Mein FILMSTARTS
Vergewaltigungsszene im Klassiker "Der letzte Tango in Paris": Das steckt hinter dem aktuell größten Diskussionsthema Hollywoods und das sagt der Regisseur
Von Björn Becher — 06.12.2016 um 09:50
facebook Tweet

Ein Interview mit Bernardo Bertolucci bestätigt scheinbar, was als offenes Geheimnis gilt: In der Vergewaltigungsszene in „Der letzte Tango in Paris“ ist nicht alles gespielt. Hollywood-Stars reagieren bestürzt, Bertolucci verteidigt sich.

Neue Visionen
Das Erotik-Drama „Der letzte Tango in Paris“ gilt als einer der großen Klassiker der Filmgeschichte. In einer Szene dreht der von Marlon Brando gespielte Paul die von Maria Schneider verkörperte Jeanne auf den Bauch, zieht ihre Hose nach unten und vergewaltigt sie anschließend anal, wobei er vorher Butter mit seinen Fingern in ihren Hintern einführt, also als Gleitmittel nutzt. Beim Einsatz der Butter kommt ein verwunderter Aufschrei von ihr. Danach sagt sie mehrmals „Nein“, bricht in Tränen aus und liegt am Ende erniedrigt und weinend auf dem Boden. „Der letzte Tango in Paris“ schockierte 1972 bei seiner Veröffentlichung und wurde in zahlreichen Ländern verboten, avancierte aber trotzdem zum Publikums- und Kritikererfolg. Bernardo Bertolucci bekam eine Oscarnominierung als Bester Regisseur, Marlon Brando als Bester Schauspieler. Auch Maria Schneider wurde gelobt, in zeitgenössischen Kritiken wird teilweise auch die authentische Vergewaltigungsszene hervorgehoben. Doch wie authentisch war diese wirklich?

Bereits 2007 erzählte Maria Schneider, dass sie sich am Set unter Druck gesetzt gefühlt habe. Die 2011 verstorbene Schauspielerin erklärte damals der Daily Mail, dass sie ihren Agenten oder Anwalt hätte anrufen sollen, weil man sie nicht hätte zwingen dürfen, etwas zu tun, was nicht im Drehbuch stand. Sie habe sich beim Dreh erniedrigt und auch ein wenig vergewaltigt gefühlt – von Brando und von Bertolucci, so Schneider damals. Brando habe sie zwar nicht wirklich penetriert (es gab also keinen echten Sex), aber es habe sich trotzdem wie eine Vergewaltigung angefühlt. Die große Aufregung blieb im Anschluss an dieses Interview aus. 2013 wählte Bertolucci bei einer Frage-und-Antwort-Runde Worte, die als Bestätigung zu interpretieren sind: „Ich war auf gewisse Weise schrecklich zu Maria, weil ich ihr nicht erzählt habe, was vor sich geht.“ Er verteidigte sich damit, dass er ihre „Reaktion als Frau und nicht als Schauspielerin“ hervorrufen wollte: „Ich wollte, dass sie erniedrigt reagiert.“ Wie eine Anekdote (das Publikum lacht sogar) erzählte er dabei, wie er beim Frühstück mit Marlon Brando auf die Idee kam, Butter als Gleitmittel zu nutzen. Das Video dieser Aussage ist seit dem 5. Februar 2013 auf YouTube, doch erneut blieb der Skandal aus:


Doch nun gibt es den Skandal, über den momentan ganz Hollywood diskutiert. Es fing damit an, dass vor rund zwei Wochen eine spanische Organisation namens El Mundo de Alycia das Video am „Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ veröffentlichte. Plötzlich bekam es neue Aufmerksamkeit. Seit dem 29. November 2016 gibt es eine spanische Petition, in der gefordert wird, Bernardo Bertolucci deswegen seine beiden Oscars (als Regisseur und Autor für „Der letzte Kaiser“) abzuerkennen. Nach Hollywood trug schließlich zuerst ein Artikel der Zeitschrift Elle und dann wohl Jessica Chastain den Skandal, die am 3. Dezember ihrer Abscheu via Twitter Ausdruck verlieh:


Seitdem ist „Der letzte Tango in Paris“ das Gesprächsthema Nr. 1 in Hollywood. Zahlreiche andere Stars schlagen in eine ähnliche Kerbe wie Chastain. Man gibt sich nun entrüstet, verschweigt aber gerne, dass der Umstand für die Aufregung seit Jahren gerade in der Filmindustrie bekannt sein sollte. Denn schon vor dem Interview 2007 erklärte Maria Schneider immer wieder, wie sehr sie unter dem Dreh eines ihrer ersten großen Filme gelitten hat. Statt schon damals den Regisseur und seinen Film anzuprangern, trug dies eher zur Verklärung bei. Der Hass der Schauspielerin auf den Filmemacher war ein Teil des Mythos von „Der letzte Tango in Paris“.


Nach der Kampagne in den vergangenen drei Tagen äußerte sich nun auch Regisseur Bernardo Bertolucci, der eine Presseerklärung herausgab (übersetzt aus dem Italienischen via Deadline). Er bezeichnet die Debatte dabei als „lächerliches Missverständnis“. Er sei bei der Frage-und-Antwort-Runde 2013 nach der berühmten Butter-Szene gefragt worden. Er habe damals wohl nicht klar genug gesagt, dass er „gemeinsam mit Marlon Brando entschlossen habe, Maria nicht zu informieren, dass wir Butter nutzen“. Er bestreitet, dass die Vergewaltigung selbst für die Schauspielerin überraschend gewesen sei: „Wir wollten ihre spontane Reaktion auf diesen nicht angemessenen Einsatz [von Butter]. Das ist, wo das ganze Missverständnis herrührt. Jemand dachte und denkt immer noch, dass Maria nicht über die Gewalt informiert war. Das ist aber falsch.“ Die Schauspielerin habe alles gewusst, weil sie das Drehbuch gelesen habe, wo alles beschrieben gewesen sei. Neu sei wirklich nur die Butter gewesen. Worte des Bedauerns fehlen. 2013 (siehe auch das obige Video) erklärte der Regisseur noch, dass er sich schrecklich fühle, weil er Maria nie gesagt habe, was vor sich gehe. Er fühle sich schuldig, bereue aber nichts.


Wie es wirklich beim Dreh von „Der letzte Tango“ zugegangen ist, werden wir wohl nie erfahren. Schließlich sind zwei der drei zentralen Beteiligten tot. Endgültig bestätigt ist aber nun, dass in der besagten Szene nicht alles nur gespielt ist. Maria Schneider wusste nicht über alles Bescheid und fühlte sich anschließend gedemütigt.





facebook Tweet
Das könnte dich auch interessieren
Kommentare
  • niman7
    Also man kann es auch übertreiben. Sie wurde ja nicht wirklich vergewaltigt. Sie war Schauspielerin und Bertolucci wollte das best mögliche aus ihr herausholen und das ist eben das Ergebnis: eine sehr intensive Szene, welche den Film perfekt abrundet und Brandos kranker Figur stärkt. Ich meine was hat sie da überhaupt erwartet? Sie spielte mit 19 in einem Film mit dem Method Acting Gott persönlich. Da müsste ihr doch klar gewesen sein, dass er 110% gibt.
  • Edward;
    Das mit der Butter hätten sie ihr ruhig mitteilen können, aber die Reaktionen à la Filmpreise aberkennen etc. halte ich für überzogen. Sie hat gewusst, dass es eine solche Szene geben würde und es hat kein echter Sex stattgefunden.
  • greek freak
    Fassen wir mal zusammen,2 geile alte Säcke haben eine 19jährige schamlos ausgenutzt,für ihre "Kunst".(die Gänsefüsschen sind absichtlich,was an diesem Arthouse Porn,"Kunst" sein soll,erschliesst sich mir nicht,aber ich bin ja auch Banause.) Ob das ganze,den strafrechtlichen Bestand der Vergewaltigung erfüllt oder nicht,darüber können die Juristen jahrelang streiten,ohne zu einem eindeutigen Ergebnis zu kommen.Fakt ist,sowas ist im Showbusiness und speziell Hollywood,keine Seltenheit,siehe die Geschichten mit Br.Singer,David Hamilton oder Roman Polanski,apropos,da wurde grad von einem poln. Gericht,die Auslieferung in die USA abgeschmettert.Macht die Sache aber nicht weniger eckelhaft.
  • Fain5
    Also auch mal ganz allgemein: Wieso ist der Film eigentlich ein Klassiker? Weil vor über 30 Jahren irgendwelche Kritiker es gesagt haben? Klar reitet man ja gerne auf alten Erfolgen rum, so funktioniert das bei Klassikern meist aber was macht diesen Film denn jetzt besonders? Bitte auch eine Antwort von Filmstarts.
  • Fain5
    Ich darf leider nicht sagen, was ich über deinen Kommentar denke, da ich sonst gesperrt werden würde. Also sieh dir nur die letzten zwei Worte von Cudlitz Kommentar an ;)
  • Fain5
    Achso und deswegen gibst du ihm das Recht, Frauen mit Butter in intimen Stellen rumzuschmieren? Ich weiß du bist vernünftig also denke bitte nochmal über deine Aussage nach. Wenn in Pretty Woman der Regisseur auf die Idee kommt, dass die Schmuckschatulle zugeklappt werden soll weil man Roberts realistische Überraschung einfangen will ist das eine Sache. Aber eine 19 Jährige mit Butter einzureiben ist eine ganze andere Sache und ich denke viele Frauen aus der Silvesternacht werden dir genau erzählen können, warum sowas eine Vergewaltigung ist.
  • Fain5
    Schonmal was von Prinzipien und Exempel gehört? Wenn die heutigen Lustmolche sich darauf beruhen können, dass es schon damals Gang und Gebe war, dann ist das nicht hilfreich.
  • Fain5
    Ok jetzt verstehe ich was du meinst und gebe dir Recht. Ich finde es trotzdem gut, dass man wenigstens heute den Leuten aufzeigt, was es mit diesem Film auf sich hat. Und Chris Evans ist jetzt mal niemand, der es aktuell nötig hätte, sich mit sowas in die Schlagzeilen zu bringen.
  • Fain5
    Ich habe den Film mal gesehen. Also irgendwie ist schon was länger her und ich war vermutlich eh zu jung. Aber nur weil ein Film einen klasse Schauspieler hat und kontrovers ist verdient er nicht gleich einen Klassikerstempel. Aber das hast du ja auch schon gesagt. Der ist doch depressiv und will sich umbringen oder?
  • Sophia Neun
    Ich finde die Kommentare in eine Richtung irgendwie schon erstaunlich. Hier sind anscheinend viele der Meinung, dass eine Vergewaltigung eine Penetration erfordert. Nein, dem ist nicht so. Eine Vergewaltigung entsteht auch dann, wenn etwas gegen den Willen einer Person geschieht. In diesem Fall war es die fehlende Absprache, dass der Schauspielerin Butter an intime Stellen geschmiert wird und sie somit erniedrigt wird.
Kommentare anzeigen
Folge uns auf Facebook
Die beliebtesten Trailer
Suspiria Trailer DF
Gesponsert
Pokémon Meisterdetektiv Pikachu Trailer OV
Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen Trailer DF
Hard Powder Trailer DF
Captain Marvel Trailer DF
The House That Jack Built Trailer DF
Alle Top-Trailer
Kino-Nachrichten Stars
"Avengers 3": Diese eine Sache bedauert Benedict Cumberbatch bis heute
NEWS - Stars
Dienstag, 6. November 2018
"Avengers 3": Diese eine Sache bedauert Benedict Cumberbatch bis heute
Ein Gespräch mit "25 km/h"-Star Lars Eidinger: Man sollte Synchronisationen boykottieren!
NEWS - Stars
Mittwoch, 31. Oktober 2018
Ein Gespräch mit "25 km/h"-Star Lars Eidinger: Man sollte Synchronisationen boykottieren!
Alle Kino-Nachrichten Stars
Die meisterwarteten Filme
Weitere kommende Top-Filme
Back to Top