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Nachgeforscht: Hat "The Book Of Henry“ den "Jurassic World"-Regisseur Colin Trevorrow wirklich den Job bei "Star Wars 9" gekostet?
Von Carsten Baumgardt — 21.09.2017 um 12:10
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Mit dem Psychothriller „The Book Of Henry“ startet am 21. September der Film in den deutschen Kinos, von dem viele sagen, Colin Trevorrow hätte wegen ihm den Regieposten bei „Star Wars 9“ verloren. Was ist dran an dem Gerücht?

Das Aus kam zwar für viele nicht unerwartet, aber überraschend abrupt war es trotzdem. In einem kurzen, geschäftsmäßig nüchternen Statement verkündete die „Star Wars“-Produktionsfirma Lucasfilm Anfang September: „Lucasfilm und Colin Trevorrow haben einvernehmlich entschieden, bezüglich ‚Star Wars 9‘ getrennte Wege zu gehen. Die Zusammenarbeit mit Colin während der Entwicklungsphase ist wundervoll gewesen, aber wir sind alle zu dem Schluss gekommen, dass sich unsere Visionen für das Projekt unterscheiden. Wir wünschen Colin das Beste und werden bald neue Informationen zu dem Film mitteilen.“ Das klingt ja erst mal ganz freundlich, aber natürlich verraten solche auf professionell getrimmten Formulierungen in der Regel nicht einmal die halbe Wahrheit.

COLIN TREVORROW STAND VON ANFANG AN IN DER KRITIK

Es gab von Anfang an ein gewaltiges Grundrauschen in der „Star Wars“-Fangemeinde, als im August 2015 bekannt wurde, dass Colin Trevorrow den Regieposten bei „Star Wars 9“ übernehmen soll. Zu dem Zeitpunkt hatte der Kalifornier (Jahrgang 1976) mit der innovativ-verschrobenen romantischen Komödie „Journey Of Love“ (4 Sterne von FILMSTARTS) ein erstes Indie-Ausrufezeichen Richtung Hollywood gesendet, was vom Universal-Studio auch sofort erhört wurde und Trevorrow überraschend auf den Regiestuhl von „Jurassic World“ (2015) katapultierte – persönlich protegiert von „Jurassic Park“-Mastermind Steven Spielberg.

An dieser Stelle folgte das erste Missverständnis. Die megaerfolgreiche Wiederbelebung des legendären Dino-Franchises generierte weltweit astronomische 1,67 Milliarden Dollar (das bedeutet immer noch Platz 4 der umsatzstärksten Filme aller Zeiten), was sich der selbstbewusste Trevorrow in fetten Lettern auf seine Fahnen schrieb, obwohl die Resonanz von Fans und Kritikern auf den Fantasy-Action-Blockbuster allenfalls durchwachsen ausfiel (59 von 100 Punkten auf Metacritic). Aber vielleicht war sein Einfluss auf den Erfolg auch nur so groß, wie der von Richard Marquand auf „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ (für Irvin Kershner gilt ähnliches, aber der Regisseur hatte bei „Das Imperium schlägt zurück“ mehr Macht)? Der im Indie-Film verwurzelte Trevorrow war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort und galt plötzlich als jemand, der ein bekanntes Franchise gut aussehen lassen kann.

Chris Pratt hält in "Jurassic World" die Dinos in Schach

COOLE REGISSEURE SOLLEN „STAR WARS“ FRISCH HALTEN

Das Anheuern von Trevorrow passte damals einfach in Disneys innovatives Coolness-Konzept für „Star Wars“. Der eigentlich konservative Konzern wollte freche Kräfte einbinden, damit die dann für frischen Wind im „Star Wars“-Universum sorgen. So engagierte man etwa das hip-flippige Regieduo Phil Lord und Christopher Miller („21 Jump Street“, „22 Jump Street“, „The LEGO Movie“) für den „Han Solo”-Solofilm. Auch „Monsters“- und „Godzilla“-Regisseur Gareth Edwards steht beim „Star Wars“-Spin-off „Rogue One“ für die junge Garde smarter Filmemacher, die mit ihren Ideen Belebung in den sonst so berechenbaren Blockbuster-Betrieb bringen sollen. Doch nach und nach schrillten bei Disney die Alarmglocken und die Angst vor der eigenen Courage übermannte den Mäusekonzern mit voller Wucht. Plötzlich wurde Reißleine auf Reißleine gezogen.

DIE JUNGE GARDE GEHT, DIE ETABLIERTEN FOLGEN

Jungspund Josh Trank („Chronicle“)? Der wurde im Mai 2015 ein Jahr nach seiner Inthronisierung ebenfalls mit warmen Worten verabschiedet. Kiri Hart, Vizepräsidentin im Development-Bereich bei Lucasfilm, kommentierte seinen Ausstieg: „Es war ein Privileg, mit Josh zusammenzuarbeiten. Wir sind dankbar für die Energie und die Liebe zu ,Star Wars‘, die er in den Prozess eingebracht hat, und wir wünschen ihm nur das Beste.“ Klingt vertraut, oder?! Zu dem Zeitpunkt stand sein „Fantastic Four“-Debakel kurz vor dem Kinostart und die Unkenrufe, dass es zu einem künstlerischen wie kommerziellen Desaster ausarten sollte, bestätigten sich wenig später krachend. Zudem soll er sein Team am „Fantastic Four“-Set nicht im Griff gehabt haben, was Lucasfilm-Präsidentin Kathleen Kennedy mit Ausblick auf das Spin-off missfiel.  

The Book Of Henry Trailer DF

 

Bei Phil Lords und Christopher Millers „Han Solo“-Aus im Juni 2017 ist die Sachlage etwas anders. Kathleen Kennedy: „Phil Lord und Christopher Miller sind talentierte Filmemacher, die ein unglaubliches Team vor und hinter der Kamera versammelt haben, aber es hat sich herausgestellt, dass wir verschiedene kreative Visionen vom Film hatten, sodass wir entschieden haben, getrennte Wege zu gehen.“ Hier wollten die Wilden Lord und Miller mehr in Richtung Comedy gehen, und viel Improvisieren, was den Auftraggebern sauer aufstieß. Motto: Tradition bewahren! Und auch wenn Gareth Edwards bei „Rogue One“ nicht offiziell gefeuert wurde, nahm Disney ihm trotzdem die Aufsicht der umfangreichen Nachdrehs zu „Rogue One“ im August 2016 weg.

In allen drei Fällen besetzte man die Nachfolger mit etablierten, grundsoliden Regisseuren, die Disney mit ihrer Souveränität, Professionalität und Berechenbarkeit die kalten Füße wärmen sollten. Tony Gilroy („Das Bourne Vermächtnis“) leitete die Nachdrehs von „Rogue One“, Veteran Ron Howard („A Beautiful Mind“, „Apollo 13“) übernahm „Han Solo: A Star Wars Story“ und „Star Wars: Das Erwachen der Macht“-Regisseur J.J. Abrams soll nun „Star Wars 9“ in ruhige Gewässer geführen. Denn die sensible Box-Office-Maschine „Star Wars“ muss wie geölt laufen, zu viel kreative Reibung lassen die Altvorderen der Saga, allen voran die einflussreiche Produzentin Kathleen Kennedy und Autoren-Gralshüter Lawrence Kasdan (schrieb „Das Imperium schlägt zurück“, „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ und „Han Solo“) offensichtlich in Angst um einen manipulierten Markenkern nicht zu.

GRÜNDE FÜR TREVORROWS ABSCHIED VIELFÄLTIG

Die Gründe für das Ausscheiden der Filmemacher sind unterschiedlich. Im Fall von Colin Trevorrow kamen offenbar mehrere Faktoren zusammen, deren Zusammenspiel sich nicht eindeutig aufdröseln lässt. Aus Produktionskreisen heißt es laut einem Bericht in Vulture, die Lucasfilm-Oberen sollen unzufrieden mit der schwierigen Zusammenarbeit gewesen sein. Mitarbeiter beschwerten sich über Trevorrow und nannten ihn höflich formuliert „sehr, sehr selbstbewusst“ und über die ständigen Änderungen des Drehbuchs soll es großen Ärger mit Kathleen Kennedy gegeben haben - hauptsächlich um die Verabschiedung von Leia, ohne (die verstorbene) Carrie Fisher.

Das „The Book Of Henry“-Desaster brachte möglicherweise das Fass lediglich zum Überlaufen, auch weil Trevorrow in dem Film eigenwillig vogelwild mehrere Genres anreißt und eskalieren lässt, was ihm der Großteil der Kritiker übel nahm - FILMSTARTS übrigens nicht, wir konnten dem Werk trotz einiger Holprigkeiten noch etwas abgewinnen (und vergeben solide 3 Sterne). „The Book Of Henry“ erhielt weltweit miese Kritiken (31 von 100 Punkten auf Metacritic) und spielte nur 4,3 Millionen Dollar in Nordamerika ein.

Jaeden Lieberher in "The Book Of Henry"

DIE REVOLUTION IST GESCHEITERT, ES LEBE DIE TRADITION

Der Weg, den das Studio Disney und die Produktionsfirma Lucasfilm eingeschlagen haben, mit frischen kreativen Kräften ihre Heilige Kuh „Star Wars“ hübsch zu frisieren, ist gescheitert. Es ist einerseits schade, dass dieses hochinteressante Experiment abgeblasen wurde, garantiert dem Maus-Riesen aber zumindest weiterhin gigantische Einnahmen wie die 2,07 Milliarden Dollar von „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ und die 1,06 Milliarden Dollar für „Rogue One: A Star Wars Story“. An dem Megaerfolgskonzept wird offenbar nicht mehr geschraubt - das ist zumindest das Signal, das Disney durch die Neu-Besetzungen aussendet.

Zur unserer Kritik von "The Book Of Henry"

Und eine kleine Hoffnung gibt es schließlich doch noch für die Rebellen unter den Fans. Denn der letzte Mohikaner der jungen Wilden, „Brick“-Regisseur Rian Johnson, steht immer noch unangetastet an Deck von „Star Wars 8: Die letzten Jedi“ (Kinostart: 14. Dezember 2017). Und war nicht der düstere „Das Imperium schlägt zurück“ als Mittelteil der legendären Ur-Trilogie das Über-Meisterwerk aus dem „Star Wars“-Universum? Ein gutes Omen für Johnsons Mittelteil der neuen Trilogie, die endlich wieder Mark Hamill als Luke Skywalker zu einem potenziell spektakulären Comeback verhelfen wird.

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Kommentare
  • Jimmy V.

    Netter Bericht - einerseits. Andererseits finde ich eure Lesart ein bisschen zu extrem, wenn ihr auf der einen Seite "grundsolide Handwerker" und auf der anderen Seite "wilde Experimentelle" aufbaut. Das suggeriert ja, dass Leute wie Ron Howard oder Tony Gilroy eingerostet wären - was sie ja wohl kaum sind. Beide, jeder auf seine Art, haben selbst sehr großartige Filme geschaffen; nicht immer, aber meistens.
    So eine Geschichte hat letztlich zwei Seiten. Man kann Kathleen Kennedy ankreiden sich nicht konsequent entschieden zu haben: Erlaube ich den jungen Regisseuren nun ihre Freiheiten oder nicht? Dennoch hat deren Reißlinie-Ziehen ja wohl ihre Berechtigung. Aldren Ehrenreich, Hauptdarsteller des Han-Solo-Films, der genau deswegen auch unter großer Beobachtung und Kritik steht, hat ja selbst gesagt, dass Lord/Miller den Film viel zu weit von der Figur des Han Solo weggetragen hätten. Wie groß wäre der Aufschrei, wenn das nur Geblödel geworden wäre? Ich mag die beiden Jump-Street-Filme sehr, aber zu SW passt das nicht! Und ähnlich kann man auch bei anderen Leuten argumentieren. Vor allem aber bei Josh Tank und und Colin Trevorrow zeigt sich, dass diese Kerle eher Eintiegsflage waren.

  • Silvio B.

    Das MCU ist wie eine Maschine. Sie läuft und haut gute Produkte raus. Aber experimentell ist da gar nichts.

    Ansonsten geb ich dir recht. Ich verstehe nicht wieso man junge, frische Regisseure ins Boot holt, aber sie dann so gut wie nichts entscheiden lässt. Bloß kein Risiko.

  • Jimmy V.

    ...wobei man wirklich nie vergessen sollte, wie auch Marvel so seine Problemchen hatte. Edgar Wrights Ausstieg, aber auch Alan Taylors Probleme bei "Thor 2", bleiben mir in Erinnerung.
    Ich denke, das Problem ist, dass SW hier auch anspruchsvoller ist: Eine viel größere, einflussreichere Fanbasis muss befriedigt werden. Zudem laufen die Filme gerade nicht unbedingt nach Schema F ab und sollen Neues bieten. "Rogue One" ist z.B. definitiv anders als die Saga-Filme, wird hier doch tatsächlich sehr gut gezeigt, wie der (verdeckte) Krieg gegen das Imperium aussieht.

  • Silvio B.

    Rogue One muss wirklich anders sein, denn das ist der erste Film der Reihe den ich seit gefühlt 20 Jahren gesehen habe :)

  • Jimmy V.

    Bei Trevorrow pflichte ich bei. Lord und Miller allerdings haben schon was Besonderes geschaffen, indem sie ziemlich viel Metahumor und Selbstironie eingebunden haben. Und wer wollte denn bitte schön ein "ernsthaftes" Reboot von "21 Jump Street" sehen? Dass sie das zu einem spaßigen Klamauk gemacht haben, war doch super.
    Allerdings, wie ich unten schrieb: Zu SW passt das nicht. Und da erscheint es mir, zumindest, was wir bisher wissen, als könnten die Leute sich auch nicht wieder etwas auf die Ansprüche des Franchise zubewegen. Das muss doch auch wiederum den Regisseuren klar sein: So ein Milliarden-Produkt muss eben auch auf festem Fundament stehen.

  • Arkanoid

    Künstlerisch auf jedenfall die richtige Wahl.

    Entweder ein eigenes Werk erschaffen oder Malen nach Zahlen und SW9 ist letzteres. Da kann man fast jeden hinsetzen.

  • WhiteNightFalcon

    Schön geschriebener Bericht. ??
    Aber ich sehe die Schuld eher bei Disney. Man kann es Regisseuren wie Trevorrow, Lord und Miller nicht verübeln, wenn sie mit großen Erfolgen im Rücken und mit Selbstbewusstsein bei Disney ankommen. Die Leute sind bereit, sich voll reinzuhängen, frischen Wind mitzubringen, den Disney ja offenbar haben wollte.
    Man hätte sich bei Disney vorher gründlicher überlegen sollen, wo es hingehen soll. Schon JJ Abrams war da ne ungewöhnliche Wahl. Bei Paramount durfte er das Star Trek Franchise mal eben komplett teils radikal erneuern, bei Disney ging man dagegen mit nem Teilremake von Episode 4 auf Nummer sicher.
    Und wenn das von Anfang an für die ganze Trilogie gewollt war, hätte man Trevorrow, Miller und Lord halt nicht engagieren dürfen, wenn man bei Disney letztlich doch das Risiko scheut. Obwohl mal ein bisschen auf Risiko gehen und experimentieren bei Rogue One doch ganz gut funktioniert hat.
    Aber vielleicht liegts ja daran, dass Rogue One dadurch NUR 1 statt 2 Milliarden eingespielt hat, wie Star Wars 7.

  • Der Eine vom Dorf

    Das geht doch noch viel schlimmer. Mit "übersetztem" englischen Untertitel oder so.

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