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Nachruf auf Jóhann Jóhannsson: Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter
Von Alexander Friedrich — 12.02.2018 um 19:00
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Jóhann Jóhannsson starb am vergangenen Freitag in Berlin. Für mich ist der Tod des Komponisten, der die Musik zu „Arrival” und „Die Entdeckung der Unendlichkeit” komponierte, vor allem ein Verlust für die Magie des Films. Ein persönlicher Nachruf.

NDR

Eine Begegnung mit den filmmusikalischen Werken von Jóhann Jóhannsson ist auch immer zugleich eine Reise ins Unbekannte. Man könnte meinen, der gebürtige Isländer hätte ein Stück seiner Heimat in Klänge verwandelt und so in einige große Filmen geschmuggelt. Es sind nur einige wenige Arbeiten und nun werden es auch nicht mehr: Als der Hollywood-Komponist am Freitag, dem 9. Februar 2018 (aus noch ungeklärten Gründen), starb und tot in seiner Berliner Wohnung aufgefunden wurde, war ich ganz besonders betroffen. Denn für mich sind die Werke Jóhannssons, der 48 Jahre alt wurde, nie einfach nur Musik, die schlichtweg gut zu den jeweiligen Filmen passte: Sie waren stets ein Abenteuer, auf das man sich einlassen musste und das bei jedem Wiederhören ganz neue Gefühle und Inspirationen in mir auslöste.

Auch wenn die Arbeit des Musikers für Hollywoodproduktionen wie „Arrival”, „Sicario” oder „Die Entdeckung der Unendlichkeit” stets wundervolle Soundtracks hervorbrachte – man kann jedes seiner Werke auch völlig unabhängig von diesen großen Filmen genießen und genauso gut etwa als akustische Reise ins mystische Island wahrnehmen.

Wenn Island zum Leben erwacht

Auch wenn ich selbst leider noch nie die geheimnisvolle Insel hoch im Norden bereisen durfte, habe ich doch das Gefühl, schon einmal dort gewesen zu sein. Und das meine ich nicht wegen der zahlreichen Film- und Serienproduktionen, die vermehrt auf dem Eiland gedreht werden – man denke nur an „Game Of Thrones”, „Interstellar” oder sogar „Fast & Furious 8” -, sondern es sind die suggestiven Klänge des in Reykjavik geborenen Jóhann Jóhannsson, die mir diese mir so fremde und surreale Welt oder zumindest eine faszinierende Vorstellung davon näherbrachten. In Denis Villeneuves meisterhaftem „Arrival” etwa, wo der Komponist walgesangartige Töne mit urzeitlich anmutenden Tönen vermischt. Solche Klänge sind für einen Science-Fiction-Film definitv ungewöhnlich: Während Villeneuves Film zentral von der Sprache handelt, scheinen auch Jóhannssons Stücke wie „Sapir – Whorf” und „Heptapod B” mit mir kommunizieren zu wollen.

Gewöhnlich war beim ehemaligen Komponisten für Theaterstücke ohnehin nichts. Der Isländer versuchte sich an einer neuartigen Mixtur aus avantgardistischer Musik und surrealen Klangteppichen. Zugleich zeugen seine Werke stets von einer organischen Kraft, die der Musik einen lebendigen Puls verleiht. Auch wenn Kameragenie Roger Deakins in Villeneuves „Sicario” grandiose Bilder kreiert hat – erst Jóhannssons akustisches Meisterstück „The Beast” schafft es, mir die immense Bedrohung der Szenerie zu eröffnen. Während sich Emily Blunt, Benicio Del Toro und ihre Spezialeinheit mit ihrem Konvoi der von der Drogenkriminalität beherrschten Stadt Juárez nähern, wächst auch das innere Unbehagen mit dem scheinbar endlos lauter werdenden Dröhnen Jóhannssons. Packender geht es nicht.

Ein Verlust für die Zukunft des Kinos

Der Verlust des Komponisten könnte für Hollywood größer sein, als vielen bewusst ist. Denn die musikalische Untermalung der vielen Großproduktionen, die über die Leinwände laufen, ist meiner Meinung nach meist mehr oder weniger austauschbar. Natürlich war auch ich zum Beispiel von Hans Zimmers Arbeit zu Christopher Nolans „Dunkirk” sehr angetan, doch die synthetischen Soundtracks des deutschen Starkomponisten haben immer eine gewisse Formelhaftigkeit und scheinen sich jedes Mal gefühlt nur in der Lautstärke zu übertreffen. Losgelöst von ihren Filmen können sie mich jedenfalls emotional nur wenig erreichen. Und auch der Arbeit von Talenten der Filmmusik wie Junkie XL, Benjamin Wallfisch oder Lorne Balfe ist durchaus anzuhören, dass sie einst allesamt Schüler Zimmers waren...

Hans Zimmer komponiert die Musik von "X-Men: Dark Phoenix"

Natürlich gibt es Ausnahmen, die aus der Masse hervorstechen wie das „Nine Inch Nails”-Duo Trent Reznor und Atticus Ross, doch was Jóhannsson geschaffen hat, war nicht nur anders: Es war eine völlig neue musikalische Sprache und hätte auch in Zukunft die Filmwelt noch maßgeblich beeinflussen können. Schon 2017 musste man teilweise auf seine Werke verzichten: So war ich vor allem auf Darren Aronofskys irren Trip „mother!” gespannt, zu welchem Jóhannsson den Soundtrack komponierte. Der Regisseur entschied sich jedoch am Ende, diesen komplett aus dem Film zu entfernen und gänzlich auf eine musikalische Untermalung zu verzichten. Meiner Meinung nach hätten die surrealen und kafkaesken Klänge des Komponisten hervorragend zum Film gepasst und gerade die akustische Note war es, die mir im Film einfach völlig fehlte.

Auch beim kurz darauf erschienenen „Blade Runner 2049” erging es dem Isländer nicht gut. Regisseur Denis Villeneuve entschied sich in der Postproduktion bewusst gegen seinen Stammkomponisten und engagierte ausgerechnet den Veteranen Hans Zimmer samt seines ehemaligen Lehrlings Benjamin Wallfisch für die Musik – Jóhannssons Musik hätte sich zu weit von Vangelis' Thema aus dem 35 Jahre alten Vorgänger entfernt. Zimmer und Wallfisch haben meiner Meinung nach hervorragende Arbeit geleistet, doch Jóhannssons Variante hätte dem Film vielleicht nochmal eine gänzlich neue Richtung gegeben. Man kann die Musik des isländischen Komponisten aber nun mal nicht in ein Korsett pressen und eine ganz bestimmte Richtung erwarten. Denn ein Soundtrack von Jóhannsson ist immer etwas Riskantes, Gewagtes, vielleicht auch Gefährliches, eine Reise ins Unbekannte eben.

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