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    Terrorismus-Thriller "7 Tage in Entebbe": Unser Interview mit Regisseur José Padilha
    Von Woon-Mo Sung — 03.05.2018 um 19:20
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    Im Rahmen der Weltpremiere von „7 Tage in Entebbe“ in Berlin haben wir uns mit Regisseur José Padilha getroffen, um mit ihm über seinen Flugzeugentführungs-Thriller zu sprechen. Statt eines klassischen Interviews folgte eine Geschichtsstunde.

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    Im Juni 1976 entführte eine vierköpfige Gruppe, darunter die deutschen Terroristen Wilfried Böse (im Film gespielt von Daniel Brühl) und Brigitte Kuhlmann (Rosamund Pike), einen Air-France-Flug ins ugandische Entebbe, wo die Flughafenpassagiere mehere Tage lang in einem Terminal als Geiseln gefangengehalten wurden, bevor eine israelischen Spezialeinheit schließlich eine riskante Befreiungsaktion unternahm.

    Nun hat mit José Padilha („Robocop“, „Narcos“) ausgerechnet ein brasilianischer Regisseur den israelisch-französisch-palästinensisch-ugandisch-deutschen Vorfall neu fürs Kino verfilmt. Im Interview sprechen wir mit ihm deshalb vor allem darüber, was ihn speziell an dieser historischen Geschichte so sehr interessiert hat und wie sie mit dem aktuellen Weltgeschehen in Beziehung steht…

    FILMSTARTS: Wie bist du zu dem Projekt gestoßen?

    José Padilha: Ich wurde zuerst mit dem Drehbuch von Gregory Burke konfrontiert und als ich erfahren habe, dass es auf dem Sachbuch „Operation Thunderbolt: Flight 139 And The Raid On Entebbe Airport“ von Saul David basiert, habe ich das ebenfalls noch gelesen. In dem Buch sind viele Informationen enthalten, die von der üblichen militärischen Perspektive abweichen, die die bisher bekannten Berichte zu den Vorkommnissen stets dominiert. In Kombination mit den Recherchen, die unsere Produzentin Kate Solomon angestellt hat, war ich schließlich überzeugt davon, dass es eine gute Sache wäre, die Geschichte noch einmal neu zu erzählen.

    Also sagte ich zu und bin nach Israel gereist, um dort mit Politikern zu sprechen, etwa mit Ehud Barak, einem ehemaligen Ministerpräsidenten, der damals direkt in die Operation involviert war. Ich habe auch Geiseln von damals getroffen und was sie mir erzählt haben, bestätigte mir einige Schlüsselaspekte des Buches. Ich denke, es ist immer noch eine relevante Geschichte und was damals in Entebbe geschehen ist, kann uns viel darüber beibringen, was heute so passiert - zumal das Ereignis selbst vieles von dem, was heute so vor sich geht, maßgeblich mit beeinflusst hat. Es erübrigt sich zum Beispiel zu erwähnen, dass der heutige israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ja überhaupt nur deshalb in die Politik gegangen ist, weil sein Bruder Jonathan damals in Entebbe ums Leben gekommen ist.

    Die FILMSTARTS-Kritik zu "7 Tage in Entebbe"

    FILMSTARTS: Man merkt dem Film an, dass du versucht hast, die Parteien nicht in ein klassisches Gut-Böse-Schemata zu pressen. Stattdessen räumst du allen Perspektiven den nötigen Raum ein…

    José Padilha: Ja, das stimmt. Lass mich mal kurz über Dramaturgie reden: Um eine spannende Figur zu kreieren, muss man zunächst einmal verstehen, woher sie kommt und was sie will. Denn ein Konflikt ist ein zentrales Element des Dramas und es gibt einfach keinen Konflikt, solange man nicht versteht, was die Figur eigentlich will und was sie daran hindert, es zu bekommen. Und nachdem ich mich dafür entschieden hatte, zwei parallel verlaufende Handlungsstränge zu erzählen, nämlich den der Geiseln und Geiselnehmer auf der einen sowie den der Politiker und Soldaten auf der anderen Seite, musste ich auch erklären, was in all diesen verschiedenen Köpfen vor sich geht.

    In Bezug auf die Geiselnehmer war das tatsächlich ziemlich schwierig, denn es gab ja zwei Gruppen von ihnen: jene, deren Taten im Kriegskontext Israel gegen Palästina geschahen, und die Deutschen, die für den Marxismus und im Kontext des Kalten Krieges gegen den Imperialismus kämpften. Diese Dinge sind halt nicht automatisch dasselbe. Das erklärt auch, warum Wilfried Böse damals begann, seine Aktionen kritisch zu hinterfragen. Denn an einem gewissen Punkt begannen die anderen Geiselnehmer, die jüdischen von den französischen und anderen Geiseln zu trennen, weshalb Böse plötzlich als Nazi betrachtet wurde, was er nun aber auf gar keinen Fall wollte. Ganz im Gegenteil: Böse war gegen Nazis. Wie uns die Geiseln von damals in Gesprächen erzählten, gab es tatsächlich während der aktiven Geiselnahme eine Diskussion darüber, die Böse zutiefst getroffen hat, was schließlich sogar dazu führte, dass er beim Angriff der Israelis die Geiseln nicht mehr töten wollte.

    Sprachtalent Rosamund Pike

    FILMSTARTS: Was kannst du uns Interessantes zur Besetzung sagen?

    José Padilha: Schon als ich das Skript gelesen habe, wusste ich sofort, dass ich Daniel Brühl für die Rolle von Böse wollte. Ich habe seine Karriere aufmerksam verfolgt und denke, dass er ein toller Schauspieler ist. Außerdem umgibt die Figur Böse eine gewisse Naivität. Er wurde als jemand beschrieben, der seine Ideologie gepredigt hat, als ob er eine Geisel tatsächlich davon überzeugen könnte, an das zu glauben, was er glaubt. Ich war mir sicher, dass Daniel das auf die Leinwand bringen kann.

    Rosamund Pike ist auch eine tolle Darstellerin: Ich wollte, dass die Deutschen im Film auch deutsch miteinander sprechen, aber Rosamund ist nun mal Engländerin. Also fragte ich sie: „Kannst du das?“ Und sie antwortete: „Hör zu, ich spreche kein Deutsch, aber ich kann es phonetisch lernen. Ich kann es wirklich schaffen, ich kann das Drama rüberbringen, während ich Deutsch spreche, auch wenn ich keine Ahnung davon habe, was das alles bedeutet.“ Also haben wir es versucht. Daniel war dann eines Tages am Set und meinte: „Oh mein Gott, sie spricht Deutsch!“ Und nicht nur das: Wenn ich drehe, improvisiere ich viel und ändere noch einiges an den Dialogen und Szenen. Wir haben auch an den deutschen Dialogen etwas geändert und sie hat es sofort und auf der Stelle gelernt und so dargestellt, wie man es jetzt sehen kann.

    Was die Besetzung der Israelis angeht: Ich habe Juwal Rabin, den Sohn von Yitzhak, gefragt, wer seinen Vater gut darstellen könnte. Sein Vorschlag war Lior Ashkenazi, den wir dann letztendlich auch gecastet haben. Die Rolle von Shimon Peres war hingegen sehr schwierig zu besetzen, denn wir wollten einen jüdischen Schauspieler aus Hollywood, aber sie hatten alle Angst davor. Ich wusste aber, dass Eddie Marsan ein großartiger Schauspieler ist und dass er und Lior gut zusammenpassen würden. Also habe ich ihn gefragt und ich denke, dass seine Darbietung einfach wundervoll ist – auch wenn er nicht jüdisch ist.

    Am Set mit Soldaten von damals

    FILMSTARTS: Die Militäraktion der Israelis zur Befreiung der Geiseln war ja ziemlich gewagt, gerade aus heutiger Sicht. Man kann ja schließlich nicht mehr einfach so unter dem Radar hindurchfliegen, so wie sie es damals gemacht haben…

    José Padilha: Ich habe die Soldaten in Israel getroffen, die damals dabei waren. Und als ich die große Actionszene am Ende des Films gedreht habe, standen zwei von ihnen direkt neben mir und ich habe die Sequenz auf Grundlage ihrer Beschreibungen inszeniert. Einer von ihnen, Amir Ofer, betrat damals als erstes das Terminal, in dem sich die Geiseln und die Terroristen befanden. Der andere Soldat wiederum war derjenige, der Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann getötet hat.

    Die Militäraktion war übrigens eine ziemlich beeindruckende Operation. Sie war sehr schwierig, sie hatten viel Glück und ich denke, dass Rabin selbst nicht an den Erfolg geglaubt hat. Und trotzdem gab er das Startsignal dafür. Auch darum geht es in dem Film: Es ist einfach sehr schwierig für Politiker in Israel und Palästina, in solchen Situationen miteinander zu verhandeln. Denn die politische Dynamik auf beiden Seiten führt dazu, dass die Amtsträger beider Staaten ihrem Volk das Gefühl geben müssen, sie würden es vor der jeweils anderen Seite beschützen. Wenn man auf diese Weise erst einmal an die politische Macht gekommen ist, ist es anschließend sehr schwer, von dieser harten Linie abzuweichen und sich an den Verhandlungstisch zu setzen.

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    Daniel Brühl und Rosamund Pike als Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann.

    FILMSTARTS: Ironischerweise erhält man aber beim Schauen des Films den Eindruck, dass es für einen Politiker in solchen Situationen einfacher ist, wenn er vorher auch Mitglied des Militärs gewesen ist…

    José Padilha: Wenn man wie Rabin zuvor selbst im Militär gedient hat, versteht man die Konsequenzen besser, die aus ausbleibenden Verhandlungen resultieren, weil man selbst erlebt hat, was Krieg eigentlich bedeutet. Rabin hat zum Beispiel im Sechstagekrieg gekämpft und wusste daher genau, wie grausam das ist. Peres hingegen war immer ein Politiker, war nie selbst in einem Krieg und ironischerweise trotzdem viel militaristischer eingestellt als Rabin.

    Man muss erst einmal die politische Dynamik in Israel verstehen, um die Person Rabin verstehen zu können. Rabin wandelte sich nämlich mit der Zeit von einem ursprünglich militaristisch und gegenüber den Palästinensern aggressiv eingestellten Menschen zu der Person, der den Friedensprozess in Oslo mit vorangetrieben hat. Der Werdegang von Yitzhak Rabin zeigt etwas sehr Wichtiges, was auch im Film angedeutet wird: Um als israelischer Soldat als tapfer angesehen zu werden, muss man auch tapfer kämpfen – ich steige in ein Flugzeug, nehme das Risiko auf mich und deshalb bin ich ein tapferer Soldat. Für einen israelischen Politiker sind es hingegen Verhandlungen, für die er eine größere Tapferkeit als für einen Krieg aufbringen muss. Und Rabin musste letztendlich auch sterben, weil er sich für den Frieden eingesetzt hat.

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    Eddie Marsan und Lior Ashkenazi als Shimon Peres und Yitzhak Rabin.

    Die Geiselnahme von Entebbe geschah übrigens kurz vor den damaligen Wahlen und sowohl Rabin als auch Peres kandidierten beide für den Posten des Ministerpräsidenten. Rabin gewann nur sehr knapp und in seiner Wahlkampagne betonte er, dass man das Militärbudget reduzieren und stattdessen in Kunst, Kultur und Bildung investieren müsse – Peres‘ Kampagne war das genaue Gegenteil. Damals konnte es sich Rabin nicht erlauben, öffentlich über Verhandlungen mit den Palästinensern zu sprechen, aber privat dachte er bereits daran. Er wusste, dass erst eine Übereinkunft mit Palästina getroffen werden müsste, um dann das Militärbudget senken zu können. Politisch waren ihm damals aber die Hände gebunden und es hat sehr lange gedauert, bis er seine Einstellung öffentlich machen konnte.

    Aus vielerlei Gründen hat Entebbe die Zukunft Israels stark verändert und man muss sich klarmachen, welch Ironie des Schicksals in dieser Geschichte steckt: Rabin wollte verhandeln, weil er nicht mehr an eine militärische Lösung glaubte, doch Peres übte zu großen Druck auf ihn aus. Es gab also eine gewaltsame Geiselbefreiung, bei der Jonathan Netanjahu ums Leben kam, was wiederrum dessen Bruder Benjamin dazu veranlasste, in die Politik zu gehen. Anschließend verkörperte Benjamin Netanjahu die harte Linie der politischen Rechten, auf keinen Fall mit den Palästinensern zu verhandeln. Als Rabin dann in Oslo war, wünschten ihm einige konservative Israelis sogar den Tod und Benjamin Netanjahu war zumindest Teil dieser Bewegung, die Rabin letztendlich sogar das Leben kostete. Hätte er damals mit den Geiselnehmern in Entebbe verhandelt, wäre Jonathan womöglich nicht gestorben und in der Folge auch Rabin selbst nicht – es ist echt verrückt!

    Der deutsche Kinostart von „7 Tage in Entebbe“ ist der 3. Mai 2018.

     

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