 16.09.2016 um 15:00
facebook Tweet G+Google

In unserer wöchentlichen Trivia-Serie #WTF rollen wir unglaubliche, absurde, überraschende oder auch einfach nur saulustige Geschichten aus der Welt des Films neu auf. Außerdem könnt ihr über die #WTF-Story der kommenden Woche selbst mit abstimmen!

Der Schweizer Filmproduzent Erwin C. Dietrich prägte das deutsche Kino (vor allem in den 1960er und 1970er Jahren) nachhaltig und hat einen festen Platz in der Filmgeschichte. Dietrich war gewieft und erkannte, womit sich Geld verdienen ließ, was für lange Zeit vor allem Softsexfilme waren. „Die Nichten der Frau Oberst“, den Dietrich auch inszenierte, lockte zum Beispiel 1968 um die fünf Millionen Zuschauer in die Kinos und bescherte ihm den endgültigen Durchbruch. Nach Jahren im Exploitationbereich entdeckte er später auch die Söldnerfilme für sich und beteiligte sich z. B. finanziell an dem starbesetzen Kriegsdrama „Die Wildgänse kommen“, das zum großen Zahltag für ihn werden sollte. Während der Film in den USA floppte, wofür die internationalen Produzenten gerade stehen mussten, avancierte er in Deutschland nicht zur im Kino zum Hit, sondern Dietrich erkannte früh, dass die Zeichen 1978 auf Veränderungen standen und sicherte sich die Vermarktung in allen weiteren Medien (wie TV, Video etc.) zu. Doch selbst ein so gewiefter Produzent und Geschäftsmann begegnete eines Tages seinem Meister…

Erwin C. Dietrichs Hit "Die Nichten der Frau Oberst"
Auftritt Jesús „Jess“ Franco. Der 1930 geborene und 2013 verstorbene spanische Filmregisseur ist eine der schillerndsten Figuren, die die Filmwelt je gesehen hat. Franco inszenierte in gut 50 Jahren mehr als 200 (!) Werke, vor allem Horror- und Sexfilme – gerne auch beides zusammen. Wenn TV-Sender wie arte Trash-Reihen machen, findet sich gewiss ein Franco-Film darunter. Der von der katholischen Kirche als „einer der gefährlichsten Filmemacher“ geadelte Franco arbeitete nicht nur mit Hochdruck, sondern auch sehr clever. Der B-Movie-Kultregisseur drehte nicht nur gerne zwei Filme gleichzeitig, sondern produzierte nebenbei auch mal noch ein paar Szenen auf Halde, die sich vielleicht später in einem dritten Film nutzen ließen. Da Franco oft unter Pseudonymen arbeitete, fiel das im Vor-Internet-Zeitalter nicht einmal groß auf.

Christopher Lee in „Nachts, wenn Dracula erwacht“ von Jess Franco
1975 schlug Franco bei Erwin C. Dietrich auf und man einigte sich auf eine Zusammenarbeit, nachdem der Regisseur dem Produzenten ein Drehbuch aus dem Genre vorgelegt hatte, das Franco damals schon zu einiger Berühmtheit verhalf: „Frauengefängnis“. Als Dietrich das Ergebnis sah, soll der hartgesottene Produzent schockiert gewesen sein, brachte den Film aber trotzdem ins Kino und verdiente kräftig Geld damit. Dabei beschiss man auch gerne die Zuschauer ein wenig, wird doch im Vorspann behauptet, dass Teile des Films in Honduras gedreht wurden. Klingt exotisch, ist aber erlogen, wäre das doch viel zu teuer gewesen. Doch auch Dietrich hatte anschließend das Gefühl beschissen geworden zu sein…

Als Dietrich eine Filmmesse in Mailand besuchte und den Stand seines französischen Konkurrenzen Eurociné sah, muss ihm nämlich die Kinnlade ganz schön heruntergefallen sein. Mit „Women Behind Bars“ wurde dort ein Werk beworben, das seinem Film frappierend ähnelte: sein Regisseur, seine Darsteller und scheinbar dasselbe Setting. Kein Zufall! Franco hatte heimlich mit dem „Frauengefängnis“-Team und -Darstellern in denselben Kulissen noch einen zweiten Film gedreht, um so alte Schulden zu begleichen. Wie Dietrich in dem Buch „Mädchen, Machos und Moneten - Die unglaubliche Geschichte des Schweizer Kinounternehmers Erwin C. Dietrich“ zitiert wird, war er „stinksauer“. Schließlich hatte „mein Angestellter hinter meinem Rücken und mit meinem Geld illegal einen zweiten Film realisiert.“

Dieselben Frauen, dieselben Ketten, derselbe Regisseur – aber zwei Filme
Man müsste meinen, dies hätte den Bruch zwischen Franco und Dietrich zur Folge gehabt, doch weit gefehlt. International wurde nicht die französische Zweitversion, sondern das „Original“ unter dem Titel „Barbed Wire Dolls“ zum Hit und schließlich hat Franco am Ende seinen Boss Dietrich zwar übers Ohr gehauen, hielt aber die vorgegebene Drehzeit und das Budget ein. Da nicht nur Franco schlau war, sondern Dietrich als kluger Geschäftsmann wusste, dass mit diesem verrückten Spanier noch viel Geld zu verdienen war, feuerte er ihn nicht. Die Zusammenarbeit von Franco und Dietrich sollte so noch viele Filme hervorbringen…

Traumkombination: Klaus Kinski in „Jack the Ripper – Der Dirnenmörder von London“ von Regisseur Jess Franco und Produzent Erwin C. Dietrich
Übrigens noch zwei amüsante Randnotizen: „Women Behind Bars“ wird in Deutschland mittlerweile als „Frauengefängnis 3“, also als vermeintliche Fortsetzung des ersten Franco-Films, vertrieben. Zudem entstand bei diesen ominösen Dreharbeiten quasi noch ein dritter Film. Aus Teilen des Materials von Franco wurde in Frankreich vier Jahre später auch noch einmal ein neuer Film geschnitten: „Les Gardiennes Du Pentiencier“ enthält noch Restmaterial anderer Filmprojekte und erschien in Deutschland als – ihr werdet es vielleicht schon erraten: „Frauengefängnis 2“!

Wer sich übrigens angestachelt von diesem Artikel zumindest ein Eindruck vom Schaffen von Erwin C. Dietrich verschaffen will, bekommt am Freitag, den 16. September 2016, im Rahmen des TV-Formats „SchleFaZ“ die perfekte Gelegenheit. In ihrer Reihe rund um die „schlechtesten Filme aller Zeiten“ nehmen Oliver Kalkofe und Peter Rutten in ihrer 50. Sendung mit „Ich – Ein Groupie“ eines der Werke des Schweizer Erfolgsproduzenten auseinander.





facebook Tweet G+Google
Ähnliche Nachrichten
Das könnte dich auch interessieren
Kommentare
  • Fain5

    Möpse!!!

  • someone5

    Müsste es nicht #WTF heißen?
    und nicht WFT?

  • Der Eine vom Dorf

    Woher wusste ich, dass das kommt?! ;-)
    @Filmstarts: keine Abstimmung für nächste Woche? Oder sehe ich das hier nur nicht?!

  • Der Eine vom Dorf

    Genial. :-D :-D

  • Der Eine vom Dorf

    Bisher nicht. ;-)

  • Fain5

    Doch die ist da und dreimal darfst du raten für was ich gestimmt hab :D

  • Deliah C. Darhk

    Ich zitiere: "Möpse!!!"
    ;D

  • Deliah C. Darhk

    Die Frauengefängnisfilme kenne ich zwar nicht, aber den Steeger/Groupie-Film habe ich gesehen.
    Der ist zwar auch stark tittenlastig, aber kein SchleFaZ in meinen Augen.
    Der Film transportiert (mit der etwas naiven Sichtweise seiner Zeit) durchaus nachvollziehbar eine berechtigte Sozialkritik. Als simplen Softsexstreifen würde ich ihn daher nicht abtun und auch nicht als schlechten Film.

Kommentare anzeigen
Folge uns auf Facebook
Die beliebtesten Trailer
<strong>Fack ju Göhte 3</strong> Trailer DF
Fack ju Göhte 3 Trailer DF
36 658 Wiedergaben
<strong>X-Men: New Mutants</strong> Trailer DF
X-Men: New Mutants Trailer DF
9 028 Wiedergaben
<strong>Star Wars 8: Die letzten Jedi</strong> Trailer DF
Star Wars 8: Die letzten Jedi Trailer DF
29 885 Wiedergaben
<strong>Saw 8: Jigsaw</strong> Trailer DF
Saw 8: Jigsaw Trailer DF
27 478 Wiedergaben
<strong>Thor 3: Tag der Entscheidung</strong> Trailer DF
Thor 3: Tag der Entscheidung Trailer DF
37 965 Wiedergaben
<strong>Schneemann</strong> Trailer DF
Schneemann Trailer DF
9 403 Wiedergaben
Alle Top-Trailer
Kino-Nachrichten Stars
Mensch, Mark: Hulk-Darsteller Mark Ruffalo streamt versehentlich die erste Viertelstunde von "Thor 3"
NEWS - Stars
Mittwoch, 11. Oktober 2017
Mensch, Mark: Hulk-Darsteller Mark Ruffalo streamt versehentlich die erste Viertelstunde von "Thor 3"
"Indiana Jones 5": John Rhys-Davies wäre gern ein letztes Mal als Sallah dabei
NEWS - Stars
Dienstag, 10. Oktober 2017
"Indiana Jones 5": John Rhys-Davies wäre gern ein letztes Mal als Sallah dabei
Alle Kino-Nachrichten Stars
Die meisterwarteten Filme
Weitere kommende Top-Filme
Back to Top